Wie Star Trek in den 90ern die Technologie der Zukunft sah - von Retro bis Fantasy

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Wie Star Trek in den 90ern die Technologie der Zukunft sah - von Retro bis Fantasy
Quelle: Paramount

In Teil eins unseres Specials zur Zukunftstechnologie in Star Trek geht es um Datenverarbeitung mit Wassereimern, Glibbertüten und noch viel mehr.

Etwas erinnert gefühlt habe ich mich an die Dual-Screen-/Controller-Lösung der Wii U - die Älteren erinnern sich vielleicht an Nintendos zwischen zwei Megahits eingesandwichte, einerseits technisch beeindruckende, andererseits unterverkaufte Konsole.

Der eigentliche Computer der Enterprise ist allgegenwärtig und befindet sich nicht in den unabhängigen Padds - und auch der Monitor ist lediglich seine visuelle Verlängerung. Im 1986 herausgegebenen Writer/Director's Guide der Next Generation ist der Sprachsteuerung des Computers gleich eine ganze der insgesamt knapp 50 Seiten gewidmet.

Was dort steht, ist elektrisierend und erinnert frappierend an die Formeln, mit denen man heutzutage Siri, Alexa, Google oder andere Sprachassistenten anspricht. Dabei sind die Befehle an den Enterprise-Computer stets ich-bezogen: "show me" holt Informationen auf einen Bildschirm, "tell me" lässt diese Informationen auditiv wiedergeben, "get me" startet einen Telefonanruf mit der gewünschten Person und "play me" ermöglicht Zugriff auf die Musik- und anderen Mediendatenbanken des Schiffes.

Eine sehr esoterische und formularische Ansprache an den Bordcomputer, die sich im Drehalltag nicht bewährte und deswegen über den Guide hinaus keinen Einzug in die eigentliche Serie hielt - und doch hat man das Gefühl, dass die Schöpfer heutiger Digitalassistenzen hier gespickt haben.

Ab der Kirk-Film-Ära halten Touchscreens bei Star Trek Einzug. Quelle: Paramount Ab der Kirk-Film-Ära halten Touchscreens bei Star Trek Einzug. Die sonstigen Eingaben an Bord der Enterprise über die Sprachsteuerung hinaus sind jedoch rätselhaft. In der Originalserie aus den 60ern hantierten die Charaktere an wunderbar bunten Knöpfen, Lichtern und Schaltern, die allesamt völlig unbeschriftet waren. Man schien wissen zu müssen, welche Funktion sich hinter jedem Knopf verbarg, und die Bedienung dieser Vielknopfanlagen schien eine Menge gemeinsam zu haben mit der Knopfseite eines Akkordeons.

Das retrofuturistische Prequel Enterprise aus den 2000ern bereitete diese haptische Eingabeart einigermaßen schlüssig vor, indem sämtliche Bedienelemente visuell verankert wurden in der Formensprache heutiger Flugzeuge, U-Boote oder allem voran NASA-Raumkapseln.

Ab den Kinofilmen der 80er-Jahre hatte dann bereits der Touchscreen Einzug gehalten bei Star Trek - und nun im 24. Jahrhundert wurde ihm ein ganz eigenes Design gegeben. Der legendäre wissenschaftliche Berater und futuristische Designer Michael Okuda erfand die LCARS (das steht für Library Computer Access and Retrieval System); das sind jene bunt geschwungenen Bögen auf schwarzem Untergrund, die auch heute noch Star-Trek-Fans nur zu gerne als Bildschirmhintergrund für Smartphone oder Notebook verwenden.

Außerdem bildet das Design auf jeder Star-Trek-Convention die Grundlage für zahlreiche PowerPoint-Präsentationen der dort vortragenden Expertinnen und Experten.

Doch im Gegensatz zur niedrigschwelligen Sprachsteuerung sind die LCARS-Displays völlig rätselhaft und unintuitiv. Hier eine Zahl, dort ein Buchstabenkürzel, doch im Prinzip ist der Touchscreen des 24. Jahrhunderts nicht "sprechend", muss genauso erlernt werden wie die "Edelsteine" oder "Gummibärchen", die zu Kirks Zeiten gedrückt wurden.

Vom selbsterklärenden Interface eines Smartphones oder Smart-TVs, deren Bedienungsanleitungen heute nur noch die wenigsten studieren müssen oder wollen, sind die LCARS weit entfernt. Stimmt schon, als die Serie vor über dreißig Jahren ausgestrahlt wurde, konnte man auf dem futzeligen Bild von Röhrenfernsehern keine der rätselhaften Beschriftungen lesen, doch seitdem vor etwa zwölf Jahren ein HD-Remaster der Next Generation erstellt wurde, sind die Typo-Fragmente bestens sichtbar.

LCARS, das legendäre Interface-Design des Michael Okuda Quelle: Paramount LCARS, das legendäre Interface-Design des Michael Okuda Wann immer Fließtext dargestellt wird, lohnt es sich bei der neuen Variante, auf Pause zu drücken, denn obwohl diese Textwüsten niemals für Zuschaueraugen gedacht war, haben die Autorinnen und Autoren sie wahrhaftig geschrieben. Manchmal geben sie einigen Aufschluss über die fiktive Welt Star Treks oder sind vollgepackt mit Insiderwitzen über andere Filme, Comics und Serien, welche den Produktionsstab seinerzeit begeisterten.

Der Bordcomputer und andere "dienende" KIs sind im 24. Jahrhundert zudem eine positive und den Nutzerinnen und Nutzern zugewandte Erscheinung.

Sowohl in der Originalserie als auch in der Next Generation wird der Computer gesprochen von Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberrys Gattin Majel Barrett, doch während sie zu Kirks Zeiten mit kalter und eintöniger Roboterstimme intonierte ("Wor-king!"), ist ihr Duktus bei Picard & Co. zwar immer noch sachlich, aber doch durchaus menschlich. Daran orientieren sich auch die Sprachausgaben unserer heutigen Gadgets.

In gewisser Weise spiegelt das den Blick Star Treks auf Computer oder Automatisierung in der Echtwelt wider. In den 60er-Jahren wurde die Digitalisierung als ein arbeitsplatzzerstörendes Schreckgespenst gesehen, nirgendwo deutlicher dargestellt als im Computer M5, der ganze Raumschiffsbesatzungen ersetzen soll - und infolge deren Rebellion zum Massenmörder wird.

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