Gestern, heute, morgen: Star Trek TNG lieferte ein Serienfinale für die Ewigkeit
Special
Zum Abschied von Star Trek The Next Generation lieferten die Macher ein Finale, das bis heute nachwirkt und der Serie endgültig zu Legendenstatus verhalf.
Gestern
Das Gestern brachte uns zurück in den Pilotfilm "Encounter at Farpoint" (Mission Farpoint/Der Mächtige). Aus Echtwelt-Perspektive, also der Rücksturz in die ganz frühe Zeit der Next Generation, in der alteingesessene Fans der Original-Serie es generell ablehnten, eine Serie ohne Kirk und Spock vorgesetzt zu bekommen, die zu allem Überfluss auch noch 78 Jahre nach deren Wirken spielte.
In diesen frühen Tagen stand die Zukunft der Serie auf der Kippe, weil es sehr unsicher schien, ob sie einerseits kreativ funktionieren und ob andererseits das Experiment aufgehen würde, eine so teure Produktion in First-Run-Syndication laufen zu lassen, also auf werbefinanzierten Lokalstationen.
Es war auch die Zeit, in der Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry noch unter den Lebenden und aktiv beteiligt war, ebenso wie sein Unruhe stiftender Anwalt Leonard Maizlish (wer dazu mehr erfahren möchte, kann in die ersten Artikel dieser Reihe schauen). Und auch die Zeit, in der die Stars der Serie selbst noch äußerst skeptisch waren, was ihr eigenes Produkt anging.
Wo nämlich die aus Großbritannien stammenden Patrick Stewart und Marina Sirtis ständig Rückflugtickets nach England bereithielten, falls bei ihrem neuen Science-Fiction-Engagement der Stecker gezogen würde.
Wobei es ja tatsächlich diese ersten beiden und auf wackeligen Füßen stehenden Staffeln waren, die mich zum Fan machten. Nicht nur, aber auch, weil sie den Weltraum noch als einen freakigen und gefährlichen Ort darstellten, viel mehr als die späteren Staffeln, wo vieles wie eine altbekannte Nachbarschaft wirkte.
Von dieser Verrücktheit war in der Vergangenheitsportion in "All Good Things..." jedoch nichts zu spüren. Es waren lediglich die Kulissen, Kostüme und die Besetzung, welche den Pilotfilm evozierten.
Aus Sicht der Serie sahen wir einen Captain Picard, der sich als Zeitreisender mit Königswissen unter Ahnungslosen bewegte. Der aus seiner Sicht eng vertraut war mit der Crew, für die er gleichzeitig doch einen neuen und fremden Chef darstellte. Familiäre Verbundenheit, aber nur einseitig.
Quelle: Paramount
Transporter-Chief O'Brien war in Staffel 6 zum Spin-off Deep Space Nine gewechselt.
Tatsächlich war Captain Picard zu Beginn der Serie ein sehr kühler und distanzierter Typ, in dessen Körper nun ein veränderter und einfühlsamerer Mann steckte. Ohne die Zeitlinie zu beschädigen, musste er seine neue Crew zum Handeln bringen und sich ihr Vertrauen erarbeiten, was ihm zum Glück gelang, weil er eben nicht mehr der Mann von vor sieben Jahren war.
Wobei das Unterfangen nicht ohne Risiken war, denn zahlreiche Episoden der Originalserie und auch einige wenige der Next Generation zeigten, dass, wann immer der Captain eine Kopie war oder unter dem Einfluss einer fremden außerirdischen Macht stand, er sich reichlich merkwürdig verhielt, was den Hochstapler auffliegen ließ.
Ebenso wie ein falscher Fuffziger könnte auch der gesetztere Picard in einigen Szenen auf die frische Besatzung wirken, allerdings vertraute man ihm dennoch und wurde nicht argwöhnisch.
Längst vergessene Anblicke sorgten im Gestern dafür, dass sich ein wehmütiger Blick in die ersten Tage der Mission bot. So gab es ein Wiedersehen mit der längst verstorbenen Sicherheitschefin Tasha Yar, gespielt von Denise Crosby, die gegen Ende von Staffel 1 ausgestiegen war. Allerdings hier mit einer Frisur, die sie zu Zeiten des Pilotfilms komischerweise so nicht trug.
Picard, der ihr natürlich nichts über ihren tragischen Tod verraten durfte, verschlug es die Sprache, als er auf einmal mit einer Frau im Shuttle saß, die für ihn ein Gespenst der Vergangenheit darstellte. Außerdem wäre da Chief O'Brien, der treue Transporter-Bediener, der schon vor anderthalb Jahren zur Spin-off-Serie Deep Space Nine abgewandert war.
Wer an Bord noch fehlte, denn sie stießen erst bei Farpoint-Station hinzu, welche die Enterprise in diesem Hosenbein der Geschichte nicht erreichte: der erste Offizier Riker, der spätere Chef-Ingenieur Geordi La Forge, Bordärztin Beverly Crusher und deren Sohn Wesley.
Die Handlung wurde also bestritten von den paar Figuren, die "ab Werk" auf der Enterprise waren, neben den bereits genannten waren das Deanna Troi, der Klingone Worf und Data. Wobei Worf einigermaßen aussah wie zu Staffel-1-Zeiten - danach hatten sich Look und seine Schärpe über die Jahre dramatisch gewandelt.
Und auch Data war noch der frühe Android, der sich an Sprichwörtern abarbeitete. Die sechs Jahre jüngeren Versionen der Charaktere waren hervorragend getroffen, ebenso ihre alten, nach dem Ende von Staffel 2 abgelegten Schlafanzug-Uniformen.
Längst verschwunden war auch die Wand der goldenen Schiffchen im Konferenzraum, diese waren in Staffel 5 abgebaut worden, als der sechste Kinofilm das Next-Generation-Set gebucht hatte. Die Schiffe hatte ausgerechnet Autor Ron Moore aus dem Schrottcontainer gefischt - und von ihm lieh Paramount sich diese Requisite nun wieder aus.
Zudem hatte man die Seitenwände der Brücke in ihren alten Look zurückversetzt und die Leder-Liegesessel an den vorderen Konsolen reaktiviert. Nur Picards Sessel war mittlerweile unwiederbringlich runderneuert worden, weswegen er hier aussieht wie in Staffel 7. Ein kleiner Schönheitsfehler.
Einen Skype-Call mit Riker im Staffel-1-Look - ohne Bart - bastelte man zusammen aus der Episode "The Arsenal of Freedom" (Die Waffenhändler). Zum Farpoint-Setting passte ursprünglich nicht, dass bei Erstausstrahlung im Jahr 1994 im Hintergrund Captain Paul Rice aus ebendieser Episode zu sehen war. Für das HD-Remastering 2014 wurde Rice digital entfernt.
Quelle: Paramount
Im Heute stellt Picard fest, dass Qs Gerichtsverhandlung nie wirklich vorbei war.
Heute
Im Hier und Jetzt der Serie, also in der Zeitebene, die zum Ende der siebten Staffel spielte, wurde Captain Picard und seinen wilden Zeitsprung-Geschichten, die er sich vielleicht nur einbildete, selbstverständlich blind vertraut, denn die Crew kannte ihn, er kannte die Crew und sie wussten alle, dass er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war.
Dadurch war dieser Teil der Handlung die konfliktärmste Zeitebene, jedoch bildete sie die emotionale Unterfütterung der gesamten Story, einen Anker vor allem für die letzte Szene.
Gefühlvoll ging es los im Cold Open, das noch einmal die Romanze zeigte, die erst spät in der Serie aufkam, genauer gesagt die zwischen Sicherheitschef Worf und Bordpsychiaterin Deanna Troi. In dieses tête-à-tête platzte Captain Picard im Morgenmantel und war ganz außer sich, weil er sich als unfreiwilliger und unkontrollierter Zeitreisender fühlte.
Doch dann: Aufgrund einer Untersuchung durch Bordärztin Beverly stellte sich heraus, dass in Picard die Veranlagung zu einer äußerst seltenen neurologischen Krankheit schlummerte, dem sogenannten iromodischen Syndrom. Irgendwann einmal könnte ihm das zum Verhängnis werden und so lag von diesem Moment an eine gewisse Melancholie über der Gegenwartshandlung.
Es ging darum, dass gemeinsame Zeit endlich ist, selbst wenn man sich der Illusion hingibt, dass es immer unverändert weitergehen würde. Welche Dinge man versäumte zu tun, keine Familie gründete und andere verpasste Chancen. Wie das Leben unter Freunden im Hier und Jetzt jeden Moment zu Ende sein kann.
Inspiration für diesen Aspekt der Folge war Michael Pillers Anregung: "Zeigt unterschiedliche Phasen im Leben eines Mannes, auch die Midlife-Crisis." In diesem Zusammenhang wurde auch die Staffel-6-Episode "Tapestry" (Willkommen im Leben nach dem Tode) als geistiger Vorgänger ausgewählt, die von einem noch deutlich jüngeren Jean-Luc Picard erzählte, der eine leichtsinnige Lebensentscheidung traf und diese später bereute, obwohl sie entscheidend für seinen weiteren Weg war.
Noch ein ermutigendes Memo von Piller an seine beiden Autoren aus Februar 1994: "Man kann sich von einer Serie Wiederholungen anschauen. Man kann sich warm daran erinnern. Man kann Conventions besuchen. Aber man kann all das nur einmal leben."
In dem Zusammenhang ein paar Deleted Scenes aus "All Good Things...", die tief blicken lassen. In einer wollte Data von seinem besten Freund Geordi wissen, wo sich dieser in 25 Jahren sähe. Der meinte, er würde wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit in der Sternenflotte sein, weil er sich nichts anderes vorstellen könne. Die Zukunft derselben Episode zeigte ihn als Privatier.
