Report: Das große Problem mit Unitys Runtime Fees
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Update: Unitys Runtime Fees lösten Chaos im Netz aus. Was Ironsource, Applovin, Riccitiello und Anwälte damit zu tun haben, klären wir in unserer Reportage auf.
Distributoren
Noch ein bisschen verwirrender wird die Geschichte, wenn es um Spiele-Sammelstellen geht wie Xbox Gamepass, Playstation Plus oder Netflix Games. Auf Nachfrage besorgter Entwickler fügte Unity einen Abschnitt in ihre FAQs ein, in denen sie erklären, dass die jeweiligen Distributoren die neue Gebühr bezahlen müssten und nicht die Entwickler selbst. Das erklären sie so, dass die Kosten ja nicht durch die Installation des Spiels direkt entstehen, sondern durch Unity Runtime: Ein Programm, das beim Download eines Spiels mit heruntergeladen wird und dafür sorgt, dass das Endgerät das Spiel auch abspielen kann.
Laut Unity ist im Falle von Abo-Diensten wie dem Xbox Game Pass also nicht der Entwickler der Distributor, sondern Microsoft. Dieser Gedanke ist zwar nett, allerdings entstehen hierdurch ganz neue Fragen, die Unity bis jetzt noch nicht beantwortet hat. Warum sollte Microsoft an ein Unternehmen Geld bezahlen, mit dem sie keinen Vertrag haben und was ist mit Shop-Seiten, wie Steam oder dem Nintendo-Store, die per Definition ebenfalls als Distributor zählen? Gleiches gilt übrigens auch für physische Versionen von Spielen - ob Media Markt, Saturn, Müller, Expert und Co. von ihrem Glück schon wissen?
Quelle: Unity.com
Distributoren werden in die Mangel genommen
Laut Anwalt Rauda existieren keine Verträge zu Lasten Dritter, Unity hat effektiv also ohne vertragliche Grundlage überhaupt keine Handhabe, wenn es darum geht, den Giganten der Spielebranche horrende Rechnungen zu stellen. Das wäre auch fatal, denn die folgerichtigen Konsequenzen für die großen Abodienst-Anbieter wäre, Spiele auf Unity-Basis nicht in ihr Portfolio mit aufzunehmen. Im Gespräch mit Paintbucket Games erzählt uns Mitgründer Jörg Friedrich, dass man vor allem davor Angst hat, dass Unitys Gebaren Publisher und Plattformhalter wie Xbox Games Pass oder Netflix verunsichert und man sich dort gegen Spiele mit dem Makel "Unity" entscheidet. Das träfe nämlich auch auf "Through the Darkest of Times" und "The Darkest Files" zu, die das Berliner Studio in den letzten Jahren herausgebracht hat.
Geänderte Verträge und Nutzungsbedingungen
Und wenn wir schon bei Verträgen sind, die man so nicht schließen kann, dann reden wir doch gleich darüber, dass Unity versucht, hier Verträge über die Köpfe ihrer Partner hinweg zu verändern. Das können sie effektiv aber nicht, vor allem, wenn es dem Vertragspartner wesentlich zum Nachteil gereicht. Auf unsere Nachfrage bei Prof. Dr. Rauda kann Unity die bestehenden Verträge aber kündigen und den Partnern entsprechend neue Konditionen anbieten. Das ist bei dem bestehenden Abo-Model, das auf jeweils Ein-Jahres-Zyklen ausgelegt ist, vermutlich auch der Grund, warum die Änderung erst ab dem 01. Januar 2024 gültig werden soll. Bis dahin ist ein Abo-Zyklus auf jeden Fall durch und wer dann nicht den neuen Konditionen zugestimmt hat, dem kann Unity eben die Mitgliedschaft in ihrem fragwürdigen Club kündigen.
Und eigentlich darf man einer solchen Änderung ja auch widersprechen. Laut den Nutzungsbedingungen der Unity Engine darf ein Entwickler in so einem Fall eine frühere Engine-Version zu den alten Konditionen weiterhin einsetzen, bis er die Engine aktualisiert. Zumindest stand das so auf Unitys Website bis zum 03. April dieses Jahres, als sie ihre Nutzungsbedingungen geändert und die entsprechende Passage einfach getilgt haben.
Die Anwaltskanzlei Brehm und von Moers veröffentlichte zu diesem Thema ein Statement auf ihrer Website und zeigt auf, dass eine sogenannte Widerspruchsfrist laut Gesetz zwingend notwendig ist. Denn sowohl privat als auch im Geschäftlichen hat man immer das Recht, sich gegen Änderungen in Verträgen zu wehren. Zudem wird durch die Einführung der Runtime-Gebühren, also das Programm hinter den Spielen, eine neue Hauptleistung eingeführt - was sich nicht einfach ohne Zustimmung durch die Nutzungsbedingungen abdecken lässt.
Daraus ergibt sich am Ende aber ein ganz eigenes Problem für alle Beteiligten: Wenn ein Entwicklerstudio dem neuen Vertrag nicht zustimmt und Unity somit nicht weiternutzt - auf welcher Grundlage will Unity für die bisherigen erschienenen Spiele Geld verlangen? Nach aktuellem Stand dürfen Spiele natürlich weiterhin verkauft werden, die durch Unity entstanden sind, auch wenn die Entwickler bereits kein Vertragsverhältnis mehr mit Unity führen. Wie dieses Gedankenspiel sich rechtlich aber tatsächlich gestaltet, daran knobeln Anwälte noch, denn internationales, deutsches und amerikanisches Recht, gepaart mit einem Unternehmen, das sich zeitweise im Stundentakt zu neuen Konditionen entschließt, sorgen für ein Geflecht, das uns die nächsten Monate noch auf Trab halten dürfte.
