Titanfall 2: Wo ist Frontier Defense? Eine Kolumne zum fehlenden Koop-Modus des großartigen Mech-Shooters
Kolumne
Titanfall 2 war einer der besten Ego-Shooter des vergangenen Jahres. Doch er hätte noch viel besser sein können, findet Redakteur Peter Bathge. Dazu hätte Entwickler Respawn einfach nur den im Vorgänger nachträglich per Patch eingefügten Koop-Modus Frontier Defense für den Nachfolger adaptieren müssen. Doch dieser Schritt blieb bislang aus. Ein schwerer Fehler.
Titanfall 2 hat keinen Koop-Modus. Warum eigentlich nicht? Entwickler Respawn Entertainment hätte doch nur Frontier Defense aus dem ersten Titanfall rechtzeitig zum Release für den Nachfolger fit machen müssen. Doch die US-Amerikaner verzichteten - und beraubten den Ego-Shooter damit nicht nur um einen äußerst spaßigen Spielmodus, sondern haben sich mit Blick auf die verhaltenen Titanfall 2-Verkaufszahlen möglicherweise auch ins eigene Fleisch geschnitten.
Quelle: PC Games
Titanfall 2 bietet wieder einen PvP-Modus für schnelle Multiplayer-Partien - die haben mich aber nicht allzu lange gefesselt.
Keine Lust auf den Mehrspieler-Trott
Multiplayer-Shooter reizen mich nicht (mehr). Im Team bei Battlefield Flaggenpunkte erobern - das hat mir das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg Spaß gemacht (im virtuellen natürlich, so alt bin ich schließlich auch nicht!). Früher bin ich durch Arenen in Unreal Tournament und Quake 3 Arena geflitzt, heute können mich Spiele wie Overwatch nur wenige Minuten fesseln, bevor ich zu meinen Einzelspieler-Storys à la Half-Life 2 zurückkehre, zu meinen launigen Solo-Ballereien wie bei Doom. Selbst bei meinem jährlichen "guilty pleasure" Call of Duty mache ich mittlerweile einen großen Bogen um den Mehrspieler-Modus mit seinen unfairen Sniper-Kills und blödsinnigen Respawns vor der Flinte eines Gegners. Und das, obwohl ich doch einstmals viele Stunden auf Maps wie Strike und Ambush im ersten Modern Warfare verbracht habe - mit Killstreaks und altmodischem Server-Browser als Gesellschaft.
Der Wettstreit mit anderen Spielern in der Welt der Bits und Bytes ist mir mit der Zeit vielleicht zu hektisch geworden, vielleicht haben meine Reflexe abgebaut (auch wenn ein paar sehenswerte Torparaden in Rocket League etwas anderes behaupten), vielleicht bin ich aber auch mit zunehmenden Alter einfach nicht mehr so geltungssüchtig, dass ich meinen Nickname unbedingt an erster Stelle in der Online-Rangliste sehen muss. Viel mehr Spaß macht mir mittlerweile der gemeinsame Wettstreit gegen Computergegner - im guten, alten Koop-Modus.
Spaß am kooperativen Ballern
Mit Left 4 Dead ging es damals los, die Zombie-Hatz zu viert gegen einen scheinbar intelligenten KI-Regisseur hat mich viele Dutzend Stunden lang an den Monitor gebannt. Denn hier wurden die Monster - es sei denn, ich wollte das und wechselte zum Versus-Modus - nicht von anderen Spielern gesteuert, die mir mit überlegenen Sniper-Künsten oder herausragender Map-Kenntnis den Spaß verderben konnten. Ich musste mich nicht mit hyperaktiven Hardcore-Zockern messen, die 18 Stunden am Tag spielen und mir nicht nur die virtuellen Lichter auspusten, sondern danach auch noch meine Mutter im Chat beleidigen. Während in PvP-Shootern auf öffentlichen Servern die Spieler-Belegschaft ständig wechselt und man kaum Kontakte zu fremden Zockern knüpft, schweißt das gemeinsame Überleben in Left 4 Dead (am besten auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad Survival) zusammen. Man chattet und albert herum, man schreit ins Mikrofon und bittet um Hilfe, wenn einen mal wieder ein Hunter erwischt hat. Diese Partien in Valves Zombie-Shooter gehören bis heute zu den schönsten Online-Erlebnissen meiner Spielerkarriere.
In den folgenden Jahren kam zwar weniger Nachschub als ich mir vielleicht erhofft hatte, dennoch standen dem unaufhaltsamen Trend zum Online-Ballern mit menschlichen Widersachern stets ein paar herausragende Koop-Spiele gegenüber, welche die Zusammenarbeit in den Mittelpunkt stellten, von Serious Sam, über Payday 1 & 2 sowie kürzlich Shadow Warrior 2 bis in zu Titanfall. Der Frontier-Defense-Modus hat Respawns ersten Shooter 2014 für mich persönlich gerettet. Das kostenlose Update 8 mit dem neuen Spielmodus erschien im Oktober, über sechs Monate nach dem Release des Hauptspiels im März 2014.
Quelle: PC Games
Je nachdem, wie erfolgreich ihr bei der Verteidigung des Harvesters in Frontier Defense wart, gab es bis zu drei Sterne für euren Sieg.
Zu diesem Zeitpunkt war für viele Titanfall-Spieler bereits die Luft raus; mir ging es da nicht anders. Das geniale Bewegungssystem mit Wallruns und Doppelsprüngen sowie die Kombination aus schwerfälligen Mechs und agilen Piloten waren zwar über jeden Zweifel erhaben. Aber nach 20, 30 Stunden Freischalt-Marathon machten sich die im Vergleich zu Battlefield & Co. fehlenden Inhalte wie zusätzliche Modi, Waffen und Karten bemerkbar. Die Titanfall-Community schrumpfte, auch ich deinstallierte das Spiel zwischendurch.
Doch dann kam Frontier Defense und ich gab Titanfall noch mal eine Chance. Die neue Spielvariante hatte mich innerhalb kürzester Zeit angefixt, schon bald spielte ich nur noch diese gelungene Variante des von Gears of War geprägten Horde-Modus. In Frontier Defense dreht sich alles um den Harvester, ein turmähnliches Gebilde, das es zu verteidigen gilt, rund 10 bis 15 Minuten lang. Vier Spieler stellen sich während dieser Zeit Horden von computergesteuerten Fußsoldaten und Titans entgegen, die in zwei bis sechs aufeinander folgenden Runden angreifen. Jeder Spieler darf pro Runde einen Geschütztürm platzieren, größtenteils muss man sich bei den Abwehrschlachten aber auf das eigene Geschick und die Feuerkraft von Pilot und Titan verlassen - sowie auf die gelungene Koordination innerhalb des Teams.
Quelle: PC Games
Wird der Harvester zerstört, gibt euch Titanfalls Koop-Modus eine zweite und dritte Chance, bevor es Game Over heißt.
Klasse: Titanfall-Entwickler Respawn hat sich für den Koop-Modus neue KI-Gegnerklassen ausgedacht. Das war auch nötig, denn der erste Teil der Shooter-Serie kam noch ohne Solo-Kampagne daher. Neben selbstmörderischen, explodierenden Robotersoldaten gesellten sich unterschiedliche Titan-Arten auf das Schlachtfeld: Mortar-Titans etwa nehmen den Harvester von den Außenbezirken der Map aufs Korn. Nuke-Titans dagegen treten gerne in Gruppen auf und stapfen langsam in Richtung Harvester, wo sie sich selbst mittels einer nuklearen Explosion in die Luft jagen. Arc-Titans schließlich schalten mit ihrem elektrischen Kraftfeld den regenerativen Schutzschild des Harvesters aus und sind noch dazu absolut tödlich für Piloten, die sich in ihre Nähe wagen. Außerdem gibt es Drohnen, die Gruppen von Gegnern tarnen, selbst Titans.
Weitere Extras wie Geld für Abschüsse oder ein separates Levelsystem sucht man in dieser Spielvariante vergebens (das wären gute Ideen für eine Titanfall 2-Adaption gewesen!), Respawn Entertainment hat das Konzept des Koop-Modus auf die essentiellen Bestandteile heruntergeschliffen. Dadurch wirkt Frontier Defense gerade im Vergleich zu so manchem vollwertigen Tower Defense-Spiel regelrecht simpel. Im Gegenzug konnten sich die Entwickler dafür auf die grundlegende Mechanik konzentrieren. Und die funktioniert einwandfrei - auch mit Fremden auf öffentlichen Servern. Die Koop-Partien sind zugänglich, kurzweilig und spannend.
Ganz so, wie ich das mag.
Ohne Koop gegen Call of Duty untergegangen
Titanfall 2 fehlt also dieser Koop-Modus. Freilich ist es möglich, dass Frontier Defense nachträglich seinen Weg ins Spiel findet - genau wie beim Vorgänger als kostenloses Update. Schließlich veröffentlicht Entwickler Respawn Entertainment bei Titanfall 2 alle neuen Maps und Modi als Gratis-DLC, unlängst wurde etwa ein entsprechendes Paket mit neuen Inhalten angekündigt. Ich rechne sogar ganz fest damit, dass der Ego-Shooter in einigen Monaten Koop-Partien erlaubt - doch dann könnte es wie schon beim Vorgänger zu spät sein. Denn Titanfall konnte 2014 nicht mehr groß von Frontier Defense profitieren, die Hoffnungen auf einen zweiten Frühling für das Online-Geballer erfüllten sich nicht. Beim Nachfolger hätte Respawn aus diesem Fehlschlag lernen können - und den Koop-Modus direkt in die Releaseversion von Titanfall 2 einbauen müssen.
Quelle: PC Games
Titanfall 2 war zwar mit toller Kampagne und rasanten Multiplayer-Partien gesegnet, doch der Release zwischen Battlefield 1 und Call of Duty hat dem Ego-Shooter geschadet.
Mit einem in die Zeit zwischen Battlefield 1 und Call of Duty: Infinite Warfare gequetschten Veröffentlichungstermin hatte Titanfall 2 einen schweren Start. Laut Publisher Electronic Arts sollte der Mech-Shooter die Call of Duty-Spieler ansprechen - doch die eher verhaltenen Verkaufszahlen lassen darauf schließen, dass dieses Unterfangen in die Hose ging. Ein Koop-Modus zum Release hätte hier vielleicht Abhilfe geschaffen - denn dann wäre Titanfall 2 dem neuen Call of Duty tatsächlich auf Augenhöhe begegnet.
Bereits seit mehreren Jahren fußt der Erfolg von Activisions Militär-Shooter-Serie auf der Dreifaltigkeit aus Einzelspieler-Kampagne, Multiplayer-Modus und Koop. Treyarch, eines der drei Call of Duty-Studios, stieß einst mit dem Zombie-Modus auf Gold, seitdem ist kooperatives Ballern ein fester Bestandteil von CoD. Titanfall 2 konnte dieses Jahr zwar erstmals ebenfalls mit einem Solo-Erlebnis für Spieler ohne Online-Präferenz punkten - doch der fehlende Koop-Modus hat vielleicht den ein oder anderen vor die Wahl gestellten Shooter-Fan letztlich doch eher zu Call of Duty greifen lassen. So aber blieb Titanfall 2 der ganz große kommerzielle Erfolg verwährt. Schade drum, denn die spielerische Qualität dieses feinen Ballervergnügens lässt sich nicht leugnen. Etwas mehr Fingerspitzengefühl beim Festlegen des Veröffentlichungstermins und ein von Anfang an verfügbarer Koop-Modus - Titanfall 2 hätte ganz groß werden können. So bleibt es ein Kritikerliebling - einer, den ich nach dem Durchspielen der Kampagne inzwischen nur noch selten starte.
