Verurteilungen und Strafen bleiben zwar aus, aber die Shooter-Entwickler wollen keine schlafenden Hunde mehr wecken. Es gibt nämlich einen anderen Ausweg.
Das Ergebnis: Es bleibt schwierig
Ein voller Erfolg also, nicht nur für Activision und Call of Duty, sondern im übertragenen Sinne für jedes Studio, das auch moderne, realistische Militär-Shooter entwickelt. Ein Freifahrtschein ist das Urteil aber lange nicht, und deswegen bleibt die Lage auch nach der Rechtsprechung im Jahr 2020 kompliziert.
Wir haben einen Fall in einem Land, entschieden von einem Gericht, bezogen auf ein Militärfahrzeug, das man in den betreffenden Spielen nicht einmal selbst steuern kann. Das Urteil lässt sich auch nicht eins zu eins auf den globalen Spielemarkt übertragen, weil in unterschiedlichen Ländern Markenrecht und Rede- oder Kunstfreiheit unterschiedlich gewichtet werden.
Und es ist nicht gesichert, dass Gerichte bei aktiv benutzbaren Schusswaffen genauso entscheiden würden wie bei größtenteils im Hintergrund herumstehenden Geländewagen.
Activisions Prozess hat mindestens drei Jahre gedauert, er hat finanzielle und personelle Ressourcen verschlungen und mögliche Konsequenzen in Aussicht gestellt, die auch ein stinkreicher Riesenpublisher lieber vermeiden will.
Ganz zu schweigen vom steigenden öffentlichen Druck. Spätestens seit Medal of Honor: Warfighter von 2012 und dem im selben Jahr begangenen Sandy-Hook-Amoklauf werden Verbindungen zwischen Waffenfirmen und Spieleentwicklern kritisch beäugt. Und gerade in konservativen und reaktionären Kreisen ist auch die Killerspiel-Debatte noch immer nicht vom Tisch, vor allem, wenn es um Gewaltverbrechen mit Schusswaffen geht und sich auf der Festplatte des Täters ein Shooter befindet.
In diesem Artikel
Die Lösung
Das alles - die komplizierte Rechtslage, ein globaler Spielemarkt, Lizenzbedingungen und -gebühren, unterschiedlich ausfallende Urteile und die Angst vor negativer PR - führt uns dahin, wo wir jetzt sind.
Dazu kommt noch, dass große Militär-Shooter-Marken heutzutage meist nach dem Live-Service-Prinzip funktionieren und ihre Waffen ständig mit neuen Skins ausgestattet werden, die ein Lizenzpartner erst einmal freigeben müsste.
Allerdings gibt es ihn doch, den einen, offenbar sicheren Weg, echte Waffen in einen Shooter zu bekommen - und das, ohne sich mit Rüstungsfirmen und Gerichten herumschlagen zu müssen. Die Lösung ist, sich bei Design und Benennung ein paar kreative Freiheiten zu erlauben.
Quelle: PC Games
Was denkt ihr: Hätte Heckler & Koch ein solches Design freigegeben, wenn ihr G36 unter seinem richtigen Namen in Modern Warfare auftauchen würde?
Um abzuschätzen, was wir bei unserer fiktiven MP5 verändern müssten, ruft uns Christian Solmecke ins Gedächtnis, was an der echten Waffe überhaupt geschützt ist. "Der Markenname und das Logo eines Produkts sind durch das Markenrecht geschützt. Auch der Modellname fällt in der Regel als Werktitel unter diesen Schutz. Das äußere Design kann durch das Designrecht geschützt werden, wenn es sich um eine neuartige Gestaltung handelt. Die Funktionsweise eines Produkts ist hingegen nicht durch das Markenrecht abgedeckt, sondern gegebenenfalls durch Patente. Ein Entwickler müsste sich also besonders vor der Nutzung geschützter Marken und Designmerkmale in Acht nehmen."
Sobald ein Call of Duty seine MP5 also "Lachmann-MP" oder "C9" nennt und das HK-Logo weglässt, sollte das Markenrecht schon einmal keine Basis mehr für eine Klage liefern. Beim Designrecht ist die Sache nicht ganz so klar - es gibt nämlich kein öffentliches Handbuch für nötige Änderungen, damit man auf jeden Fall keinem Waffenhersteller auf die Füße tritt.
Ziehen wir Battlefield 6 und Call of Duty: Black Ops 6 als Beispiel heran, wird aber ersichtlich: Man kann es sich erlauben, die Waffe so nah am echten Vorbild zu designen, dass ein halbwegs versierter Spieler das Vorbild erkennt.
Und doch gibt es meistens dezente Änderungen. Seien es kleine Hebel, Linien am Gehäuse, Visiervorrichtungen, der Kolben, der Handschutz. Eine moderne Handfeuerwaffe hat viele Bestandteile, die zur rechtlichen Absicherung umdesignt werden können, ohne den Wiedererkennungswert zu zerstören.
Quelle: PC Games
Während das HK433 von Heckler & Koch in Call of Duty zum "Kilo 141" verfremdet wird, macht es sich Battlefield 6 noch leichter: M433 könnte das Gewehr zum Beispiel heißen, wenn es vom US-Militär adaptiert würde.
Gleichzeitig sorgen Fantasienamen und -marken dafür, dass beim Spieler keine Zweifel bezüglich der Herkunft der Schießeisen auftauchen. Und wie wir jetzt wissen, ist das vor US-Gerichten ein entscheidender Faktor. In Amerika gilt das wohl auch für die Verwendung von (fiktiven) Militärbezeichnungen statt der Handelsnamen der Produkte. Da wird die Heckler & Koch HK433 kurzerhand zur M433, und fertig.
Insgesamt ist es eine Win-Win-Situation für Spieler und Entwickler. Erstere bekommen detaillierte Ausrüstung, die nah genug an der Realität ist, um zu beeindrucken, aber auch nicht so nah, dass mit dem Kauf des Spiels eine Waffenfirma oder deren PR-Strategie unterstützt werden muss. Entwickler ersparen sich potenziell reputationsschädigende Deals, Klagen und Einschränkungen ihrer künstlerischen Freiheit.
Da ist es, bei aller Liebe zur authentischen Shooter-Erfahrung, wohl für die meisten von uns verschmerzbar, wenn es wieder mal nur die Lachmann-MP geworden ist.
Ist es euch wichtig, dass euch realitätsnahe Shooter auch mit echten Waffen ausstatten, oder könnt ihr getrost darauf verzichten? Teilt uns gerne eure Meinung mit und beachtet beim Kommentieren wie immer die Forenregeln und die allgemeine Netiquette im Internet. Solltet ihr noch keinen Account haben, könnt ihr über eine Registrierung nachdenken, die viele Vorteile mit sich bringt. Unsere Video-Inhalte findet ihr bei YouTube, Instagram und TikTok.
