Star Trek TNG Staffel 3, Teil 2: Morgenluft und ein legendärer Cliffhanger

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Star Trek TNG Staffel 3, Teil 2: Morgenluft und ein legendärer Cliffhanger
Quelle: Paramount

Star-Trek-Guru Sebastian Göttling blickt im neuen Teil seiner Retrospektive auf die erste Hälfte von Staffel 3 von Star Trek The Next Generation. Teil 2!

Sicherlich ist es viel schöner, in einer angenehmen Arbeitsatmosphäre zu schreiben, aber Yesterday's Enterprise zeigt eindrücklich, dass unter Schmerzen die mitunter größte Kunst entstehen kann. Doch für den Veteranen Ira Behr was die Schmerzgrenze deutlich überschritten; er warf zum Ende der dritten Staffel das Handtuch und verließ die Serie nach nur einem Jahr wieder. Weil man aus den fürchterlichen Zuständen der zweiten Staffel unmittelbar wieder ins Chaos gestürzt worden war, gab es das ganze Jahr über keine Drehbücher auf Halde. Die Produktion lebte von der Hand in den Mund, jede Woche kam "diese verdammte Serie" und fraß den Autoren wieder eine Geschichte weg. Was, wenn das hungrige Monster namens Produktion irgendwann mal schneller sein sollte als die Schreibmaschine? Ira Behr berichtet noch heute von schlaflosen Nächten und Angstzuständen, die daraus resultierten.

Dazu kam, dass er Star Trek: The Next Generation aufgrund der immer noch vorherrschenden Roddenberry-Box, also der vorgegebenen Abwesenheit von interpersonellen Konflikten unter den Hauptcharakteren, schlichtweg langweilig fand. "Die Next Generation ist das Connecticut von Star Trek", so wird Behr bis heute zitiert. Eine erzählerische Tristesse, die er mit seinem großen kreativen Drive schlichtweg nicht vereinen konnte.

"Man könnte hier verdammt gute Arbeit machen, wenn man sich nur Dinge trauen würde." Behr war sein künstlerischer Ausdruck sogar wichtiger als die Gage, denn er bekam kurz vor seinem Ausscheiden noch ein saftiges Angebot von Chef Rick Berman, ging aber dennoch.

Und ja, er sollte sich drei Jahre später trotzdem dazu breitschlagen lassen, bei "Deep Space Nine" anzuheuern und dort als Showrunner ab Staffel 3 all die Dinge zu verwirklichen, die er bei der Next Generation vermisst hatte.

Die ersten zweieinhalb Staffeln waren schwierig, doch nun drehen Star Trek: The Next Generation und die Enterprise-D endlich auf. Quelle: Paramount Die ersten zweieinhalb Staffeln waren schwierig, doch nun drehen Star Trek: The Next Generation und die Enterprise-D endlich auf. Als Yesterday's Enterprise schließlich fertig produziert war, wurde Jungautor Eric Stillwell überraschenderweise ins Büro des Gene Roddenberry zitiert. Nach dem Rieseneinlauf, den ihm Rick Berman aufgrund des unerlaubten Set-Besuchs hatte zuteilwerden lassen, hatte Stillwell immer noch Manschetten, hier jedoch kam es zum Happy End: In Roddenberrys Büro befanden sich nicht nur der große Vogel der Galaxis höchstselbst, sondern auch Stillwells Mitautor Ganino, der gesamte Autorenstab, Kuchen, Party, Schampus und ein gemeinsames Anschauen der höchst gelungenen Episode.

Als es um den Ausstrahlungstermin ging, hatte Rick Berman einen gar teuflischen Hintergedanken: Die Folge sollte im Februar gezeigt werden, im sogenannten Sweeps Month. Das ist der eine Monat im Jahr, in dem die Einschaltquoten ganz besonders genau gemessen werden, denn die dort ermittelten Zahlen bilden die Grundlage für die Preisberechnung der Werbeblöcke in der kommenden Saison.

Diese Rechnung ging auf und Yesterday's Enterprise erzielte nicht nur die höchste Quote der dritten Staffel, sondern sogar die dritthöchste Quote der gesamten Serie.

Hinterher ist man immer klüger - und so gibt Autor Ron Moore heutzutage zu Protokoll, dass diese Episode die wohl beste Wahl gewesen wäre für den ersten Kinofilm der Next Generation. Wenn es so gekommen wäre, hätte er die Geschichte nicht mit Tasha Yar und der Enterprise-C erzählt, stattdessen hätte er am Ende Captain Kirk und seinen getreuen Mister Spock in den Heldentod geschickt, um den korrekten Verlauf der Historie sicherzustellen.

Indes war das ganze Zeitreisewirrwarr der Story für einige der Beteiligten zu viel des Guten. Riker-Darsteller Jonathan Frakes gibt bis heute zu Protokoll, dass es sich bei Yesterday's Enterprise wahrscheinlich schon um eine gute Episode handele, dass er aber keine Ahnung habe, worum es dabei gehen soll.

Und ausgerechnet meine Schulfreundin Sonja, die mich im März 1991 dazu genötigt hatte, Skin of Evil (Die schwarze Seele), also die Episode zu schauen, in der Tasha Yar stirbt, und mich so zum Star-Trek-Fan machte, die hatte ebenfalls ein immenses Verständnisproblem mit der Zeitreisehandlung der Folge.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, dass ich am 2. November 1992, am Montag nach der Ausstrahlung der Episode im ZDF, in der Pausenhalle stand und Sonja wild gestikulierend versuchte zu erklären, wie, wo und warum sich die parallele Zeitlinie abspaltet.

Ein wenig kam ich mir dabei vor wie Doc Brown im zweiten Zurück in die Zukunft und ich glaube, ich habe auch exakt diese Analogie zu Erklärungszwecken hinzugezogen. Leider ohne Erfolg.

Für mich ist Yesterday's Enterprise definitiv ein Höhepunkt der Serie, unfassbar knackig und reichhaltig inszeniert - und das in nur einer Dreiviertelstunde. Atmosphäre und Dramatik übersteuern schon fast und auf einmal fühlt sich die Serie an wie ein Kinoabenteuer.

Außerdem schätze ich an der Folge mittlerweile, dass sie de facto eine Spiegeluniversumsepisode der Next Generation darstellt, ohne in das von der Originalserie, von Deep Space Nine und von Enterprise besuchte, tatsächliche Spiegeluniversum zu gehen, in dem es für meinen Geschmack immer ein wenig zu cheesy und campy zuging.

Außerdem ist diese Episode der Auftakt eines unglaublichen Hattricks, denn in der nächsten, hochemotionalen Folge aus der Feder von René Echevarraria kreiert Androide Data seine Tochter Lal - und in der übernächsten Ausgabe besucht man zum ersten Mal den Heimatplaneten der Klingonen, wo sich Worf wehren muss gegen Vorwürfe, die gegen seinen Vater erhoben werden.

Eine Shakespeare-Intrige, die sich in die höchsten politischen Ränge des Imperiums erstreckt. Bis heute stellt dieses Dreigestirn meinen persönlichen, absoluten Höhepunkt von Star Trek: The Next Generation dar.

Vielleicht habe ich einzelne Folgen, die später kamen, noch lieber, aber dieser dreifache Zaubertrick ist bis heute in meinen Augen unübertroffen. Und das nach zwei turbulenten Jahren, in denen die junge Serie im Chaos zu versinken drohte. Da muss Produzent Michael Piller gar nicht so bescheiden tun.

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