The Centennial Case: A Shijima Story - Kurioses Laientheater aus Fernost

Test David Benke
The Centennial Case: A Shijima Story - Kurioses Laientheater aus Fernost
Quelle: Square Enix

Ein interaktiver Detektiv-Thriller mit Mystery-Elementen: Das will The Centennial Case: A Shijima Story sein. Im Test entpuppt sich das neue FMV-Spiel von Square Enix allerdings als ziemliches Schmierentheater mit laienhaften Schauspiel-Performances, konfusem Writing und fehlendem spielerischen Anspruch.

Full-Motion-Video-Spiele galten in den 90ern als der heiße Scheiß: Echte Schauspieler und reale Kulissen über den Computerbildschirm flimmern zu sehen, das war damals wirklich was Besonderes. Und auch heute sind Titel wie Phantasmagoria oder Night Trap noch immer erstklassige Unterhaltung, wenn man sich die Dinger mit 30 Jahren Distanz anschaut und fragt, wie das jemals jemand bedenkenlos durchwinken konnte. Mal im Ernst: Gabriel KNIGHT, der bei Familie Ritter auf Schloss Ritter in Rittersberg nach Werwölfen sucht? Was ein absoluter Blödsinn! Wer würde sowas auch nur 50 Punkte geben?

Obwohl die Geschichte sie also eigentlich eines Besseren belehrt haben sollte, versuchen sich in letzter Zeit aber immer wieder Entwickler an interaktiven Filmen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Manche Titel schaffen es, dem Gerne frischen Wind einzuhauchen, andere sind dagegen Paradebeispiele dafür, warum FMV-Games in den letzten Jahren zu Recht in der Mottenkiste verschwunden sind. Aktuellstes Beispiel: The Centennial Case: A Shijima Story.

Story zwischen Mystery und Mumpitz

Im neuen Titel von Square Enix "spielt" die Krimi-Autorin Haruka Kagami, die zum Anwesen der ehrenvollen Shijima-Familie gerufen wird. In deren Garten wurde ein uraltes Skelett ausgebuddelt und weil ihr schließlich Detektivgeschichten schreibt, müsst ihr ja auch eine erstklassige Detektivin sein! Ihr bekommt also ruckzuck die Lösung des Rätsels aufgehalst, das euch jedoch deutlich schneller über den Kopf wächst, als die Inzidenzzahlen im Frühjahr 2021.

The Centennial Case ist mehr Film als Spiel. Wirklich viel zu tun habt ihr nicht, gelegentlich dürft ihr einen Hinweis auf dem Bildschirm 'registrieren'. Quelle: Square Enix The Centennial Case ist mehr Film als Spiel. Wirklich viel zu tun habt ihr nicht, gelegentlich dürft ihr einen Hinweis auf dem Bildschirm "registrieren". Die Shijimas haben nämlich noch die eine oder andere wortwörtlich Leiche im Keller. Sie hütet ein dunkles Geheimnis rund um die Tokijiku, eine legendäre Frucht, die ewige Jugend verleihen soll. Und sie leidet natürlich unter einer Art Fluch, durch den alle zehn Jahre ein Angehöriger ins Gras beißt. Ein Rätsel alleine reicht schließlich nicht. Eure Aufgabe ist es jetzt, eine Reihe dieser mysteriösen Todesfälle aufzuklären, die sich über den Verlauf eines ganzen Jahrhunderts erstrecken, und die Fälle so miteinander zu verknüpfen, dass sich ein großes Ganzes ergibt.

Die Regie des Detektivabenteuers übernimmt dabei Koichiro Ito, der unter anderem schon für Metal Gear Solid 5 verantwortlich war. Entsprechend wird auch The Centennial Case schnell ein wenig konfus. Einige Handlungsstränge verlaufen komplett im Sand und werden gar nicht mehr aufgeklärt. Dazu kommen diverse Logiklöcher und die teils ziemlich skurrile Entscheidungen, gleich mehrere Rollen mit demselben Schauspieler zu besetzen. Während ihr euch also so durch die Weltgeschichte knobelt, kommt euch derselbe Typ gleich dreimal unter die Nase: als Gärtner, als Tontechniker und als schrulliger Antiquitätensammler - dann nur eben mit falschem Schnurrbart.

Drama Baby, Drama!

Ach ja, die Inszenierung. Da treffen ohnehin Licht und Schatten aufeinander. Bei Kostümen und Requisiten kommt man oftmals nicht um ein Schmunzeln herum. Wenn ein offensichtlich junger Darsteller mit Schminke ein paar Falten aufgemalt und die Haare grau gefärbt bekommt, erinnert das eher an Grundschul-Theater-AG als an Triple-A-Produktion.

Einige Schauspieler treten ingame gleich in mehreren Rollen auf. Das sorgt für etwas Verwirrung. Quelle: Square Enix Einige Schauspieler treten ingame gleich in mehreren Rollen auf. Das sorgt für etwas Verwirrung. Über die Kulissen kann man dagegen nur wenig meckern. Die Entwickler fangen den Spirit der entsprechenden Zeitepoche recht gut ein. Die Nachkriegstristesse der 20er, die wilden Exzesse der 70er sind stimmungsvoll in Szene gesetzt. Auch die Kameraarbeit ist sehr ordentlich, ein paar nette Einstellungen sind definitiv mit dabei. Das alles hilft aber leider nur herzlich wenig, wenn die Action, die sie einfangen, absolut amateurhaft geschauspielert ist.

The Centennial Case ist ein Feuerwerk des Overactings, kitschig und überzogen dramatisch. Alle fünf Minuten schnappt jemand vollkommen überrascht nach Luft. Die Performance der Beteiligten ist eine sprichwörtliche Ohrfeige. Noch schlimmer wird es allerdings, wenn man von der japanischen zur englischen Vertonung umschaltet. Dann muss man zwar nicht mehr dauernd die Untertitel mitlesen, um auch nur ansatzweise irgendwas zu verstehen. Aber man muss eben den Synchronsprechern zuhören. Und das ist auch nicht deutlich besser.

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