Müde Mitte und ein genialer Hattrick - Staffel 5 von Star Trek TNG

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Müde Mitte und ein genialer Hattrick - Staffel 5 von Star Trek TNG
Quelle: Paramount

Nachdem Star Trek in Staffel 5 extrem politisch wurde, ging es in der zweiten Hälfte klassischer zur Sache - mit schwachem Mittelteil und einem genialen Quasi-Dreiteiler.

Die Geschichte um ein neues Fortbewegungsmittel im Weltall, eine sogenannte Soliton-Welle, zeigt ein Experiment, das völlig erwartbar schiefgeht und noch viel erwartbarer wieder aufgelöst wird. Einzig und allein die B-Handlung um Worf, der sich plötzlich um seinen kleinen Sohn Alexander kümmern muss, macht die Folge für mich in Teilen sehenswert.

Kurz darauf kommt schon wieder ein Kind auf die Enterprise, in diesem Fall ein verwaister Junge, der sich Data als Vorbild ausguckt und selbst Androide werden möchte - noch eine Episode, die eher vor sich hin plätschert und viel dramatisches und emotionales Potenzial liegen lässt.

Gefolgt von einer unaufgeregten Story, in der eine Alien-Spezies verschüttete Erinnerungen wecken kann, was einer von ihnen zu missbräuchlichen Zwecken verwendet - und einer Folge um ein künstlich per Terraforming geschaffenes Paradies, angefüllt von genetisch gezüchteten Menschen, ein wenig wie Widersacher Khan aus dem zweiten Kinofilm, nur ohne jeglichen antagonistischen Antrieb.

Zwei weitere Episoden, die ebenfalls reichlich belanglos daherkommen. Irgendwo da ereignet sich auch noch eine Katastrophe auf der Enterprise, die für meinen Geschmack deutlich drastischer und tödlicher hätte ausfallen müssen - ich denke an Katastrophenfilm-Klassiker wie Die Höllenfahrt der Poseidon, die bereits Anfang der 70er-Jahre viel aufregender daherkamen als diese Star-Trek-Episode aus den frühen 90ern.

Kurzum: Wann immer ich einen Rewatch der gesamten Serie unternehme, ist die Mitte der fünften Staffel eine Phase, die für mich zäher und quälender ist als die ersten beiden Staffeln, die zwar auch noch unausgegoren und oft merkwürdig wirken, für mich aber keinesfalls von solcher Langeweile geprägt sind wie die Folgen rund um die 110. Spaßiger Sci-Fi-Trash ist mir anscheinend deutlich lieber als biedere Routine.

Geordis neuer Freund, der Borg Hugh Quelle: Paramount Geordis neuer Freund, der Borg Hugh Irgendetwas Merkwürdiges muss zudem die deutsche Redaktion bei SAT.1 geritten haben, als sie in kurzer Folge die Episodentitel Verbotene Liebe, Hochzeit mit Hindernissen und Eine hoffnungslose Romanze vergab.

Solch schmalzigen Auswüchse Marke Rosamunde Pilcher kann man mal machen - aber dreimal unmittelbar hintereinander? Welches Bild vermittelte das unbedarften Fernsehzeitschriftleserinnen und -lesern von dieser Science-Fiction-Serie?

Und apropos Verbotene Liebe, die im Original übrigens The Outcast heißt: Hier wagte sich Star Trek tatsächlich bereits im Jahr 1992 positiv zugewandt an ein Thema, dass man heute in die Kategorie LGBTQ+ einordnen würde. Commander Riker von der Enterprise verliebt sich in ein androgynes Alien von einer Spezies, die solche Liaisons strikt untersagt.

Doch wo die Originalserie in den 60er-Jahren im kommentierenden Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit eine viel deutlichere und mutigere Sprache verwendete, kam es bei The Outcast schlussendlich dazu, dass das Alien doch klar erkennbar von einer Frau gespielt wurde und nicht von einem Mann, wie es sich allen voran Riker-Darsteller Jonathan Frakes gewünscht hatte.

Schade, wäre man doch besser Frakes' Instinkt gefolgt, anstatt kalte Füße zu bekommen. Doch, da beißt die Maus keinen Faden ab, wer an die Next Generation denkt und nach einem US-Präsidenten gefragt wird, der sagt meistens Ronald Reagan - während mit der Originalserie eher John F. Kennedy assoziiert wird. Im Maßstab zur jeweiligen Entstehungszeit der beiden Serien waren Kirk & Co. tatsächlich deutlich progressiver als die Truppe um Picard.

Doch dann, Folge 18, eine Episode wie ein Weckruf, wie ein erfrischendes Glas Science-Fiction-Limonade. Die Rede ist von Cause and Effect (Déjà vu), einer Episode, die direkt mit einem Knaller von einem Cold Open losgeht - im wahrsten Sinne des Wortes. Völlig unvermittelt finden wir uns auf einer Enterprise-Brücke inmitten einer schweren Havarie.

Keine fünfzig Sekunden nach Episodenbeginn explodiert die Enterprise spektakulär. Offene Münder vor den Fernsehschirmen. Tatsächlich wurde hier - anders als bei den meisten anderen Raumschiff-Explosionen in der Serie - nicht schnöde ein vorproduzierter Feuerball über das Bild eines Modells kopiert, sondern tatsächlich ein echtes, physisches Modell der Enterprise gesprengt - und das sieht fantastisch gemein aus.

Nach dem Vorspann ist in den Minuten bis zur zweiten US-Werbepause zu sehen, welche Ereignisse zu dieser Katastrophe führten. Auch diese Szenenfolge endet wieder mit der Zerstörung der Enterprise. Werbung, dann eine weitere Zeitschleife. Bumm!

Von Wiederholung zu Wiederholung bemerken die Charaktere zunehmend, in welcher Situation sie sich befinden und schaffen es am Ende tatsächlich, die fatale Zeitwiederholungsanomalie unbeschadet zu verlassen.

Verständlicherweise hartherzig: Guinan und Picard, die beide arg unter den kybernetischen Borg leiden mussten Quelle: Paramount Verständlicherweise hartherzig: Guinan und Picard, die beide arg unter den kybernetischen Borg leiden mussten Für Zuschauerinnen und Zuschauer am Tag der Erstausstrahlung war das eine ganz schön verwirrende Angelegenheit, weil die Episode nach jeder Werbeunterbrechung scheinbar wieder von vorn anfing.

Regisseur der Woche und Riker-Darsteller Jonathan Frakes gab sich zwar größte Mühe, für jeden Durchlauf signifikant unterschiedliche Kameraeinstellung zu wählen, doch trotzdem liefen an dem Abend die Telefone der Sender heiß vor lauter Anrufen, die sich darüber beschweren wollten, dass gerade irgendetwas fürchterlich schieflief mit der Ausstrahlung der neuen Next-Generation-Episode, weil immer und immer wieder dieselben Sequenzen wiederholt werden.

Die avantgardistische Erzählweise von Cause and Effect war tatsächlich moderner als die Erwartungen vieler Zuschauerinnen und Zuschauer - Star Trek endlich wieder als Speerspitze innovativen Fernsehens.

Nachdem bereits in Staffel 4 in der Episode Remember Me (Das Experiment), in welcher alle Charaktere nach und nach mysteriös verschwinden, Bordärztin Dr. Beverly Crusher überraschenderweise im Zentrum eines harten Sci-Fi-Plots stand, wurde auch Cause and Effect wieder aus ihrer Perspektive erzählt.

Am erstaunlichsten ist jedoch, dass anders als bei der Episode Darmok und dem Film Der mit dem Wolf tanzt der Kinohit Und täglich grüßt das Murmeltier, an den die Handlung der Episode frappierend erinnert, erst im Anschluss entstand. Ob sich Regisseur Harold Ramis von Star Treks Zeitschleife hatte inspirieren lassen?

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