Gestern, heute, morgen: Star Trek TNG lieferte ein Serienfinale für die Ewigkeit
Special
Zum Abschied von Star Trek The Next Generation lieferten die Macher ein Finale, das bis heute nachwirkt und der Serie endgültig zu Legendenstatus verhalf.
Data eröffnete Geordi, dass er mit dem Gedanken spielte, zu kündigen und Lehrer zu werden. Sein hehres Ziel wäre es, wie einst Isaac Newton die große Physikprofessur in Cambridge zu haben. Und so sollte es hier kommen.
Ein komplett herausgeschnittener Handlungsstrang hätte eine spirituelle Komponente ins Spiel gebracht. Die Enterprise begegnete einem Schiff voller terellianischer Pilger.(Deren Captain wurde gespielt von Martha Hackett, die in der nächsten Produktionsstaffel gleich zwei wichtige Rollen übernahm - die romulanische Liaison T'Rul in Deep Space Nine und die verräterische Seska bei Voyager.
Die Pilgerreise war unterwegs ins Große Licht, denn unter ihnen waren massenhaft Sterbende und Kranke, die nur dort geheilt werden konnten. Picard erarbeitete sich, dass es sich beim Großen Licht um die bedrohliche Anomalie handelte, welche die Zeit umdrehte. So rückentwickelte sich der Embryo im Bauch eines schwangeren Crewmitglieds und Geordi wuchsen unter seinem Visor Pupillen.
Allen Warnungen zum Trotz sahen die Pilger keine andere Chance zum Überleben. Die lange ungesehene, vulkanische Bordärztin Doktor Selar berichtete von 23 Enterprise-Kindern, die aufgrund der Rückentwicklung gesundheitsgefährdende Symptome entwickelten. Da fällte Picard die Entscheidung, dass die Pilger, die Föderationsbürger waren, gemeinsam mit der Zivilbevölkerung des eigenen Schiffes evakuiert wurden; nur eine Notbesatzung blieb an Bord der Enterprise.
Quelle: Paramount
Picard, Captain in Rente, im Weinberg der Familie
Morgen
Und dann wäre dann noch die Zukunft, 25 Jahre nach Staffel 7. Eigentlich ging es auch hier vergleichsweise emotional zu, doch weil man sich in einer alternativen Zeitlinie befand, die nicht zwingend Realität werden musste, konnte man hier nach Herzenslust spinnen.
Doch bevor ich dazu komme, möchte ich die größte Logik-Lücke der Episode benennen, auch wenn solche Fehler normalerweise nichts sind, woran ich die Qualität einer Star-Trek-Geschichte messe, denn die Serie ist voll von kleinen und großen Unwahrscheinlichkeiten.
Nun war es aber so, dass die gesamte Folge uns erzählen wollte, dass die verheerende Zeitanomalie in der Zukunft entstand und dann in der Zeit rückwärts größer wurde. In einer Szene war die Crew einige Stunden vor Entstehung der Anomalie vor Ort, wo das Phänomen, weil es ja in die Vergangenheit wuchs, schon in Miniaturform zu sehen sein hätte müssten.
Man fand jedoch nichts. Ein paar Stunden nach der Entstehung der Anomalie kehrte man zurück und konnte sie dann endlich auf den Sensoren messen. Die Anomalie wuchs also ausgerechnet in der Zukunft in der Zeit nach vorne und nicht rückwärts, wie die Folge es eigentlich erzählen wollte. Da hatten sich Moore und Braga in ihrem eigenen Zeitreise-Wust verheddert.
Davon abgesehen zeigte die Zukunft gar wunderbare Dinge. Jean-Luc Picard als Kapitän in Rente, ein Zausel mit Strohhut im Weinberg der Familie. Schon ein bisschen vergesslich war er geworden und in seiner Tüdeligkeit ungeduldig mit sich selbst und dem Rest der Welt.
Für mich ist genau dieser subtil-senile Picard der "echte", alte Jean-Luc, ganz im Gegensatz zu dem Picard, den eine Serie, die nach ihm benannt wurde, ein Vierteljahrhundert später erzählen sollte. Ich für meinen Teil werde immer festhalten an der Zukunftsversion aus "All Good Things...".
Das Spiegelbild zu dem Misstrauen der Pilotfilm-Vergangenheit, welches die Crew dem unbekannten Captain gegenüber hegte, war in der Zukunft dessen einsetzende Senilität. All sein Gestammel von Anomalien und Zeitsprüngen - da könnte es sich genauso gut um Alterserscheinungen oder ein Symptome des iromodischen Syndroms handeln.
Als knorriger Greis sagte der Zukunfts-Picard oft "verdammt noch mal" und "Menschenskinder", während der Rest der Crew zwischen liebevoller Erinnerung, aber auch fürsorglichem Mitleid changierte.
Geordi aus der Zukunft war derjenige, der sich charakterlich am wenigsten geändert hatte, obwohl er seinen Visor zugunsten von Augenimplantaten abgelegt hatte und tatsächlich verheiratet war mit einer gewissen, wie es hieß, Leah.
Sollte das etwa die Leah Brahms sein, der gegenüber er sich in Staffeln 3 und 4 als übergriffiger Digital-Stalker betätigt hatte? So oder so war Geordi der erste, der sich Picards Suche nach dem Ursprung der Anomalie anschloss.
Generell funktionierte diese Zeitebene wie der Film um die Blues Brothers: "Wir müssen die Band wieder zusammenbringen!" Und tat dies für meinen Geschmack erneut viel nachvollziehbarer und netter erzählt als Staffel 3 von "Picard" mit all ihren comichaften Übertreibungen und einem Übermaß an Fanservice, der hauptsächlich zum Selbstzweck existierte.
Data war ebenfalls nicht mehr in der Sternenflotte, er hatte besagten Traum erfüllt, einen Lehrstuhl in Cambridge innezuhaben. Distinguiert hauste er auf dem Campus, mit einem, wie seine Haushälterin sagte, Stinktierstreifen in den Haaren und jeder Menge Katzen. Beverly Crusher - oder besser gesagt Beverly Picard, denn sie war nunmehr die Ex-Frau des Ex-Captains - war Befehlshaberin eines eigenen Medizinschiffes.
Quelle: Paramount
In der Zukunft an Bord der Pasteur, Beverly Picards Medizinschiff
Wer fehlte, war Deanna Troi, denn sie war in den Jahren zwischen der Staffel 7 und der imaginären Zukunft verstorben, was dazu führte, dass ihr ehemaliger Beau, William Riker, genauso mürrisch war wie Deannas Liebschaft der siebten Staffel, Klingone Worf, der inzwischen als Botschafter im heimischen Imperium tätig war. Alles in allem eine wunderbare Rentner-Gang der Zukunft
Im Hinblick auf Design schlug man den Bogen aber nicht bloß zum Anfang der Serie, sondern sogar zurück vor die Anfänge der Original-Serie. Beverlys Schiff, die Pasteur, war mit seiner kugelförmigen Kommandosektion angelehnt an die Deadalus-Klasse und basierte auf einem von Matt Jefferies frühesten Entwürfen für die allererste Enterprise aus dem Jahr 1964. Bill George von ILM baute das Modell.
Die Enterprise der Zukunft mit ihren drei Warp-Gondeln war kein echter Umbau des vorhandenen Schiffes, denn sämtliche Aufmotz-Applikationen wurden lediglich von Modelllegende Greg Jein oberflächlich angeschraubt, um das Modell unkompliziert in seinen Originalzustand zurückversetzen zu können.
Und auch die futuristische Renovierung der Brücke stammte vielmehr aus einer der Parallelwelten der Staffel-7-Episode "Parallels" - besonders gut erkennbar an einem Leuchtkasten direkt über dem Stuhl des Captains. Und an der vorderen Konsole der Pasteur brachte einer der beiden Autoren seine damalige Freundin unter; Alison Brooks als Ensign Chilton war zu dieser Zeit mit Brannon Braga liiert.
Eine weitere nicht umgesetzte Idee war es, die alte Enterprise-D in der Zukunft aus dem Museum zu entführen, ähnlich wie der Raumdock-Diebstahl in "Star Trek 3: The Search for Spock".
Da man sich gegen diese Erzählung entschied, lieh sich Ron Moore das Museumskonzept Jahre später für sein Remake von "Battlestar Galactica". Und auch in Staffel 3 von "Picard" wurde es wieder aufgegriffen. Ein letzter Fun Fact aus der Zukunft: Es wurden auch Szenen mit Worf und seinem nunmehr erwachsenen Alexander geschrieben, aber im Gegensatz zum Pilger-Plot nicht gefilmt. Es ging in diesen Szenen darum, dass Vater und Sohn Partnerin und Stiefmutter Deanna verloren hatten.
Wolf 359, die verlorene Zeitebene
Eine vierte Zeitebene war angedacht, die während des legendären Borg-Cliffhangers "The Best of Both Worlds" (In den Händen der Borg/Angriffsziel Erde) hätte spielen sollen - Picard wäre hier zurückgesprungen in seine Borg-Version namens Locutus. Möglicherweise hätte ihm in dieser Zeitebene Hugh zur Flucht verholfen; das war der Borg, den die Crew in Staffel 5 kurzzeitig vom Kollektiv der Cyber-Zombies getrennt hatte.
