Müde Mitte und ein genialer Hattrick - Staffel 5 von Star Trek TNG

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Müde Mitte und ein genialer Hattrick - Staffel 5 von Star Trek TNG
Quelle: Paramount

Nachdem Star Trek in Staffel 5 extrem politisch wurde, ging es in der zweiten Hälfte klassischer zur Sache - mit schwachem Mittelteil und einem genialen Quasi-Dreiteiler.

Für meine jugendliche Trek-Clique, der Weltraumanomalie-Rätsel damals noch vor solider und emotionaler Charakterarbeit ging, war Cause and Effect jedenfalls der absolute Oberhammer. So oft schauten wir sie uns auf Video an, dass wir damit beinahe eine eigene Zeitschleife ausgelöst hätten.

Ein paar Fun Facts über die Episode: Als rettende Lösung wird der Enterprise ein Quäntchen Extraschub verpasst, indem man den allergrößten Raum an Bord des Schiffes zum Weltall öffnet und die Luft entweichen lässt - den mächtigsten der drei Shuttlehangars. Ausschließlich in dieser Episode ist dieser Raum zu sehen, obwohl man in jeder Folge mindestens einmal das große Rolltor bestaunen kann, hinter der er liegt.

Und dann sehen wir den Hangar auch nur für wenige Sekunden, weswegen das Produktionsteam damit davonkam, dass es sich hierbei lediglich um ein kleines Modell aus Pappe handelte.

Außerdem wird das allererste Mal bei Star Trek versucht, die Explosion eines Schiffes dadurch zu verhindern, dass der Warpkern des Antriebs im Notfall abgeworfen wird. Wie in den meisten Fällen versagt auch hier der Abwurfmechanismus; viel später erst bei Voyager werden wir in diesen Genuss kommen.

Ebenfalls in der Zeitschleife gefangen ist ein Schiff aus der Zeit des James T. Kirk, die USS Bozeman. Der Darsteller ihres Captains ist eine Leihgabe einer anderen Hit-Serie, die unmittelbar nebenan auf dem Paramount-Gelände gedreht wurde.

Die Rede ist vom damaligen Comedy-Superhit Cheers und hier taucht Frasier-Crane-Darsteller Kelsey Grammer für etwa eine Minute auf. Kurioserweise hatte Grammers Charakter bei Cheers 15 Monate zuvor in einem Dialog bereits das Jahr 2278 erwähnt, aus dem die Bozeman stammt. Zufall oder Vorsehung?

Neben ihm auf der Brücke hätte eigentlich Kirstie Alley als Vulkanierin Saavik stehen sollen. Auch Alley spielte zu der Zeit eine Hauptrolle bei Cheers - und so hätte das Publikum das Schicksal ihres Star-Trek-Charakters erfahren, einen Zeitsprung ins 24. Jahrhundert.

"Ich bin Hugh" oder "Ich bin Du"? Quelle: Paramount „Ich bin Hugh“ oder „Ich bin Du“? Ein wenig paradox wäre an diesem Stuntcasting gewesen, dass sich Saavik somit zweimal verwandelt hätte, denn nach dem 1982er-Kinofilm übernahm Robin Curtis die Rolle - und hier hätte es den Wechsel zurück zu Kirstie Alley bedeutet. Die jedoch hatte keinen Platz in ihrem Terminkalender für den Cameo-Auftritt.

Fünf Folgen nach der Zeitschleife ereignete sich ein Hattrick dreier absoluter Kracherfolgen, wie er seit dem Kunststück Yesterday's Enterprise (Die alte Enterprise), The Offspring (Datas Nachkomme) und Sins of the Father (Die Sünden des Vaters) in Staffel 3 nicht mehr gelungen war.

Wo die Mitte der Staffel noch eher lahm daherkam, drehte man zum Ende hin richtig auf - was wahrlich kein einfaches Unterfangen darstellte, denn damals, Jahrzehnte vor Streaming, hatten Serienstaffeln eben nicht bloß acht bis zehn Episoden, sondern im Fall von Star Trek: The Next Generation sogar üppige 26, was zum Staffelende stets dazu führte, dass die Autorinnen und Autoren völlig ausgebrannt waren und eigentlich nicht zu solchen kreativen Höchstleistungen imstande hätten sein sollen.

Kracher Nummer 1: I Borg (Ich bin Hugh). Die Invasion der übermächtigen und kybernetischen Fieslinge war zu Beginn der vierten Staffel verhindert worden und hatte der Serie beste Einschaltquoten und Kritiken sowie jede Menge Berichterstattung in den Mainstream-Medien verschafft. Das Honigtöpfle namens Borg war also ein durchaus verlockendes für die Produzenten von Star Trek, um zu schneller Aufmerksamkeit zu gelangen.

Doch im Gegensatz zu späteren Zeiten bei Voyager wollte man Anfang 1992 diesen Trick nicht überstrapazieren und nur dann eine Borg-Story wagen, wenn man wirklich und wahrhaftig einen herausragenden Einfall hatte. Wie konnte man die Borg also ganz anders zurückbringen?

Die Antwort hatte Jungautor René Echevarria: Wie wäre es, wenn diesmal nicht tausende Borg auf einem großen Würfel zerstörerisch anrücken, sondern wenn ein einzelner von ihnen fast schon hilflos aus dem Kollektiv herausgelöst wird? Auf einmal wird aus der gesichtslosen Übermacht ein Sympathie erzeugendes und möglicherweise schützenswertes Individuum, ganz im Sinne der zentralen Star-Trek-Philosophie.

Der erste, der sich mit dem kybernetischen Wesen anfreundet, ist passenderweise der sozial ungelenke, ewige Außenseiter der Enterprise-Crew, Chefingenieur Geordi La Forge. Der Eispanzer um die Herzen der restlichen Crew, der hier zum Schmelzen gebracht werden muss, ist dick wie nie zuvor.

Damit steht die Episode in starkem Zusammenhang zu Ensign Ro, wo mit der titelgebenden Bajoranerin ebenfalls ein Charakter an Bord kam, dem unsere Heldinnen und Helden zunächst feindselig gegenüber eingestellt waren, woraufhin sie nur nacheinander langsam Freundschaft mit ihr schlossen.

Doch wo Ro bei Barkeeperin Guinan sofort einen Stein im Brett hatte, hatten die Borg Guinans gesamtes Volk auf dem Gewissen, weswegen sie hier eine besonders harte Nuss darstellt. Doch als die Barkeeperin schließlich auf der Seite des jungen Borg steht, vermag sie sogar den noch härteren Picard zu überreden, der ja von den Maschinenwesen entführt, instrumentalisiert und de facto vergewaltigt worden war.

Was das Casting und die Ausgestaltung des einsamen Borg-Charakters anging, ließ man sich hier abermals von einem aktuellen Kinohit inspirieren, denn Schauspieler Jonathan Del Arco und sein Borg Hugh erinnern nicht von ungefähr an Johnny Depp und seinen Edward mit den Scherenhänden, einen ebenso bleichen, sozial ungelenken, von der Gesellschaft missverstandenen und mit gruseligen Fingern, jedoch einer jugendlich-zarten Poetenseele ausgestatteten Charakter.

Eine fantastische Gratwanderung gelang mit dieser Episode, indem man dieser übermächtigen Widersacher-Spezies eine emotionale Ebene einzog, ohne die Borg in ihrer Epik zu beeinträchtigen. Es fühlte sich zu dem Zeitpunkt immer noch alles sehr groß an und die Sorge um Hugh und die Zukunft war am Ende der Episode ebenso stark wie berechtigt.

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