Star Trek TNG Staffel 3, Teil 2: Morgenluft und ein legendärer Cliffhanger
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Star-Trek-Guru Sebastian Göttling blickt im neuen Teil seiner Retrospektive auf die erste Hälfte von Staffel 3 von Star Trek The Next Generation. Teil 2!
Eine ziemliche Trendwende stellte all das dar. Die erste Hälfte der dritten Staffel war noch einigermaßen durchwachsen, mit einzelnen Höhepunkten wie dem im ersten Artikel genannten The Survivors, aber auch den Romulaner-Storys The Enemy (Auf schmalem Grat) und The Defector (Der Überläufer), wohingegen die zweite Hälfte der Staffel das Spiegelbild darstellt: fantastisch mit einigen wenigen Ausfällen. Manchmal stelle ich mir die Frage, ob sich das Blatt für die Serie auch ohne Yesterday's Enterprise gewendet hätte, also ohne diesen für die Autoren schmerzhaften Kraftakt. Richtig beantworten kann und mag ich das nicht. Sicher ist, dass die Serie mit Star Treks erstem staffelbeendenden Cliffhanger im Sommer 1990 genauso phänomenal und episch abgeschlossen wurde, wie Yesterday's Enterprise vorgelegt hatte. Am Ende der mitreißenden Staffel 3 stand das epochale The Best of Both Worlds (In den Händen der Borg).
Im Gegensatz zum Finale von Staffel 2 - mit Schrecken erinnert man sich an die unrühmliche Clipshow Shades of Gray (Kraft der Träume) - hatte man für das Ende des dritten Jahres einen ordentlichen Batzen Budget beiseitegeschafft und wollte jetzt amtlich abliefern. Zwar war das Budget nicht mehr ganz so hoch wie bei Yesterday's Enterprise, aber dennoch ließ man es mit The Best of Both Worlds krachen.
In diesem offenen Staffelende greifen die schier unaufhaltsamen Borg die Föderation an, nachdem die kybernetischen Wesen in Staffel 2 von der Existenz der Menschheit erfahren hatten. Vorrangig ging es darum, ein Finale mit Nervenkitzel zu schaffen, denn das erste Auftreten der Borg in Staffel 2 hatte ein Versprechen gegeben, das es nun einzulösen galt.
Wobei man durchaus erwähnen sollte, dass bereits in Staffel 1 die Episode Conspiracy (Die Verschwörung) eine Spezies fieser Invasoren vorgestellt und ihre Rückkehr in Aussicht gestellt hatte, ohne dass diese jemals umgesetzt wurde.
Weil aber die kollektivistischen Borg naturgemäß über keinen Individualcharakter verfügen, brauchte man eine starke Charaktergeschichte, um die Geschichte zu untermauern. Interessant daran finde ich: Schon Jahre, bevor die Borg bei Star Trek: Voyager völlig überstrapaziert wurden, fanden die Autoren der Next Generation sie eher langweilig und wollten sie lieber als Mittel zum Zweck in einer menschlichen Geschichte verwenden.
Kern von The Best of Both Worlds ist deswegen der erste Offizier William Riker, der in den ersten beiden Staffeln mehrere Beförderungen zum Captain ausschlug, um stattdessen auf "seiner" Enterprise zu bleiben. Auf diesem urgemütlichen Kahn waren all seine jugendlichen Ambitionen eingeschlafen. Jetzt nun sollte er aus seiner Komfortzone herausgeschüttelt werden von einer jungen, aufstrebenden und kecken Offizierin, die seinen Posten möchte.
Quelle: Paramount
Gegen die kybernetischen Borg scheint selbst das stattliche Flaggschiff der Föderation machtlos.
Ein zusätzlicher Schock ist, dass sein Freund und Mentor Picard von den fiesen Borg entführt und zu einem der ihren umoperiert wird, woraufhin Riker sich in einer Extremsituation und widerwillig als Captain der Enterprise beweisen muss.
Dieser große Konflikt des Will Riker hatte seinen Ursprung im wahren Leben, denn nach nur einer Staffel als Showrunner der Next Generation stellte sich auch Michael Piller die Frage, ob er sich vielleicht lieber weiterentwickeln und einen anderen Job annehmen sollte. Dabei fühlte er sich doch so pudelwohl bei Star Trek! Dieses Gefühl des Hin- und Hergerissenseins transferierte Piller auf den Protagonisten der Episode.
Leider stellte diese letzte Folge der dritten Staffel auch den Höhepunkt des Charakters Riker dar, denn spätestens ab Staffel 4 sorgte Patrick Stewart dafür, dass sein Captain Picard auf deutlich mehr Außenmissionen gehen, kämpfen und mit schönen Frauen schlafen durfte.
Eigentlich hatte Gene Roddenberry den Charakter des Captain Picard als den Ruhepol auf der Brücke der Enterprise angelegt - und den ersten Offizier Riker als den Action-Man à la Kirk -, doch das änderte sich bald und Jonathan Frakes verkam zunehmend zum passiven Stichwortgeber, während Stewart sein Ego pflegte.
Dabei stellte dieser Cliffhanger eine ganz andere, durchaus elektrisierende Zukunft in Aussicht, denn neben der Schlachtenbeförderung Rikers zum Captain wurde mit der ambitionierten Shelby ein kantiger Frauencharakter eingeführt, der die Rolle des ersten Offiziers hätte übernehmen können.
Tatsächlich - anders als die eher zahmen Charaktere der Schiffstherapeutin Deanna Troi und Bordärztin Dr. Beverly Crusher - war Shelby eine Frau, die den Jungs auf der Enterprise zwischendurch unbequem kam und sie auf Trab hielt.
All das beeindruckt mich rückblickend mehr als die Bedrohung der Borg an sich, denn hierbei handelte es sich um den ersten Moment, in dem die Next Generation charakterlich so tief ging wie die Kinofilme der Originalserie. In denen wurden vor allem Kirk, mitunter aber auch Spock hinterfragt und sogar dekonstruiert. Ich fand es toll, dass solch ambitionierte Charakterarbeit ab 1990 auch im Fernsehen stattfand.
