Star Trek: Kein Geld, keine Sorgen? Wie und warum funktioniert eigentlich die Föderation?

Special Christian Schmid Maria Beyer-Fistrich
Star Trek: Kein Geld, keine Sorgen? Wie und warum funktioniert eigentlich die Föderation?
Quelle: Paramount /CBS

Jeder bekommt alles - und das umsonst? Auch wenn die Sternenflotte in den Köpfen vieler Fans sehr präsent ist, gibt es viele Diskussionen über das Prinzip der Föderation. Wir werfen einen näheren Blick auf die Idee, die hinter der Föderation steckt und wie das Ganze, den Wünschen von Gene Roddenberry gemäß, funktionieren könnte.

Wer hört, wie die Charaktere in diversen Star-Trek-Filmen und -Serien über die Föderation reden, stellt sich augenblicklich das Paradies auf Erden vor: Ein Utopia, in dem niemand Hunger leiden, frieren oder sich langweilen muss. Geld? Gibt es nicht mehr. Krieg? Bricht nur noch dann aus, wenn eine andere Regierung den Streit anfängt. Trotzdem beschweren sich viele Fans über den Verlust der Individualität, der mit einem politischen Moloch wie der Föderation einhergehen muss.

Stellt die Föderation gar eine Art "Weltraumkommunismus" dar, der dem Einzelnen verbietet, sich von seinen Mitmenschen abzuheben? Wirklich schlau wird man aus dem Hintergrund nur dann, wenn man die unzähligen Informationsfetzen zu einem großen Ganzen zusammenlegt - denn die Serien spielen im Umfeld der Sternenflotte, welche nicht mit der ungleich größeren Föderation gleichzusetzen ist. Wir werfen deshalb einen Blick auf den Rest der Galaxie und untersuchen, wie eine Post-Scarcity-Föderation funktioniert. Das Ganze untermauern wir mit Fakten aus Filmen und Serien.

Die Menschliche Natur und der Weltraumkommunismus
Zunächst ein paar grundlegende Tatsachen: Die Föderation basiert in Roddenberrys Vision von Star Trek auf der sogenannten "Post-Scarcity-Annahme". Post-Scarcity bezeichnet eine Überflusswirtschaft. Sprich, jeder hat alles, was er begehrt und kann sich dementsprechend höheren Zielen widmen als dem Erhalt des eigenen Lebens. Wie bereits in unserem Artikel "Das goldene Herz von Star Trek" beschrieben, war Roddenberry ein klassischer Humanist. Er vertrat den Standpunkt, dass die Menschheit an sich noch in den Kinderschuhen steckt und wir über uns hinauswachsen, wenn wir erst unsere Pubertät hinter uns lassen. Die Überflusswirtschaft ist dementsprechend das Zünglein an der Waage, dass es uns ermöglicht, als Spezies erwachsen zu werden. In den unsterblichen Worten Captain Picards: "Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern - und den Rest der Menschheit." (Star Trek: Der erste Kontakt).
Auch wenn die Föderation auf der Gleichheit ihrer Mitglieder und der Abkehr von Geldsystemen basiert, ist sie keineswegs eine Festung des Weltraumkommunismus. Quelle: Paramount /CBS Auch wenn die Föderation auf der Gleichheit ihrer Mitglieder und der Abkehr von Geldsystemen basiert, ist sie keineswegs eine Festung des Weltraumkommunismus.

Das fehlende Interesse an Geld führt viele Fans sofort dazu, einen Gedankensprung zu vollführen: Was ist in den Köpfen der meisten Leute das Gegenteil von Kapitalismus? Richtig. Das erste Missverständnis ist in der Regel die Annahme, dass es sich bei der scheinbar freundlichen Föderation um eine Art kommunistisches Weltraumimperium oder einen "Super-Sozialismus" handelt. Jeder ist in der Föderation gleich, also wird ganz offensichtlich das Kapital umverteilt! Will Kamerad Picard uns also davon überzeugen, die Produktionsmittel der herrschenden Klasse zu konfiszieren? Die Antwort darauf ist ein sehr eindeutiges Nein.

Der Grund dafür liegt in der Natur der Überflussgesellschaft selbst. Konzepte wie der Kommunismus oder der Sozialismus kommen nur dann zur Anwendung, wenn es begrenzte Ressourcen gibt. In dem Moment, in dem Ressourcen nur in begrenzter Menge vorhanden sind, brauchen wir nämlich eine Möglichkeit, sie zu verteilen, ohne auf dem nächsten Supermarktparkplatz mit unseren Fäusten um Wasser und Benzin zu kämpfen. In der Föderation ist das jedoch nicht der Fall, denn es gibt effektiv unbegrenzte Ressourcen: Die Erzeugung unbegrenzter Energie ist durch die Materie-Antimateriereaktoren des Star-Trek-Universums kein Problem. Wer etwas haben möchte, kann es sich schlicht und ergreifend replizieren. Das alles geschieht ohne die Umverteilung von Kapital oder Arbeitskraft - wer in der Föderation lebt, lebt im wahrsten Sinne des Worts im Überfluss. Wäre damit alles geklärt? Nun, nicht ganz.

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.
Das zweite große Argument dafür, dass die Föderation eigentlich nicht funktionieren kann, ist, dass der Mensch nun einmal gierig ist. Hinzu kommt, dass auch in der Föderation nicht alles repliziert werden kann: Wer einen schnellen Sportwagen haben möchte, kann ihn sich replizieren lassen. Wer ein Originalgemälde von Rembrandt besitzen möchte, kann es sich zwar ebenfalls bis auf das Molekül genau replizieren, aber ist es dann noch das Original? Wenn ihr unbedingt in Berlin wohnen wollt, könnt ihr das zwar per Holodeck tun, aber die "echte" Wohnfläche ist begrenzt. Einige Dinge werden immer selten sein und dabei haben wir die eigentlichen Mitglieder der Föderation noch gar nicht berücksichtigt, denn auch Talent oder Kreativität lassen sich natürlich nicht replizieren. Wer ein begabter Maler ist, wird zum Beispiel Gemälde produzieren, die allein durch ihre Seltenheit einen gewissen Wert aufweisen.
Nicht jeder besitzt die Fähigkeit, per Hand köstliches Essen zuzubereiten oder Gemälde zu erstellen. Der Wert dieser Gegenstände ist trotz allem sentimental – denn Replikatoren können all dieser Dinge bis auf die Molekulare Ebene exakt kopieren. <br> <br> &nbsp; Quelle: Paramount /CBS Nicht jeder besitzt die Fähigkeit, per Hand köstliches Essen zuzubereiten oder Gemälde zu erstellen. Der Wert dieser Gegenstände ist trotz allem sentimental – denn Replikatoren können all dieser Dinge bis auf die Molekulare Ebene exakt kopieren.

 
Man kann an dieser Stelle ein weiteres Mal mit Roddenberrys Auffassung des grundguten Zukunfts-Menschen kontern, doch die Lösung ist im Endeffekt viel einfacher: Auch wenn Dinge wie echtes Romulanisches Ale selten sind, besitzen sie in einem System wie der Föderation lediglich einen sentimentalen Wert, der nicht von allen Föderationsmitgliedern (oder auch nur von jedem Menschen) geteilt wird. Das Restaurant der Sisko-Familie (Star Trek: Deep Space Nine - Die Front) oder das Weingut Château Picard (Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert - Familienbegegnung) produzieren zwar seltene, handgefertigte Güter; in ihrem Kern stellen sie jedoch kreative Aktivitäten dar, die zum reinen Selbstzweck verfolgt werden.

Geld regiert die Galaxie
In der Raumschiff-Enterprise-Folge "Das Spukschloss im Weltall" wurden im Zuge einer Wette zum ersten Mal "Föderations-Credits" erwähnt. Aha, erwischt! Das bedeutet, dass die Föderation Geld besitzt und demnach in Kategorien wie Kapitalismus und Sozialismus eingeteilt werden kann! Nicht ganz. Zum einen entwickelte der Horror-Schreiber Robert Bloch die Folge. Der berühmte Autor zeichnete sich unter anderem für Welterfolge wie "Psycho" aus, teilte jedoch Roddenberrys Zukunftsauffassung nicht.

Als Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert startete, gab Schreiber Ronald D. Moore in einem Interview zu, dass "Gene [zu diesem Zeitpunkt] entschieden hatte, dass Credits oder Geld definitiv nicht in der Föderation existieren." Später wurden die Föderations-Credits wieder offiziell in das Star-Trek-Universum eingeführt - nun allerdings als Ware, die für Verhandlungen außerhalb der Föderation zum Einsatz kommt (Star Trek: Deep Space Nine - Die Karte). Einfach gesagt, stellen die Credits einen Kredit dar, mit dem ein nicht in der Föderation befindlicher Käufer Leistungen der Föderation in Anspruch nehmen darf, von Replikatorzugriff über Holodeck-Zeit bis hin zu Computer-Zyklen.
Wer in sich einer paradiesischen Gesellschaft, die alles besitzt, hervortun will, unternimmt vor allem eines: Er hilft anderen, die es vielleicht nicht so guthaben, wie er selbst. <br> <br> &nbsp; Quelle: Paramount /CBS Wer in sich einer paradiesischen Gesellschaft, die alles besitzt, hervortun will, unternimmt vor allem eines: Er hilft anderen, die es vielleicht nicht so guthaben, wie er selbst.

 

In Gold gepresstes Latinum ist eine zweite berühmte Star-Trek-Währung, die während der Shows gerne und oft benutzt wird. Auch in diesem Fall kursiert die Währung jedoch in Gebieten, die nicht zur Föderation gehören. Deep Space Nine existiert zum Beispiel als "Wild-West-Außenposten" auf dem vor allem Sternenflottenmitglieder dienen. Generell gilt: Ein durchschnittliches Föderationsmitglied weiß, wie Währungen funktionieren. Es darf eine Geldbörse besitzen und diese mit in Gold gepresstem Latinum füllen. Auf dem Gebiet der Föderation wird er die Währung trotz allem nicht benötigen, weil sie schlicht und ergreifend wertlos und nur für den "Außeneinsatz" gedacht ist. Die Existenz von Währungen und Tauschwaren hebelt selbst dann nicht das Prinzip der Föderation aus, wenn die Sternenflotte sie einsetzt. Denn wir erinnern uns, die Sternenflotte ist lediglich ein Teil der Föderation - und zwar derjenige, der den häufigsten Kontakt zu anderen Kulturen pflegt.

Wenn alle gleich sind, ist niemand außerordentlich
Das letzte Argument gegen eine Überflussgesellschaft ist, dass ein sicherer Lebensstandard, für den wir nichts tun müssen, die Apokalypse auslöst: Jeder sitzt nur noch im Holodeck und isst replizierten Kaviar, sodass niemand mehr die Fähigkeiten besitzt, um all die Hochtechnologie am Laufen zu halten. Diese Sicht lässt jedoch grundlegende menschliche Eigenschaften außen vor, die uns selbst ohne Roddenberrys humanistische Sichtweise antreiben: Neugierde und Ambition. Eine Überflussgesellschaft blockiert diese Eigenschaften nicht etwa, sie wird sie hoher Wahrscheinlichkeit explodieren lassen.
Durch die prominente Rolle der Ferengi sehen wir vor allem in Star Trek: Deep Space Nine immer wieder „wertvolle“ Dinge, wie Sammelkarten und in Gold gepresstes Latinum. DS9 befindet sich mitten im Nirgendwo, sodass wir hier vor allem den Föderations-fernen Lebenswandel mitbekommen. Quelle: Paramount /CBS Durch die prominente Rolle der Ferengi sehen wir vor allem in Star Trek: Deep Space Nine immer wieder „wertvolle“ Dinge, wie Sammelkarten und in Gold gepresstes Latinum. DS9 befindet sich mitten im Nirgendwo, sodass wir hier vor allem den Föderations-fernen Lebenswandel mitbekommen. Wie eingangs erwähnt, muss sich die Menschheit im Star Trek Universum keine Sorgen mehr um ihre tägliche Existenz machen, Bildung ist im Überfluss vorhanden und das Universum wartet nur darauf, erkundet zu werden. Es gibt immer Menschen, die sich persönliche Ziele setzen, Menschen, die erfahren wollen, wie Dinge in ihrem Innersten funktionieren und diejenigen von uns, die wissen möchten, wie die Welt hinter dem nächsten Hügel aussieht. Und die Leistungen dieser Menschen inspiriert ihre Artgenossen, es ihnen nachzutun.

Solltet ihr zu den ambitionierteren Föderationsmitgliedern gehören, fällt das Anhäufen von Geld als Messlatte des Erfolges weg - also müssen Großtaten, soziales Ansehen und Berühmtheit herhalten. In der Föderation werden Wissenschaftler, Visionäre und Entdecker ebenso verehrt wie Künstler und Philosophen, also sucht euch einen Bereich aus und legt los. Ihr habt alle Zeit und Ressourcen der Welt, um zu einem Meister eures Faches zu werden. Ihr sucht die Gefahr und wollt "echte" Dinge erleben, anstatt sie auf dem Holodeck zu bewundern? Die Sternenflotte ist im Vergleich zur Föderation eine überschaubare Organisation und ihr werdet einen Platz auf einem Raumschiff ergattern, wenn euer Erkundungsdrang groß genug ist. Es gibt hunderttausende Kulturen, die noch keine Überflusswirtschaft erreicht haben, also überzeugt sie, der Föderation beizutreten. Helft euren Mitlebewesen. Wir wissen nicht, ob Roddenberrys Zukunftsvision eintreten wird - möglich ist sie aber auf jeden Fall.

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