Wenn ich dieses Spiel durchspielen müsste, würde ich mir ernsthaft Sorgen machen

Special Christian Just Lukas Schmid
Wenn ich dieses Spiel durchspielen müsste, würde ich mir ernsthaft Sorgen machen
Quelle: Pixelatto

Unser Autor versucht, eine spannende Kolumne über ein langweiliges Spiel zu schreiben. Das führt ihn erst an den Rand der Verzweiflung, dann in die Selbsterkenntnis.

Ich langweile mich. Das ist nichts Besonderes, denn ich liebe deswegen Videospiele (und Bücher und Skateboards und Tanzklubs), weil sie gegen innere Tristesse helfen. Nur gähne und fruste ich, während ich spiele.

Normalerweise würde ich jetzt das Spiel wechseln, ein Mistspiel jedenfalls, oder wenn es nicht meinen Geschmack trifft. Ihr kennt das. Bloß trifft hier nichts davon so richtig zu. Das Spiel heißt passenderweise Boring und stammt vom spanischen Indie-Entwickler Pixelatto. Es langweilt mit Kalkül, spielt Misstöne auf meinen Nerven - und überrascht mit (streckenweise wirrer) Kritik.

In der Selbstreflexion wird mir bewusst, wie schlimm es für mich wäre, wenn ich dieses Spiel freiwillig durchspielen würde.

Ein Albtraum in Grau

Boring quält mich mit Absicht. Vor dem eigentlichen Spiel sehe ich minutenlang ein maximal unpassendes, meditatives Intro wie aus der KI-Videogenerierung.

Es folgt ein Ladebalken, der erst quälend langsam läuft, dann, als er beinahe das Ende erreicht, bei 99 Prozent einfriert und schließlich, wer hätte es gedacht, auf Anfang zurückspringt. Noch langweile ich mich nicht. Aber Frust steigt auf.

Etwas spielähnlicher wird's in den ersten Levels. Ich bin ein gelber Punkt in einer grauen 2D-Umgebung, verwandele mich sinnlos in einen Retorten-Koala, weine auf Knopfdruck blaue Pixeltränen, zücke eine unsauber wie mit MS Paint ausgeschnittene Pistole und schieße eintönige Ziele ab. Spaß soll das nicht machen, das spüre und sehe ich deutlich. Neben dieser Optik wird meine Raufasertapete zum Spannungsroman.

Weinender Koala Quelle: Pixelatto Level 5: Ich muss als gelber Ball ein simples Labyrinth durchqueren, bewege mich so quälend langsam, dass es Minuten dauert, bis ich das Ende erreiche. Ob's bald lustig wird, frage ich mich. Das Level heißt übrigens "Terminal Velocity", zu Deutsch "Endgeschwindigkeit". Geschwind zum Ende, das wäre gut.

Ein anderer Level sperrt mich in ein Viereck ohne Ausweg. Und jetzt? Ich sitze fest. Mir kommen die Tränen, im Spiel, ich lasse den Koala wieder heulen. Langsam füllt sich mein Gefängnis mit Tränenflüssigkeit, bis das arme Clipart unweigerlich ertrinkt. Achievement! Level bestanden. Meine Schläfenvenen pochen.

In Level 9, als das "Labyrinth" bloß geradeaus führt und die Bewegungsgeschwindigkeit meiner Spielfigur noch einmal halbiert wurde, platzt mir glücklicherweise nur der Kragen. Ich beende Boring, sammle meine IQ-Punkte vom Boden auf und ziehe von dannen.

Was will uns das Spiel sagen?

Ich seh's ein. Boring liefert, was die Pressemitteilung verspricht: Spielmechaniken, die "absichtlich langweilig" sind und "Spieler mit monotonen Aufgaben herausfordern [...], bis sie unweigerlich aufgeben und etwas Produktiveres zu tun finden". Aber es versetzt mich auch in Schwingung. Es macht etwas mit mir.

Es führt, oder besser: klatscht mir vor Augen, was für eine stupide Beschäftigung Videospiele sein könnten, wenn sie über dopaminschwangeres Blitzlichtgewitter und Pachinko-Sound-Kulisse hinaus nichts böten.

Bildergalerie

Es reduziert sie auf Manipulation. Und es zeigt mir, wie gezielt Games oftmals unser Gehirn ansteuern, um Spaß zu erzeugen. Klar, ohne Spaß wären die meisten Spiele (Serious Games ausgenommen) sinnlos. Ich frage mich nur, wie weit gezieltes Spaßerzeugen über das Ziel hinausschießen und zu Konditionierung werden kann.

  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 07/2026 play5 07/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk