Stronghold Definitive Edition im Test: Das Volk ist sich Eurer nicht sicher, Sire!
Test
Endlich wieder mittelalterliche Burgbau-Romantik: Der Schritt zurück zu den Wurzeln klingt für Stronghold nach einer sinnvollen Entscheidung. Allerdings fehlt es der Definitive Edition an der letzten Konsequenz, um aus der Neuauflage des Echtzeitstrategie-Klassikers einen zeitlosen Hit zu machen.
ABER! Wenn ich meine Erfahrungen mit der Stronghold: Definitive Edition in einem Wort treffend zusammenfassen müsste, dann wäre es wahrscheinlich genau mit diesen vier Buchstaben. Denn auch, wenn ich die Burgenbau-Simulation von Firefly Studios absolut liebe (ich habe dem Ding mal ein eigenes Retro-Special gewidmet) und eigentlich froh darüber sein müsste, dass es jetzt nach 22 Jahren eine noch hübschere Version davon gibt (oder eine noch-noch hübschere Version? Es gab ja schließlich schon Stronghold HD?), kam ich an vielen Punkten während meines Tests nicht umhin, ein wenig enttäuscht vor dem Bildschirm zu sitzen und mir noch mehr zu wünschen.
Nicht falsch verstehen: Die Definitive Edition hat zahlreiche clevere Ideen, wie man das Mittelalter-Abenteuer gelungen ins Jahr 2023 bringen könnte. Viele davon zünden auch. Aber aus einigen anderen vielversprechenden Ansätzen macht sie dann einfach zu wenig: Überarbeitungen werden nicht konsequent zu Ende gedacht und Verbesserungschancen leichtfertig liegen gelassen, sodass man am Ende festhalten muss: Die Neuauflage ist zwar die bisher beste Ausgabe von Stronghold, ABER sie hätte noch so viel besser sein können!
Von wegen Remake ...
Bevor wir uns in vorschneller Kritik verlieren, fangen wir aber erst einmal mit den Basics an: Was ist Stronghold: Definitive Editionüüberhaupt? Da wartet nämlich vielleicht schon die erste Enttäuschung.
Anders als es euch manche Medienberichte glauben lassen wollen, handelt es sich bei dem Spiel nämlich nicht um ein Remake, sondern lediglich um einen Remaster des 2001 erschienen RTS-Klassikers. Heißt also: Statt das Ding komplett neu zu bauen, haben die Macher nur ein paar Verbesserungen vorgenommen - an Präsentation, Spielkomfort, Inhalt und Multiplayer.
Gerade das grafische Upgrade ist natürlich das offensichtlichste. Hier hat Firefly einmal großzügig angesetzt und quasi allen Spielelementen eine Frischzellenkur verpasst. Die Animationen der verschiedenen Figuren wurden überarbeitet, sodass sie sich jetzt noch flüssiger über den Bildschirm bewegen. Zudem wurden die Charaktermodelle aufgehübscht und ihre pixeligen Kanten großzügig abgeschliffen.
Quelle: PC Games
Das generalüberholte Feuer lodert jetzt noch natürlicher. Neu designte Bäume wiegen sich noch harmonischer im Wind. An Türmen und Toren lassen sich jetzt sogar Details im Mauerwerk erkennen.
Durch verbesserte Texturen und höhere Auflösungen bekommt ihr hier definitiv das schönste Stronghold aller Zeiten, mit 4K- und Ultrawide-Support. Selbst Fotogrammetrie kam stellenweise zum Einsatz, beispielsweise bei den Sieg-Bildschirmen. Sieht dieses Brot hier etwa nicht zum Anbeißen aus?
Ein Opa mit Make-up
Trotz all der Updates behält sich das Spiel aber seinen ursprünglichen Charme. Das liegt vor allem daran, dass man bei der Präsentation ansonsten an viel Altbewährtem festgehalten hat: Es gibt noch immer dieselben Sprecher wie damals, dieselben Sounds, dieselbe Musik - nur eben noch besser abgemischt.
Wer einen seiner Lanzenträger zum Burggraben-Buddeln schickt, bekommt nach wie vor ein frustriertes "Meine Stiefel sind undicht" entgegengeschmettert.
Untertanen haben alle individuelle Namen, grüßen freundlich, wenn ihr auf sie klickt und gehen geschäftig ihrem Tagewerk nach. In Stronghold: Definitive Edition bekommt ihr eine authentische, lebendige Mittelalter-Atmosphäre mit wunderbarem Wuselfaktor vorgesetzt.
Da fühlt man sich direkt wie zu Hause! Okay, der neue Schreiber sieht ein wenig hässlich aus. Aber Puristen können ja einfach zur hochskalierten Version des Originals wechseln.
ABER, im Grunde habt ihr es halt immer noch mit einem Spiel vom Anfang der 2000er zu tun. Das kann ein wenig Make-up nicht überdecken. Schaut euch doch mal die Gesichter an!
Quelle: PC Games
Zudem drehen sich Truppen weiterhin nur in acht verschiedene Richtungen, was teils für ziemlich abgehackte, steife Bewegungsabläufe sorgt. Gerade langsamere Truppen wie Schwertkämpfer sehen so aus, als würden sie eher über den Boden rutschen, statt tatsächlich darüber zu laufen.
Die Inszenierung der Kampagne ist auch ziemlich bieder und altbacken: Sie wird nur durch scrollende Textwände und ein paar Charakterporträts erzählt. Deren Animationen sind aber so kurz, dass sie bereits vor Ende der Audiospur ausgelaufen sind. Dann gibt's nur noch Standbilder.
Das hätte man etwas besser lösen können. Dazu kommen immer wieder mal vereinzelte Bugs, etwa plötzliche Tonaussetzer oder ein komisches Flimmern, wenn ihr in der höchsten Zoom-Stufe über die Karte scrollt.
Neuer Komfort, altes Gameplay
Apropos Zoom: Der bietet eine perfekte Überleitung zum Thema Komfortfunktionen. In der Definitive Edition habt ihr jetzt drei Zoom-Stufen zur Auswahl.
Die müsst ihr auch nicht mehr über die rechte Maustaste oder den Z-Knopf triggern. Es geht auch ganz easy mit dem Mausrad, wenn ihr wollt. Zu Beginn des Spiels könnt ihr euch nämlich zwischen der klassischen Stronghold-Steuerung und der traditionellen RTS-Tastenbelegung entscheiden. Hotkeys lassen sich auch frei wählen.
Weitere neue Features, die das Leben in der Burg etwas einfacher machen: Der Schreiber zeigt jetzt an, ob eure Beliebtheit sinkt oder steigt, ein neues Fenster gewährt euch einen schnellen Blick auf eure Missionsziele.
Bildergalerie
Jedes Gebäude kommt mit ein paar praktischen Tooltips daher. Beim Händler könnt ihr den automatischen Kauf oder Verkauf von Waren einstellen. Die Baracke bietet individuelle Spawn-Punkte für jeden einzelnen Einheitentyp und die Möglichkeit, mehrere Truppen gleichzeitig auszubilden, statt zig-mal das entsprechende Icon zu drücken. Ach ja, Kontrollgruppen gibt's jetzt auch endlich!
