The Day Before: Chronologie eines Scams - wie konnte es so weit kommen?

Special David Benke Lukas Schmid
Artwork aus The Day Before
Quelle: FNTASTIC

Vom Shootingstar zur Supernova: Wir gehen dem Untergang von The Day Before auf den Grund und zeichnen nach, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

"Viele Volunteers hatten Fragen. Teils extrem simple Fragen, [...] etwa ob es möglich sei, als weiblicher oder männlicher Charakter zu spielen", erklärt ein ehemaliger Community-Manager. "Keiner wusste Bescheid. [...] Die Leute wurden wie Dreck behandelt. Sie waren müde und mussten Überstunden machen. Sie wurden von der Führungsetage extrem unter Druck gesetzt und quasi in den Burn-out getrieben."

Er selbst habe dem Projekt ungefähr zwei Jahre seiner Lebenszeit gewidmet, für die er am Ende nicht einen Cent zu sehen bekam. "Es stellt sich heraus, dass alles eine Lüge war und alles, was ich getan habe, umsonst."

Die Entwicklung sei absolut chaotisch gewesen, erzählt ein anderer Mitarbeiter gegenüber Dualshockers. Vor allem die Studiogründer müssen sich einiges an Kritik anhören: Sie hätten das Feedback des Teams größtenteils ignoriert und weitreichende Entwicklungsentscheidungen aus puren Launen heraus getroffen.

"Es wurden viele dumme Ideen implementiert, gestrichen und dann erneut eingebaut, weil [die Gotovtsevs] dachten, sie wüssten am besten Bescheid", rechnet der Ex-Entwickler mit der Chefetage ab. "Eine Menge Zeit und Ressourcen wurden einfach verschwendet, weil wir manche Aufgaben immer und immer wieder machen mussten." Wer sich offen gegen das Duo an der Spitze aussprach, riskierte, fristlos entlassen zu werden.

Noch mehr Enthüllungen liefert ein Post des Nutzers EpicStory1989: Das Team hinter The Day Before habe seine Community im großen Stil angelogen. Auf dem offiziellen Discord-Server wurden angeblich bewusst Falschinformationen verbreitet. So sei etwa von Anfang an klar gewesen, dass das versprochene Survival-MMO nicht umsetzbar wäre.

Das habe FNTASTIC aber nicht nach außen kommuniziert. Gekaufte Bot-Reviews beschönigten die miesen Nutzerbewertungen auf Steam. Das Spiel selbst wurde größtenteils aus dem Unreal Store zusammengekauft.

EIne Straße mit Zombies Quelle: FNTASTIC Über 100 Assets und Plug-ins lassen sich laut einer Auflistung von EpicStory im Spiel wiederfinden, darunter die Third-Person-Kamera, das Dialog-System, die Skybox und teils komplette Straßenabschnitte. Kostenpunkt: knapp 5.000 Euro.

Wie viel Geld auf der Gegenseite eingespielt wurde, verrät indes eine angeblich geleakte Verkaufsstatistik aus internen FNTASTIC-Chatverläufen: Am Launch-Wochenende verkaufte das Studio knapp 200.000 Kopien, 90.000 davon wurden wieder zurückgegeben.

Bei einem Preis von etwa 40 Euro pro Spiel kommt man so auf rund 4,4 Millionen Euro Umsatz. Abzüglich der 30 Prozent Beteiligung, die Steam für sich einbehält, und einer knappen Million Serverkosten bleibt ein möglicher Gewinn von knapp zwei Millionen Euro.

Bei FNTASTIC ist das Geld aber wohl nie angekommen. Auf Twitter betont das Studio standhaft, man habe mit The Day Before nicht einen Cent verdient. Das könnte nicht nur an der Masse an Rückerstattungen liegen, sondern auch an den Nutzungsbedingungen von Steam: Valve bezahlt Entwickler nämlich nicht direkt für jedes auf der Plattform verkaufte Spiel.

Stattdessen werden alle Umsätze gesammelt am Ende des Kalendermonats abgerechnet. Heißt: Alle generierten Einnahmen liegen bis Ende Dezember noch bei Steam. FNTASTIC hat sich mit dem Geld also nicht aus dem Staub machen können.

13. Dezember 2023 bis heute: Cui bono?

Dass die Beteiligten komplett leer ausgegangen sind, ist dagegen aber auch eher unwahrscheinlich. Das einstige Büro in Singapur steht mittlerweile leer. Die Internetauftritte von CEO Eduard Gotovtsev sind gelöscht oder auf privat gestellt. Es scheint, als seien die Firmengründer untergetaucht.

Warum, verrät ein Artikel von Yahoo News. Dort hat man einen Finanzbericht des Unternehmens ausgegraben: Demnach konnte sich The Day Before zwar keine Förderung vom Staat Singapur sichern, dennoch verzeichnete das Entwicklerstudio im letzten Jahr Einnahmen in Höhe von ungefähr 3,4 Millionen Singapur-Dollar - also knapp 2,3 Millionen Euro.

Diese stammen aller Wahrscheinlichkeit nach von Publisher MyTona, der den Entwicklungsprozess laut offizieller Aussagen "voll finanziert" hatte.

Doch nicht nur den. Die zur Verfügung gestellten Mittel finanzierten auch das Luxusleben der Gotovtsev-Brüder. Beide Chefs zahlten sich laut offizieller Dokumente ein Gehalt von umgerechnet 140.000 Euro aus. Dazu kommen rund 200.000 Euro an Reisekosten. Es scheint also fast so, als wären die wahren Geschädigten des Scams nicht die Spieler, sondern die Herausgeber.

Was natürlich nicht bedeutet, dass eine Sammelklage getäuschter Käufer außerhalb der Möglichkeiten liegt. Zwar lässt sich The Day Before nicht einwandfrei als Betrug bezeichnen. Ob sich tatsächlich jemand strafbar gemacht hat, muss "erst noch geprüft" und entsprechend eindeutig "nachgewiesen" werden.

Das erklärt Rechtsanwalt Kai Bodensiek von der Kanzlei Brehm &. v. Moers im Gespräch mit Gamestar. Angesichts der Tatsache, dass keiner der im Vorfeld gezeigten Trailer auch nur ansatzweise das finale Gameplay widerspiegelt, könnte es sich in dem Fall aber zumindest um irreführende Werbung handeln.

"Die kann eben auch abgemahnt werden, zum Beispiel von Verbraucherschutzverbänden", so Bodensiek. "Und der Verbraucher kann dann Mängel geltend machen und Gewährleistungsansprüche ableiten."

Und das i-Tüpfelchen zum Schluss: Kurz bevor wir die redaktionelle Arbeit an diesem Artikel beendeten, wandte sich der nach wie vor vorhandene Twitter-Account von The Day Before am 22. Dezember 2023 an die Öffentlichkeit:

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"Liebe Community, es tut uns leid, euch mitteilen zu müssen, dass das Entwicklungsunternehmen FNTASTIC offiziell den Betrieb eingestellt hat. Infolgedessen wird The Day Before eingestellt und die Server werden am 22. Januar 2024 abgeschaltet.

Wie zuvor mitgeteilt, arbeitet MyTona als Investor in Zusammenarbeit mit Steam daran, Rückerstattungen für alle Spielkäufer zu ermöglichen. Für Spieler, die bisher keine Rückerstattung erhalten haben, wird Steam nun aktiv allen verbleibenden Spielern eine Rückerstattung gewähren.

Wir möchten uns bei der Community für die Unterstützung während der gesamten Lebensdauer des Projekts bedanken. Leider hatten wir ohne ein Entwicklungsteam keine andere Wahl, als das Projekt offiziell zu schließen. Wir danken allen Unterstützern herzlich für diese Reise und wünschen euch allen eine frohe Feiertagssaison."

Die Server des Spiels gehen also schon in sehr kurzer Zeit doch unwiederbringlich vom Netz, allerdings bekommen alle Käufer, auch jene, die es nicht aktiv zurückfordern, angeblich den ausgegebenen Kaufpreis zurückerstattet - ein nicht unbedingt erwartbarer Schritt. Wie viel da freiwillig geschah und wie viel Druck vonseiten Steams kam, kann nur spekuliert werden. Von einer Sache kann aber ausgegangen werden: Da letzte Kapitel des Dramas rund um The Day Before ist noch nicht geschrieben.

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