Vom Shootingstar zur Supernova: Wir gehen dem Untergang von The Day Before auf den Grund und zeichnen nach, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
Auftritt: Dead Dozen. Unter dem Namen veröffentlichte das Studio 2019 ein First-Person-Survival-Horrorspiel, in dem ihr zu viert aus einer mysteriösen Pyramide entkommen müsst.
Dummerweise spielte sich das Ding aber so unterirdisch, dass sich das niemand freiwillig antun wollte. Zum Launch waren gerade mal 81 Spieler gleichzeitig online - der Höchstwert in der sehr kurzen Lebensgeschichte. Drei Monate später wurden Support und Verkauf des Spiels eingestellt. Es zeichnete sich also schon damals ein recht klarer Trend ab, der sich - wie wir heute wissen - auch bis zu The Day Before fortsetzen würde ...
13. März 2021: Die ominösen technischen Probleme
Gegen Ende März 2021 hat das Spiel jedoch zunächst mit anderen Problemen zu kämpfen. Auch die vielen vorfreudigen Fans werden langsam etwas unruhig. Der Grund: Auf Twitter kündigen die Macher großspurig an, bei 10.000 Likes einen umfangreichen Gameplay-Clip zu veröffentlichen.
Als die Zahl überraschend schnell erreicht wird, kann FNTASTIC aber nicht liefern. Stattdessen gibt es lediglich einen Termin für den Trailer, den 7. April 2021. Der kann dann aber aufgrund ominöser "technischer Probleme" auch nicht eingehalten werden und muss kurzfristig verschoben werden.
9. April 2021: Der Hype-Train nimmt Fahrt auf
Das Warten scheint sich am Ende aber zu lohnen, denn am 9. April kommt der Trailer schließlich wirklich. Satte 13 Minuten gönnen uns die Entwickler, und in denen ist wirklich alles dabei: Jeeps, die sich in bester Mudrunner-Manier durch den Dreck wühlen, eine Tankstelle voller Loot, ein erster Blick auf die ländlichen Gegenden der Spielwelt, eine Horde Zombies, die durch eine Alarmanlage angelockt werden, und schließlich eine Gruppe schießwütiger Gegenspieler, die die Hauptfiguren in einen düsteren Bunker scheuchen.
Es ist die Initialzündung, die The Day Before endgültig ins mediale Rampenlicht katapultiert. Der Trailer erreicht innerhalb eines Tages eine Million Views. Auf Steam wächst die Follower-Zahl von April bis September 2021 auf beeindruckende 100.000 Menschen.
In der Liste der am heißesten erwarteten Spiele zementiert das Survival-MMO schnell seinen Platz in den Top 10, zwischen namhaften Konkurrenten wie Starfield und Hogwarts Legacy.
Quelle: FNTASTIC
Zwar tauchen zwischendurch immer wieder kritische Stimmen auf, die die Echtheit der Trailer infrage stellen. Vieles des Gezeigten scheint auf den zweiten Blick wie aus einem Asset-Katalog zusammengeklaut. Auf dem Kanal Gameology Forecast analysieren zwei Spieleentwickler das vorhandene Material und urteilen: Für Szenen direkt aus dem Spiel wirkt das Gameplay oft viel zu linear und zu gescriptet.
Die versprochene Open World lässt sich nur erahnen. Angeblich menschliche Gegenspieler verhalten sich ziemlich roboterhaft. Und das Trefferfeedback der Waffen passt nicht:
Manche Schüsse scheinen keine Auswirkungen auf die Zombies zu haben. Andere Infizierte zerplatzen spektakulär in ihre Einzelteile, obwohl niemand auf sie gezielt hat. Das hat alles mehr von einem Vertical Slice - also einem vorgerenderten, unspielbaren Ausschnitt zu reinen Präsentationszwecken.
Die Mahnungen bleiben aber nur eine Randnotiz. Dem Rummel um The Day Before tun sie keinen Abbruch. Der Hypetrain hat keine Bremse!
15. Oktober 2021: Endlich ein Release-Termin!
Der Rest des Jahres verläuft dann überraschend ruhig. Erst im Oktober meldet sich FNTASTIC mit Neuigkeiten zurück: Ein neuer Trailer gewährt Einblicke in den Social Hub des Spiels.
In dem könnt ihr euch mit anderen Überlebenden zusammentun, in die Muckibude gehen oder ... im Whirlpool sitzen?! Was es in der Postapokalypse nicht alles zu tun gibt! Darüber hinaus zeigen die Entwickler erstmals Features wie Waffenmodifizierung und ein rudimentäres Housing-System. Und es wird sogar ein Termin genannt, wann der Spaß endlich spielbar sein soll: am 21. Juni 2022, also bereits in knapp acht Monaten!
Die zweite Überraschung: Zusammen mit dem Releasedatum von The Day Before droppt auch FNTASTICs zweites Projekt Propnight. Die Mischung aus Dead by Daylight und Prop Hunt ist bereits ab dem 1. Dezember 2021 verfügbar und liefert den handfesten Beweis: Die Russen sind tatsächlich in der Lage, ein echtes Spiel zu entwickeln! Auch wenn die Kritiken zum Launch eher durchwachsen ausfallen ...
5. Januar 2022: Ein namhafter Partner
Im Januar 2022 untermauert The Day Before seinen Anspruch an sich selbst noch einmal mit einem neuen Trailer. Für den hat man sich sogar einen namhaften Partner mit ins Boot geholt, niemand anderen als Hardwareriese Nvidia.
Eine Kooperation mit dem Grafikkartenhersteller beschert dem Zombie-Abenteuer 4K- und Raytracing-Support, der direkt in einem schicken Vergleichsvideo zur Schau gestellt wird. Für viele Spieler ist das ein klares Zeichen: Wenn so etwas auf dem offiziellen GeForce-YouTube-Kanal hochgeladen wird, dann muss an dem Spiel wirklich was dran sein.
5. Mai 2022: Die erste Verschiebung
Oder auch nicht? Keine vier Monate später, im Mai 2022, trifft eine Hiobsbotschaft die Fan-Community: The Day Before wird doch nicht wie geplant am 21. Juni erscheinen. Keine sechs Wochen vor dem angepeilten Release wird der Termin um ein knappes Dreivierteljahr nach hinten verschoben, auf den 1. März 2023.
Das wirkt ein wenig verdächtig, aber FNTASTIC hat einen wirklich guten Grund parat: Bei der Entwicklung wird von der Unreal Engine 4 auf die Unreal Engine 5 umgesattelt. "Der Wechsel [...] wird das Gameplay von The Day Before noch fantastischer machen", verspricht das Studio, um die Wogen zu glätten.
27./28. Juni 2022: Unbezahlte Arbeit bei FNTASTIC
Stattdessen folgt im Juni 2022 direkt der nächste Shitstorm: Auf Twitter tauchen Screenshots von der offiziellen Webseite von FNTASTIC auf. Darauf zu sehen ist ein öffentlicher Aufruf, in dem das Studio nach freiwilligen Helfern für sein Projekt sucht.
Sogenannte "Volunteers" dürften bei der Weiterentwicklung von The Day Before mithelfen. Im Austausch winken "coole Rewards" wie kostenlose Codes oder Teilnahmezertifikate. Bezahlung? Fehlanzeige! Und das bei einem selbst ernannten Triple-A-Projekt!
Zwar versuchen sich die Macher noch zu rechtfertigen, auf teils kuriose Weise. In einem Blogpost argumentieren sie etwa, "Volunteer" käme ja vom lateinischen Wort "voluntarius", was grob übersetzt "aus freien Stücken" bedeutet.
Damit sei ja jeder Mitarbeiter ein "Volunteer", weil er sich freiwillig für seinen Job entschieden habe. Außerdem wären die Helfer ja nicht direkt in die Entwicklung involviert. Es ginge mehr um Aufgaben wie Übersetzung, Playtesting und Community-Management. Aber der Schaden ist da schon angerichtet.
