Star Trek TNG Staffel 3, Teil 2: Morgenluft und ein legendärer Cliffhanger
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Star-Trek-Guru Sebastian Göttling blickt im neuen Teil seiner Retrospektive auf die erste Hälfte von Staffel 3 von Star Trek The Next Generation. Teil 2!
Teil 1 dieses Artikels erzählte von den Schwierigkeiten, mit denen sich das schwächelnde Star Trek im Jahr 1989 konfrontiert sah - und vom chaotischen Schreibprozess der legendären Episode Yesterday's Enterprise (Die alte Enterprise), der alle daran beteiligten Schreiberlinge verzagt zurückließ. Wer im Gegensatz zum Autorenteam aber höchst angetan war von der Geschichte, war Chef-Produzent Rick Berman. Er witterte Großes und machte ein außergewöhnlich hohes Budget locker, das ausgegeben wurde für Gaststars, Effekte, Kostüme und die Umgestaltung der Enterprise-D zu einem militaristischen Kriegsschiff.
Für die Dreharbeiten dieser aufwendigen Episode wurden lediglich die standardmäßigen acht Tage angesetzt; außerdem änderten sich während des Drehs immer noch Drehbuchdetails. Als am 11. Dezember 1989 die Kameras rollten, kamen noch immer weitere neue Seiten aus dem Autorenzimmer und am Ende gab es insgesamt zwölf Revisionsstände. All das kann einen Regisseur durchaus überfordern, trotzdem wurde es für den Stress liebenden David Carson zu einer wunderbaren Erfahrung, denn er gab selbst zu, unter widrigen Umständen regelmäßig zur Höchstform aufzulaufen. Routiniert bewältigte Carson die komplexe Aufgabe und konnte dadurch beweisen, dass er imstande war, innerhalb kürzester Zeit eine Fernsehproduktion abzuliefern, die kinoreif wirkte.
Durch diese Leistung empfahl er sich Paramount so sehr, dass er den monumentalen Pilotfilm der nachfolgenden Spin-off-Serie Star Trek: Deep Space Nine sowie den ersten Kinofilm der Next Generation, Star Trek: Generations (Treffen der Generationen), zugeteilt bekam.
Auch die technischen Abteilungen gaben alles, um Yesterday's Enterprise spektakulär aussehen zu lassen. So sei etwa Marvin Rush genannt, Director of Photography, der die Sets ungewöhnlicherweise mit weißem Licht von unten und blauem von oben ausleuchtete, mit weit aufgedrehten Kontrasten.
So sah die alternative Kriegs-Enterprise viel spannender aus als die normale Variante, die stets komplett hell ausgeleuchtet war und so viel Atmosphäre verströmte wie der Frühstücksraum eines Urlaubshotels. Diese indirekte und spannende Beleuchtung war etwas, was man sich auch für die Nachfolgeserie "Deep Space Nine" abschaute.
Etwas unglücklich waren die Kulissenbauenden, die viele Details der Picardschen Enterprise für die Episode aufwendig umgestalteten, denn Regisseur David Carson ging mit der Kamera ungewohnt nah an die Charaktere heran, ließ die Hintergründe verschwimmen und zeigte beispielsweise die Brücke kein einziges Mal in der Totalen.
Quelle: Paramount
Nach einem Jahr Pause ist Doctor Beverly Crusher wieder zurück an Bord - und sie meint es ernst.
Das wirkte zwar hochdramatisch, bedeutete aber auch, dass die speziell für diese Episode geschaffenen Bauten nicht in voller Pracht, sondern bestenfalls teilweise zu sehen waren.
Für Unruhe sorgten derweil die beiden Jungautoren Eric A. Stillwell und Trent Christopher Ganino. So hibbelig und hocherfreut waren sie darüber, dass eine Geschichte aus ihrer Feder dermaßen aufwendig verfilmt wurde, dass sie sich heimlich während der Dreharbeiten aufs Set stahlen. Diese Gelegenheit ließen die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht ungenutzt, denn sie waren ständig auf der Suche nach der Intention der Autoren, um diese in ihre Darstellung einfließen zu lassen.
So wollte Picard-Darsteller Patrick Stewart von den beiden wissen, ob er in dieser Episode einen Spiegeluniversumsbösewicht darstellte. Doch Ganino meinte zu ihm: "Nein, du bist einfach nur bitterer! Deine Kindheit ist dieselbe, die Ausbildung auch, aber der Krieg hat dich hart gemacht." Als auch Whoopi Goldberg Ganino um Fingerzeige bat und dieser antworten musste:
"Der Aspekt, zu dem du etwas wissen möchtest, gelangte ins Drehbuch zu einem Zeitpunkt, an dem ich nicht mehr daran beteiligt war", da klingelten bei seinem Nebenmann Stillwell alle Alarmglocken. Stillwell wusste ganz genau, dass sie sich nicht am Set aufhalten und die Darstellenden verunsichern durften.
Nun befürchtete er, dass Whoopi Goldberg Richtung Haustelefon gehen könnte, um sich von noch höherer Stelle ihre Antwort zu holen. In vorauseilendem Gehorsam ließ Stillwell seinem Chef Michael Piller eine rätselhafte Mitteilung zukommen: "Hör mal, Michael, wenn die Whoopi anrufen sollte, alles ist in Ordnung." Als er das hörte, zählte Michael Piller eins und eins zusammen und der unerlaubte Besuch am Set flog auf, was natürlich der obersten Chefetage in Form von Produzent Rick Berman gemeldet werden musste.
Der verwies die beiden Jungautoren unmittelbar des Sets, zitierte sie zu sich und ließ die Mutter aller Schreikrämpfe vom Stapel. Noch Jahre später druckten einige Fanzeitschriften Fotos von diesem Set-Besuch - Fotos, die man heutzutage als Selfies bezeichnen würde. In all dieser Zeit mussten sich Stillwell und Ganino zahllose Male Mühe geben, diese Publikationen vor Rick Berman geheim zu halten.
War die Autorenschaft bei der Entstehung der Geschichte noch einigermaßen verzagt, so wurde sie zunehmend optimistischer, als sie die Dailys sah - so nennt man das gemeinsame Anschauen der jeweiligen Tagesaufnahmen im studioeigenen Kleinkino. Hatte man vielleicht doch eine halbwegs gute Episode geschaffen? Ira Behr war zunehmend verblüfft, dass in einer so plotgesteuerten Geschichte die Charaktere nicht völlig von den zahlreichen Story-Windungen erdrückt wurden.
Was beim Sichten dieser Aufnahmen allerdings niemandem auffiel, war, dass die Kostümabteilung den Geordi-La-Forge-Darsteller LeVar Burton am Ende nicht wieder ordnungsgemäß umgezogen hatte. Obwohl man sich in der letzten Szene wieder im "richtigen" Universum befindet, trägt der Chefingenieur immer noch die militaristische Uniform der alternativen Zeitlinie.
Bis heute ist es ein sorgsam kultivierter Gag in meinem Freundeskreis, dass es sich hierbei nicht etwa um einen Filmfehler handelt, sondern vielmehr um ein klassisches Horrorfilm-Ende: "Oh nein, der Albtraum ist noch lange nicht vorbei!"
Bereits kurz nach Erstausstrahlung von Yesterday's Enterprise war allen Beteiligten klar, dass man eine hervorragende Ausgabe der nächsten Generation geschaffen hatte, die in den mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten seit ihrer Entstehung zum titanhaften Klassikerstatus angewachsen ist.
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Tatsächlich sehen viele just in dieser Folge die Trendwende nicht nur für Star Trek: The Next Generation, sondern auch den Beginn des Aufschwungs von Star Trek, das in den 90ern ungeahnte Höhenflüge antreten sollte. Ira Behr sagte in einem aktuelleren Interview: "Wenn die Bedingungen nicht so schrecklich gewesen wären, hätten wir vielleicht bemerkt, dass wir mitten in einer Renaissance steckten."
