Geht nicht, Phantomdiebe! - warum ich mich so schwer von meinen Spielen trennen kann
Special
Der Abschied von Spielen kann ziemlich weh tun. Schuld daran sind vor allem die Bindungen, die man zu den fiktiven Charakteren aufbaut.
Echte Kontakte sollten zwar auf Dauer nicht dadurch ersetzt werden, allerdings haben sie durchaus das Potenzial, ähnliche Bedürfnisse zu befriedigen. Allerdings sollten die parasozialen Beziehungen keine übertriebenen Ausmaße annehmen, damit die Effekte nicht ins Negative abrutschen.
Denn eine schiere Obsession mit einem eigentlich fremden Menschen oder fiktiven Charakter kann ab einem gewissen Punkt doch ungesund werden. Und falls ihr wie ich seid und bei fast jedem Spiel, Buch und Film sofort die Charaktere ins Herz schließt, keine Panik:
Ihr geht nicht automatisch eine parasoziale Beziehung ein, nur weil ihr jemanden sympathisch findet. Denn dafür ist stets ein erhöhtes Maß an einseitigem, emotionalem Investment vonnöten.
Immersion oder lieber Empathie?
Da dieses Konzept auch bei fiktiven Figuren vorkommt, finden wir es folglich auch bei Videospielen wieder. Allerdings mit einem bedeutenden Unterschied: Während wir bei Büchern, Filmen und Serien lediglich Zuschauer sind und die Handlung von außen betrachten, sind wir bei Spielen ins Geschehen involviert.
Quelle: Atlus
Persona 5 Royal
Dadurch entstehen auf natürliche Weise mehr Interaktionen, als es bei anderen Medien der Fall ist - schließlich redet der Protagonist eines Romans beispielsweise nicht mit euch. Zumindest in der Regel nicht.
Auch wenn sich die Dialoge an unsere Spielfiguren und nicht wirklich an uns richten, können wir mal mehr, mal weniger von unserer eigenen Persönlichkeit durchscheinen lassen. So oder so erleben wir alles aus erster Hand und können uns dadurch direkt angesprochen fühlen, wenn andere Charaktere mit uns ins Gespräch kommen.
Manche Spiele entscheiden sich bewusst dafür, den Protagonisten möglichst unauffällig zu halten. Dadurch wird es den Spielern ermöglicht, sich selbst besser in die Hauptfigur hineinzuprojizieren und sich so stärker selbst im Geschehen wiederzufinden.
Ein Beispiel dafür ist Joker aus Persona 5, der bis auf wenige Ausnahmen nicht einmal synchronisiert wurde - eine Designentscheidung, auf die besonders JRPGs gerne zurückgreifen. Außerdem habt ihr zumeist mehrere Dialogoptionen, die zwischen freundlich und frech rangieren und euch die Möglichkeit geben, nach euren eigenen Präferenzen zu handeln.
Quelle: Rockstar Games
Red Dead Redemption 2
Wenn ihr dann also in Form von Joker mit euren Schulfreunden abhängt und gemeinsam die Welt vor korrupten Erwachsenen rettet, wachsen die Gruppenmitglieder mit der Zeit wahrscheinlich nicht nur ihm, sondern auch euch immer weiter ans Herz.
Allerdings ist ein stummer, eher charakterloser Protagonist keine Grundvoraussetzung dafür, sich mit den anderen Charakteren anzufreunden, ganz im Gegenteil. Eine klassische, ausgearbeitete Hauptfigur, wie wir sie auch bei Büchern oder Filmen erwarten, kann ebenfalls zur Bezugsperson in einer parasozialen Beziehung werden.
Wenn ihr beispielsweise in die Rolle von Arthur aus Red Dead Redemption 2 schlüpft, fungiert er nicht nur als Marionette, um euren Willen im Wilden Westen durchzusetzen. Ihr lernt ihn genauso gut kennen, wenn nicht sogar besser, wie es auch bei den anderen anwesenden Charakteren der Fall ist.
Und nicht nur das: Ihr durchlebt gemeinsam mit ihm in Echtzeit seine Gedankengänge, seine Unsicherheiten und seine Handlungsentscheidungen, was euch mit so einem stark ausgeprägten Charakter ebenfalls zusammenschweißen kann. Wenn man bedenkt, wie viele Stunden oft in eine derartige Erzählung fließen, verbringen wir erstaunlich viel Zeit gemeinsam mit den Protagonisten.
Trotz der in jeglicher Hinsicht fundamentalen Unterschiede zwischen den beiden Titeln haben Persona 5 und Red Dead Redemption 2 eine große Gemeinsamkeit: Beide Spiele sorgen für ein ausgeprägtes Gefühl der Gruppenzugehörigkeit. Und gerade, wenn man im realen Leben nicht über etwas Vergleichbares verfügt, kann es einem viel Trost spenden, in einer virtuellen Welt dazuzugehören.
