Spiele-Entwicklung ist nicht nur in den USA, dem Vereinigten Königreich oder Polen ein Thema: Auch in Ländern, in denen man es vielleicht weniger erwartet, gedeihen Entwicklerszenen - so auch in Albanien.
Ein Wochenende, kein Schlaf, zehn neue Games
Nach dem Scheitern des Startups, entschied sich Lorena trotzdem weiter mit und in der Gaming Szene zu arbeiten. Sie war überwältigt von der Leidenschaft und der Wärme innerhalb der Szene: "Ich habe so viele talentierte Entwicklerinnen und Entwickler getroffen, die alle davon träumen ein Spiel zu entwickeln, das wollte ich irgendwie unterstützen." Also hat sie 2023 den ersten albanischen Game Jam - ein 48-Stunden-Marathon, bei dem kleine Teams eine Spielidee umsetzen - organisiert. Die Idee: Leute zusammenbringen, ausprobieren, lernen. Die Veranstaltung war klein, improvisiert, unbezahlt - aber ein voller Erfolg. "Wir dachten, wenn ein paar Teams kommen, ist das schon großartig - und dann kamen acht bis zehn".
Die Geburt einer Szene
"Ich kannte die alle nicht", erinnert sie sich. "Niemand hatte sie auf dem Schirm." Und auch die Entwicklerinnen und Entwickler kannten einander nicht. Für sie war klar: Es braucht mehr Sichtbarkeit, mehr Austausch: "Es gab keinen Ort, keine Plattform, kein Gefühl von Gemeinschaft. Viele waren einfach nur Einzelkämpfer."
Also gründete sie kurzerhand selbst eine Plattform: die Albanian Gaming Community. "Ich habe der Szene einfach einen Namen gegeben - damit sie als etwas Greifbares existiert." Formal ist das keine Organisation, sondern eher ein loses Netzwerk. Aber es ist ein Anfang. Beim zweiten Gamejam 2024 waren es bereits über hundert Teilnehmende. Die Energie war ansteckend sagt Lorena: "Die Entwickler schlafen kaum - und um vier Uhr morgens tanzen sie alle noch im Büro." Die Spiele, die bei den Gamejams entstanden sind, gibt es zum freien Download auf itch.io.
Zwei Freunde, keine Kohle, ein Spiel
Während Lorena Gjana sich um den Aufbau der Szene kümmert, arbeiten erste kleine Studios an ihren eigenen Spielen - allen voran Tika Studios. Das Indie-Studio aus Tirana gilt als eines der vielversprechendsten des Landes. Gegründet wurde es von den beiden Uni-Freunden Ronaldo Cala und Vangjush Premti zusammen mit Armand Brahaj, einem Bekannten von Ronaldo. Er investierte vor allem Startkapital in die junge Firma und lässt das kleine Team zurzeit die Büroräume seiner anderen Firma nutzen.
Quelle: Andreas Schneider
Ronaldo Cala und Vangjush Premti von Tika Studios in Tirana
Die Idee zu Tika Studios entstand aus Mangel an Alternativen: "Es gab keine Game-Studios in Albanien", sagt Ronaldo Cala. "Also haben wir selbst eins gegründet." Mit Anfang 20 war er noch Mobile Developer, aber er wollte unbedingt Spiele entwickeln: "Ich liebe Spiele und ich wusste ich will einfach selbst welche machen."
"Natürlich war das scary", sagt er, "so jugn selbstständig zu sein. Aber es war auch aufregend. Ich dachte: Wenn ich scheitere, dann wenigstens mit etwas, das ich wirklich liebe."
Left 4 Dead und Hades als große Vorbilder
Gemeinsam mit seinem Studienfreund Vangjush Premti - alle nennen ihn Vanjo - entwickelte Ronaldo zunächst ein einfaches Mobile Game. Eine Art Testballon. Das Spiel war ein Endless Runner im Stil von Subway Surfer - entwickelt in wenigen Monaten. "Es war nie als großer Wurf gedacht", sagt Ronaldo. "Wir wollten einfach nur schauen, ob wir ein funktionierendes Spiel von Anfang bis Ende bauen können." Für die beiden war es der erste Schritt damit ihr Traum Realität wird.
Dann folgte Carnival of Souls, ein Ego-Shooter für den PC, inspiriert von Spielen wie Left 4 Dead und Hades. "Das Spiel war nicht besonders erfolgreich", sagt Ronaldo nüchtern, "aber wir haben es komplett zu zweit gemacht - und veröffentlicht. Das war für uns ein Meilenstein."
Marketing, sagt er, sei in Albanien eine der größten Hürden. Kaum jemand wisse, wie man ein Spiel auf Steam vermarktet, internationale Zielgruppen erreicht oder mit Publishern spricht. Eigentlich, sagt Ronaldo, sei Carnival of Souls auch nicht wirklich abgeschlossen. Viele Features, die sie geplant hatten - mehr Gegnertypen, Story-Elemente, Bosskämpfe - blieben auf der Strecke. "Wir hätten das Spiel gern weiterentwickelt", sagt Ronaldo, "aber wir mussten uns entscheiden: Entweder stecken wir noch Monate in Carnival of Souls - oder wir konzentrieren uns auf das neue Spiel." Er will aber viele Inhalte noch nachliefern, wenn der finanzielle Druck nicht mehr so groß ist, sagt er.
