The Centennial Case: A Shijima Story im Test - Seite 2
Test
Ein interaktiver Detektiv-Thriller mit Mystery-Elementen: Das will The Centennial Case: A Shijima Story sein. Im Test entpuppt sich das neue FMV-Spiel von Square Enix allerdings als ziemliches Schmierentheater mit laienhaften Schauspiel-Performances, konfusem Writing und fehlendem spielerischen Anspruch.
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Wo ist das "interaktiv" in diesem Film?
Das Problem: Abseits der Videosequenzen bleibt nur noch sehr wenig Spiel übrig. Klar kann man jetzt sagen, dass das bei einem interaktiven Film so ein wenig in der Natur der Sache liegt. Aber andere Genrevertreter haben doch auch irgendwie noch Gameplay in ihr Gesamtpaket geschmuggelt. In Erica durftet ihr beispielsweise über das Touchpad eures Controllers streicheln und so mal ein paar Schubladen öffnen oder Schlüssel umdrehen. Im Grunde zwar auch dumm, aber durch diese Mini-Interaktionen fühlte man sich nicht wenigstens wie ein stiller Zuschauer, sondern durfte so zumindest tun, als würde man aktiv am Geschehen teilnehmen.
Quelle: Square Enix
Wer ist der Killer? Mangels eines Gärtners ist die Antwort in The Centennial Case gar nicht mal so einfach.
The Centennial Case bekommt aber nicht mal das hin. Ihr dürft euch in Szenerien nicht umschauen, nicht mit Dingen interagieren. Das höchste der Gefühle ist noch, dass ihr mal ein paar Antwortoptionen aussuchen könnt - nur um dann zu merken, dass Haruka die eigentlich gar nicht laut aussprechen möchte und ihr mit der nächsten Zeile erneut euer Glück versuchen müsst. Aber hey, kein Grund sauer zu sein: Welche Dialogoption ihr auswählt, ist am Ende ohnehin völlig wurscht. Die Szene spielt sich immer exakt gleich ab. Eure Aussagen ändern nichts, sie schalten keine neuen Wege frei oder decken zusätzliche Hinweise auf, die euch dann später beim Lösen der Fälle behilflich werden könnten. Das Spiel bleibt komplett linear - ohne Entscheidungen oder Abzweigungen. Wiederspielwert: Fehlanzeige.
Das führt dazu, dass ihr in den sogenannten Szenarioteilen eigentlich nur teilnahmslos vor dem Rechner sitzt, einem Spielfilm zuschaut und gelegentlich mal eine Taste drückt, um einen der Hinweise auf dem Bildschirm zu registrieren. Oder eben nicht. Macht eh keinen Unterschied. Anders als in Her Story oder Telling Lies müsst ihr in The Centenniel Case nicht gezielt nach Informationen suchen. Das übernimmt im Zweifelsfall das Spiel selbst für euch. Im Logikteil, in dem ihr Indizien zu ersten Vermutungen kombiniert, habt ihr also automatisch Zugriff auf alle wichtigen Details. Das macht es Hobby-Detektiven geradezu lachhaft einfach - nicht, dass die restliche Ermittlungsarbeit deutlich anspruchsvoller wäre.
Knobeln im Hexagon
Die spielt sich komplett in Harukas Kopf in einer Art Gedankenpalast ab. Hier schiebt ihr per Drag and Drop verschiedene Sechsecke herum, aus denen sich dann erste Schlüsse ziehen lassen: Wer könnte der Mörder gewesen sein? Wann fand die Tat statt etc. pp? Welche Sechsecke zusammenpassen, erkennt ihr an einem Muster an deren Kanten. Wer also verstanden hat, wie Domino funktioniert, blickt auch hier schnell durch.
Quelle: Square Enix
Im Logikteil schiebt ihr per Drag and Drop verschiedene Sechsecke durch die Gegend und kombiniert so Hinweise zu Schlussfolgerungen.
Falsche Behauptungen lassen sich dadurch gar nicht erst aufstellen, dafür aber dutzende unglaubliche dumme: Hat der Täter vielleicht den Boden eingeseift, damit das Opfer ausrutscht und sich den Schädel auf dem Steinboden kaputtschlägt? Könnte ja möglich sein! Da jede dieser vollkommen abwegigen Optionen auch noch mit einer eigenen CGI-Sequenz bebildert wird, die sich nicht überspringen lässt, wird die Logikphase zu einer unnötig langatmigen Angelegenheit. Teilweise verbringt ihr gut und gerne 30 Minuten in dem Bildschirm, selbst, wenn ihr es euch mit Geistesblitz-Punkten noch einfacher macht.
Zum krönenden Abschluss geht's zur letzten Phase, dem Krimi-Klimax: dem Auflösungsteil. Hier müsst ihr den Täter mit eurer stichfesten Argumentation an die Wand nageln, was sich im Glücksfall überraschend unterhaltsam gestaltet. The Centennial Case stupst euch nämlich nicht in eine bestimmte Richtung und sagt: "Hey, genauso ist es abgelaufen." In manchen Fällen ist also zu Beginn eures Plädoyers gar nicht endgültig klar, wer denn jetzt eigentlich was gemacht hat. Dann müsst ihr zunächst ein wenig auf die eigene Intuition vertrauen, bis euch mit einem netten Aha-Moment im Detektiv-Conan-Style die Schuppen von den Augen fallen und ihr den Verdächtigen in einem dramatischen Showdown so lange bearbeitet, bis er stammelnd und schwitzend einknickt.
Es war (nicht) der Gärtner
Quelle: Square Enix
Einige der möglichen Tathergänge werden mit kurzen CGI-Sequenzen illustiert.
Auf der anderen Seite ist aber auch genau das Gegenteil möglich: Ihr habt absolut keine Ahnung, wer eigentlich der Täter sein soll, weil euch wichtige Motive oder Indizien fehlen. In dem Fall müsst ihr einfach ins Blaue raten. Oder ein möglicher Täter zerschießt euch eine eigentlich schlüssig klingende Beweisführung mit einer vollkommen absurden Ausrede. Dann steht ihr blamiert da, wie der Typ, der bei der 100-Euro-Frage von "Wer wird Millionär" verkackt hat, und müsst die Szene in bester Trial-and-Error-Manier von vorne versuchen. Endgültiges Scheitern ist in The Centenniel Case schließlich keine Option. Ihr könnt nicht versehentlich einen Unschuldigen hinter Gitter bringen. Die schlimmste Auswirkung ist, dass die Bewertung eurer Leistung leidet, die ihr am Ende eines jeden Aktes bekommt.
Von diesen Akten gibt es insgesamt sechs Stück. Und das ist ebenfalls ein kleines Problem. Für unseren Geschmack zog sich das ganze Theater gegen Ende einfach viel zu lang hin. Hier mal ein Vergleich: Für einen Spieldurchlauf in Erica braucht man etwa drei Stunden, in The Centenniel Case sind es fast 12. Für einen netten kleinen Trash-Abend zwischendurch eignet sich der Titel also leider auch nicht - trotz anderweitig hervorragender Voraussetzungen. Mit The Bunker oder anderen Machwerken von Wales Interactive solltet ihr mehr Spaß haben, und wahrscheinlich auch noch deutlich billiger wegkommen.
Meinung
The Centennial Case: A Shijima Story ist am 12. Mai 2022 erschienen. Der Titel ist auf dem PC via Steam verfügbar, außerdem gibt es Versionen für Playstation 4+5 sowie die Nintendo Switch. Der Preis liegt auf allen Plattform bei etwa 50 Euro. Über eine mögliche Version für Xbox-Konsolen ist bisher noch nichts bekannt.
