Dragon's Dogma 2, Elden Ring ... Das ist doch alles kein JRPG! Darum schadet das Label japanischen Spielen
Special
Ein Rollenspiel aus Japan ist ein JRPG, richtig? Na ja, so leicht können wir uns das leider nicht machen. Es handelt sich vielmehr um ein eigenes Genre als eine Herkunftsbezeichnung. Das Label kann manchen Spielen daher sogar im Weg stehen.
Dadurch, dass die Figuren allesamt in die Handlung eingebunden sind, sind sie ein fester Bestandteil der Spielerfahrung. Ein Abenteuer, in dem ihr lediglich mit einem der Charaktere loszieht und euer Ding allein durchzieht, wäre undenkbar.
Durch diese Struktur sind JRPGs prädestiniert dafür, dass die Spieler parasoziale Beziehungen zu den Charakteren aufbauen. So werden Beziehungen genannt, die Menschen zu fiktiven Figuren oder für sie unerreichbaren realen Personen, zum Beispiel Promis oder Influencer, haben.
Durch ihre Natur sind solche Beziehungen zwangsläufig einseitig, können aber durchaus positive Effekte auf die betroffenen Personen haben. Sich mit bestimmten Charakteren aus Spielen, Büchern oder Filmen geradezu anzufreunden und mit ihnen mitzufiebern, kennen vermutlich die meisten von uns.
Quelle: Koei Tecmo
Atelier Ryza 3: Alchemist of the End & the Secret Key
Aufgrund ihrer erzählerischen Struktur und des Fokus auf die Geschichte und ihre Schachfiguren sind JRPGs besonders gut darin, einem die Figuren näherzubringen. Der Abschied von ihnen nach dem Ende des Spiels kann dementsprechend schwerfallen.
Eine Frage des Geschmacks
Westliche Rollenspiele funktionieren etwas anders, aber sie lassen euch deshalb nicht permanent als einsamen Wolf durch die Gegend streifen, ohne auf eine einzige Menschenseele zu stoßen. Spannende Charaktere sind ebenfalls wichtig, jedoch habt ihr meist selbst die Entscheidungsfreiheit, wie gut ihr sie kennenlernen möchtet und auf wen ihr euren Fokus legt.
Seid ihr in einem westlichen Rollenspiel in einer Gruppe unterwegs, kann die vorherrschende Dynamik je nach Spiel ganz unterschiedlich ausfallen. Es kommt vor allem darauf an, ob es vorgegebene Begleiter mit einem festen Charakter sind oder lediglich Marionetten, die euch im Kampf unterstützen.
Wenn ihr als Geralt in The Witcher 3: Wild Hunt allein loszieht oder eure Begleiter in Fallout 4 einfach stehen lasst und euch ohne Gesellschaft durchschlagt, entsteht ein ganz anderes Spielgefühl, als wenn ihr in Baldur's Gate 3 euren Gruppenmitgliedern im Laufe des Abenteuers immer näherkommt.
Quelle: PC Games
Dragon's Dogma 2
Für welches Prinzip sich die Entwickler entscheiden, hängt schlussendlich stark von den restlichen Aspekten und Visionen des Spiels ab. In den meisten Fällen lernt ihr eure Kameraden aber durch spezifische Nebenquests oder sogar ganze Handlungsstränge, die ihr optional verfolgen könnt, besser kennen.
Dadurch habt ihr also auch einen Einfluss darauf, wem ihr überhaupt eure Zeit widmen möchtet. Das ist eine Sache, die ihr in der japanischen Tradition kaum finden werdet. Das mag auf den ersten Blick nicht wie ein riesiger Unterschied wirken, hat allerdings zusammen mit der Erzählstruktur einen großen Einfluss auf das Spielerlebnis.
Es gibt noch weitere Faktoren, die eher typisch für die westliche oder japanische Tradition sind. JRPGs greifen zum Beispiel gern auf Fantasy-Settings zurück, die oftmals bunt, einladend und fast schon magisch wirken. Dabei wird häufig auf den klassischen Anime-Stil gesetzt, der mal mehr, mal weniger klischeehaft umgesetzt ist.
Westliche Rollenspiele sehen nicht nur deutlich realistischer aus, sie setzen auch vermehrt auf eine mittelalterliche Atmosphäre. Fantastische Elemente gibt es auch hier, das Konzept ist allerdings ein ganz anderes.
Quelle: Bandai Namco
Scarlet Nexus
Thematisch gibt es zwischen den beiden Genres zwar auch Überschneidungen, aber vergleicht zum Beispiel mal Cyberpunk 2077 mit Scarlet Nexus.
Beide Rollenspiele setzen auf ein futuristisches Thema, allerdings mit gänzlich anderen Herangehensweisen. Dazu kommt, dass JRPGs oftmals junge Protagonisten im Teenager-Alter haben, während bei westlichen Rollenspielen erwachsene Charaktere auftreten.
An den Beispielen zeigt sich, dass sich japanische Rollenspiele nicht nur durch ein paar Anime-Klischees abheben, sondern mittlerweile zu einem ganz eigenen Subgenre geworden sind. Dadurch wird eine andere Zielgruppe angesprochen als bei westlichen RPGs.
Schubladendenken leichtgemacht
Selbst in Fan-Kreisen herrscht noch heute Uneinigkeit darüber, wie die Bezeichnung nun richtig angewendet wird. Genau das ist das Problem mit dem Label: Wenn wir trotz der Unterschiede einen Titel wie Dragon's Dogma 2 leichtfertig als JRPG bezeichnen, erweckt das eine ganz bestimmte Erwartungshaltung.
Sobald das Spiel seinen Lauf nimmt, wird aber direkt klar: Bis auf ein paar Tendenzen, die in diese Richtung gehen, haben wir es hier eindeutig mit einem Rollenspiel zu tun, das sich an westlichen RPGs orientiert, ungeachtet seines Herkunftslands.
Wenn wir bildlich gesprochen nun einen Aufkleber mit dem Begriff JRPG auf das Spiel packen, passieren zwei Dinge: Zum einen werden Fans davon enttäuscht sein, dass es sich viel mehr wie Skyrim anfühlt als wie Xenoblade Chronicles 2. Und zum anderen werden Spieler, die ihren Spaß mit genau so einem Titel haben würden, abgeschreckt, weil sie kontroverse Anime-Klischees befürchten.
