Bargeld, Bigotterie, Berlinale: Wie Star Trek 6 Das unentdeckte Land in die Welt kam

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Kim Cattrall als Valeris - ihre Nacktfotos mit vulkanischen Ohren ließ Leonard Nimoy vernichten.
Quelle: Paramount

Es geht weiter mit unserem Rückblick auf Star Trek 6 Das unentdeckte Land: Autor Sebastian Göttling zeichnet die bizarre Entstehungsgeschichte des Filmes nach.

Tief in die eigene Tasche griff Regisseur Meyer beim Dreh der legendären Bankettszene, in der Klingonenkanzler Gorkon und sein Stab zum Abendessen auf der Enterprise sind (ein weiterer, leicht zu erkennender Umbau, in diesem Fall das Besprechungszimmer von Picards Enterprise).

Während sich die kalten Krieger angiften, sieht das Essen noch viel giftiger aus, denn blau eingefärbtes Meeresgetier sollte hier für exotisch-außerirdische Delikatessen einstehen.

Nur essen wollte das keiner der Schauspieler, weswegen Meyer für jeden Bissen zwanzig Dollar aus seinem eigenen Portemonnaie zusagte. Gewinner des Abends war William Shatner, der sich auf diese Weise 240 Dollar bar auf Kralle dazuverdiente, bevor er sich tüchtig übergeben musste.

Die Riege der Darstellerinnen und Darsteller neben der Stammbesetzung konnte sich durchaus sehen lassen. Als namenloser Föderationspräsident ist Kurtwood Smith zu sehen, auch bekannt als der Dad aus "hat '70s Show. Chef der föderalen GSG 9, ein gewisser Colonel West, wird gemimt von René Auberjonois, der nur zwei Jahre danach beim Spin-off Deep Space Nine den Odo spielen würde.

Darstellerin der verräterischen Vulkanierin Valeris ist Kim Cattrall, die später mit Sex and the City zu großem Ruhm kommen sollte. Fotos, die Cattrall nach Feierabend auf dem Set der Enterprise-Brücke schießen ließ und auf denen sie außer ihren vulkanischen Ohren rein gar nichts trägt, verärgerten den sonst gar nicht prüden Leonard Nimoy dermaßen, dass er sie vernichten ließ.

Supermodel Iman als Gestaltwandlerin Quelle: Paramount Supermodel Iman als Gestaltwandlerin Eine mindestens so durchtriebene Figur wie Valeris ist die Gestaltwandlerin auf dem eisigen Gefängnisplaneten, dargestellt von Iman, Supermodel und Ehegattin von David Bowie. Worf-Darsteller Michael Dorn hat einen kleinen Auftritt als sein "eigener" Großvater, der Kirk und McCoy vor Gericht verteidigt - eine Handreichung an die Next Generation.

Der Kanzler der Klingonen wird gespielt von David Warner, der bereits im Vorgängerfilm einen abgeranzten Föderationsbotschafter dargestellt hatte und bald den cardassianischen Folterknecht des Jean-Luc Picard geben sollte. Als Widersacher General Chang engagierte Nicholas Meyer den legendären Christopher Plummer.

Von dem hatte Meyer in den Monaten zuvor eine CD-Kollektion mit Shakespeare-Lesungen rauf und runter gehört - und mit dieser Personalentscheidung erfüllte er sich den dringenden Wunsch, dass Plummer für ihn persönlich und exklusiv jede Menge Shakespeare-Zitate inbrünstig schreien sollte.

Generell, allen voran aber bei General Chang, ist das Art- und Kostümdesign beeindruckend und detailverliebt. Der bärbeißige Krieger trägt eine Augenklappe, aber da er einer der härtesten unter den Harten ist, hat er sich die Klappe an den Schädel dübeln lassen. Auf den drei winzigen Schrauben, praktisch unsichtbar - selbst in 4K -, ist dennoch das Emblem der Klingonen eingraviert.

Immerhin einen teuren Location-Shoot gönnte man sich trotz des eingeschlagenen Sparkurses, denn für die majestätischen Helikopteraufnahmen von Kirk, McCoy und Gestaltwandlerin Martia, die durch die Eiswüste des klingonischen Gefängnisplaneten Rura Penthe stapfen, brachte man Doubles in Pelzmänteln nach Alaska.

Die eigentlichen Szenen im Gulag wurden im mit Kunstschnee befüllten Bronson Canyon nahe Los Angeles gedreht, was in der größten Sommerhitze einiges an Schauspiel abverlangte. Ebenfalls kostspielig und äußerst wirksam gelang die Attentatssequenz an Bord der klingonischen Staatsfregatte, in der sich zwei vermummte Killer mit Magnetstiefeln durch die Schwerelosigkeit meuchelmorden.

Nicht nur Klingonen und deren abgetrennte Gliedmaßen fliegen umher, auch deren purpurfarbenes Blut sammelt sich, frühem CGI sei Dank, als schwebende Blobs.

Kim Cattrall als Valeris - ihre Nacktfotos mit vulkanischen Ohren ließ Leonard Nimoy vernichten. Quelle: Paramount Kim Cattrall als Valeris – ihre Nacktfotos mit vulkanischen Ohren ließ Leonard Nimoy vernichten. Für die musikalische Untermalung wünschte sich Nicholas Meyer klassischen Stoff. Anstatt einen Original-Soundtrack einspielen zu lassen, wollte er "Die Planeten" von Gustav Holst sowie Strawinskys "Feuervogel" unter die Szenen legen. Doch anders als erwartet fielen diese klassischen Stücke damals noch nicht in die Public Domain, weil ihre Urheber noch keine 79 Jahre verstorben waren.

Stattdessen wären diese Musikrechte sogar prohibitiv teuer gewesen. Doch auch die bei den vorherigen Filmen eingesetzten Stammkomponisten Jerry Goldsmith und James Horner waren zu kostspielig für das schmale Budget des sechsten Films, weswegen sich Meyer nach Feierabend Hunderte Demotapes aufstrebender Künstlerinnen und Künstler anhörte.

Als ihm dabei die Aufnahmen des erst 26 Jahre alten Cliff Eidelman unterkamen, war Meyer wie elektrisiert und er heuerte ihn sofort an. Weil der junge Künstler im Gegensatz zu Goldsmith & Co. keinerlei andere Engagements hatte, verbrachte er die gesamte Zeit der Dreharbeiten am Set und sog die düstere Atmosphäre des Films auf, um sich davon für seine Kompositionen inspirieren zu lassen.

Vieles davon, vor allem aber die wuchtige Ouvertüre, bei der Thorsten und mir die Ohren wegflogen, waren nicht bloß inspiriert von Holsts Planeten, sondern eine Hommage an den ersten Satz "Mars, der Kriegsbringer", die dem Plagiat gefährlich nahekam. Dennoch eine herausragende musikalische Arbeit.

Im Laufe der Dreharbeiten lieh Nicholas Meyer der benachbarten Produktion Frankie and Johnny seine drei Hauptdarsteller aus. Deren Regisseur Garry Marshall wollte eine authentische Szene filmen, in der Al Pacino eine Tür öffnet und daraufhin genuin überrascht dreinstarrt.

Dies gelang, indem man während einer Star-Trek-Drehpause William Shatner, Leonard Nimoy und DeForest Kelley in voller Sternenflotten-Montur hinter besagter Tür positionierte.

Als sich die Dreharbeiten im Spätsommer 1991 dem Ende zuneigten, blickte das gesamte Produktionsteam erstaunt Richtung Osten, wo das Leben sich anschickte, die Kunst zu imitieren.

Im August kam es zum Militärputsch in Moskau, der zwar nach drei Tagen niedergeschlagen wurde, jedoch den Zerfall der Sowjetunion und die Ablösung Gorbatschows durch Jelzin zur Folge hatte. All das, während man gerade einen fiktiven Weltraum-Gorbatschow um die Ecke gebracht hatte. Nie war Star Trek näher am Puls der Zeit.

Christopher Plummer spielt General Chang - nicht einmal mit der Lupe kann man das Klingonensymbol auf den Nieten seiner Augenklappe erkennen. Quelle: Paramount Christopher Plummer spielt General Chang - nicht einmal mit der Lupe kann man das Klingonensymbol auf den Nieten seiner Augenklappe erkennen. Gegen Ende der Produktion kam es angeblich zu großem Ärger zwischen den beiden Best Buddys Nick Meyer und Leonard Nimoy darüber, wer verantwortlich für den finalen Schnitt des Films sein sollte.

Diese Aufgabe riss schließlich Leonard Nimoy an sich, was Meyer in seiner Regisseursehre empfindlich kränkte. Zwar blieben die beiden auch weiterhin höflich zueinander, doch die tiefe Freundschaft bekam einen Riss, von dem sie sich nie wieder erholte.

Sechs Wochen vor der Filmpremiere verstarb überraschend und doch absehbar Gene Roddenberry, der Schöpfer von Star Trek, am 24. Oktober 1991. Ihm ist der Film gewidmet mit einer anfänglichen Einblendung: "For Gene Roddenberry."

Nachdem Roddenberry im Entwicklungsstadium des Films ordentlich Stimmung gegen den sechsten Teil gemacht hatte, rankten sich nach seinem Ableben um sein abschließendes Urteil zum Film mehr Legenden als Fakten.

An dieser Stelle sollen lediglich zwei der vielen Geschichten erzählt werden. Produzent Ralph Winter und Genes Geliebte Susan Sackett berichten, dass Roddenberry wenige Tage vor seinem Tod eine beinahe fertige Fassung zu sehen bekam, aufgrund seiner fortschreitenden Krankheit davon jedoch nicht mehr viel mitbekam. Er wirkte abwesend, schlief mehrere Male ein und erteilte dem fertigen Film schließlich seinen müden, aber durchaus päpstlichen Segen.

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