Zukunft nach Star Trek-Art: Die schreckliche, neue Entertainment-Welt des Captain Picard
Special
In Teil zwei unseres Specials zur Zukunftstechnologie in Star Trek nehmen wir euch mit auf eine Reise zu Klappkommunikatoren und Co.!
Außerdem können auf Anfrage alle an Bord befindlichen Personen jederzeit geortet und angerufen werden. Ob man gerade eine intime Verrichtung oder ein vertrauliches Treffen hat, ist dabei völlig egal.
Als sich Lieutenant Kim in der Voyager-Episode Heroes and Demons (Helden und Dämonen) in einer Holodeck-Variante des klassischen Epos Beowulf befindet und auf den Anruf von Captain Janeway nicht reagiert, setzt sie ihn nach exakt zwei Sekunden Wartezeit - ich habe mitgezählt - auf die Vermisstenliste.
Auch der legendärste aller Holo-Süchtigen, Lieutenant Barclay von der Enterprise, der innerhalb der Virtual Reality seine intimsten Fantasien hemmungslos auslebt, hält sich dort in keinem geschützten Raum auf. Wenn seine Vorgesetzten das jeweilige Szenario betreten wollen, tun sie das nicht bloß ungestört, es ergeht auch offenkundig keine Warnung an Barclay, dass sich innerhalb seiner Intimsphäre gerade Eindringlinge befinden.
Doch der fehlende Schutz von Persönlichkeitsrechten geht in beide Richtungen, denn Barclay bedient sich in seinem Holo-Programm in der Episode Hollow Pursuits (Der schüchterne Reginald) Darstellungen seiner Crewmitglieder. Sein Vorgesetzter Riker ist ein deppertes Musketier, Teenager Wesley ein verzogenes Aristokratenblag, Bordpsychologin Deanna Troi eine in Tüll gewandete Liebesgöttin und so weiter.
Das Recht am eigenen Bild, hier ja sogar am eigenen Körper, ist nicht vorhanden. Holografische Abbilder realer Personen können jederzeit und von jedem erstellt werden, sogar für sexuelle Zwecke, wie die Folge suggeriert.
Quelle: Paramount
Der Kampf um die Fernbedienung, Star-Trek-Style
Den Vogel jedoch schießt Chefingenieur Geordi La Forge ab, weswegen wir ihn in unserem wöchentlichen Podcast Trek am Dienstag scherzhafter Weise zum "Sittenstrolch-Man" stilisiert haben. In der Episode Booby Trap (Die Energiefalle) helfen ihm die Aufzeichnungen von Dr. Brahms, einer wissenschaftlichen Ingenieurin auf dem Bereich Antriebstechnik, bei der Lösung eines Problems.
Ab dann gehen die Pferde mit Geordi durch. Um mit einem lebendigeren Interface interagieren zu können, erzeugt er ein holografisches Abbild der Wissenschaftlerin, doch damit nicht genug.
Weil ihm diese Computersimulation immer noch zu sachlich-trocken erscheint, füttert er das Holodeck mit persönlichen Daten von Dr. Brahms, ihrem psychologischen Profil und aus diversen Vorträgen interpolierten Daten; um sich daraufhin prompt in das holographische Abbild zu verlieben.
Etwa ein Jahr später kommt in der Episode Galaxy's Child (Die Begegnung im Weltraum) die echte Dr. Brahms an Bord, woraufhin Geordi abermals den Computer bemüht, um sie zu stalken, möglichst viel über ihre persönlichen Vorlieben herauszufinden und sich ihr so romantisch anzunähern.
Wie sehr diese Episode ein Produkt ihrer Zeit ist, zeigt, dass, als Geordis Machenschaften auffliegen, die empörte Dr. Brahms als diejenige inszeniert wird, die unserem herzensguten Geordi gegenüber kalt und böse eingestellt ist. Für den Chefingenieur hat das Debakel keinerlei disziplinarische Konsequenzen, nicht einmal ein Pflichtgespräch mit der Bordpsychologin.
Selbstverständlich ist es die oberste Pflicht von Star Trek, unterhaltsame Geschichten zu erzählen. Die Science-Fiction-Serie ist ein herrlicher Quatsch, den man auch *zu* ernst nehmen kann, aber nirgendwo zeigt sich der unbedarfte Umgang der Autoren (und in diesem Fall waren es nur Autoren, keine Autorinnen) mit den erfundenen Technologien und ihren impliziten Abgründen so kritiklos deutlich wie am Beispiel des Geordi, den ich als Charakter nach wie vor sympathisch finde, aber doch hiernach immer auch dessen unangenehme Seite im Hinterkopf behalte.
Würde diese Episode heute als neuer Content ausgestrahlt werden, sie ginge womöglich zu Recht als "Holodeck-Gate" in die Popkulturgeschichte ein.
Wenigstens zeigt uns die fiktive Realität des 24. Jahrhunderts kein Äquivalent zu Social Media, auf dem sich all das wie ein Lauffeuer verbreiten und in Echokammern aufgeblasen werden könnte, woraufhin alle Seiten der Debatte eskalieren. Das wirkt schon ein wenig utopisch und lässt mich wehmütig werden nach den Zeiten vor dem sozialdigitalen Hamsterrad, das so viel Aufmerksamkeit und Zeit frisst.
Doch bleiben wir noch ein wenig bei Datenschutz und Persönlichkeitsrechten, denn manchmal macht Star Trek kleine Andeutungen, die vermuten lassen, dass man sich in einem Überwachungsstaat bewegt. Damit meine ich nicht nur die zahlreichen Monitore im Büro des Deep-Space-Nine-Sicherheitschefs Odo, auf denen Live-Aufnahmen verwinkelter Korridore und anderer Ecken der großen Station durchschalten.
Quelle: Paramount
Phaser haben keine Biometrik - hätten sie aber besser.
Am verblüffendsten sind die Szenen aus Star Trek 3: The Search for Spock (Star Trek 3: Auf der Suche nach Mr. Spock), in denen Sarek, der Vater des jüngst verschiedenen Vulkaniers, bei dessen Freund und Vorgesetzten Captain Kirk im Penthouse am Hafen von San Francisco vorbeischaut.
Gemeinsam erarbeiten sich die beiden, dass Spock kurz vor seinem Tod seine Katra (das ist Vulkanisch für Seele) in den mürrischen Bordarzt Dr. McCoy transferiert haben muss. Dazu schauen sie sich die Aufzeichnungen unsichtbarer Überwachungskameras an, welche die Ereignisse im Enterprise-Maschinenraum rund um Spocks Tod in allen Details zeigen und selbst geflüsterte Worte akkurat wiedergeben.
Offenkundig wird alles, was sich auf den Gängen des Schiffes zuträgt und dort besprochen wird, akribisch aufgezeichnet und massengespeichert. Wolfgang Schäuble hätte seine reine Freude daran gehabt. Ein verrücktes Detail an dieser Aufzeichnung ist noch, dass es sich hierbei selbstverständlich um Szenen aus dem Vorgängerfilm Star Trek 2: The Wrath of Khan (Star Trek 2: Der Zorn des Khan) handelt.
Der Ursprung dieses Filmmaterials sind also nicht bloß in einer Zimmerecke angebrachte Überwachungskameras. Vielmehr wurden die Aufnahmen zusätzlich dramaturgisch und schnitttechnisch einwandfreie aufbereitet, mit Totalen, Halbtotalen und Close-ups. Der Computer der Enterprise überwacht nicht bloß, er hat sogar Filmkunst studiert bzw. sich über KI-Prozesse und Approximation dem menschlichen Filmgeschmack angenähert.
