Wenn ich dieses Spiel durchspielen müsste, würde ich mir ernsthaft Sorgen machen

Special Christian Just Lukas Schmid
Wenn ich dieses Spiel durchspielen müsste, würde ich mir ernsthaft Sorgen machen
Quelle: Pixelatto

Unser Autor versucht, eine spannende Kolumne über ein langweiliges Spiel zu schreiben. Das führt ihn erst an den Rand der Verzweiflung, dann in die Selbsterkenntnis.

Wenige Spiele sind so bewusst plump, billig und simpel zusammengeschustert wie dieses. Wäre es anders, würde ich mich in den Spaß manipuliert fühlen und von der Meta-Ebene - was ich hier mache oder mit mir machen lasse - den Spielspaß in den Abgrund fallen sehen.

Boring liest sich für mich wie ein satirischer Kommentar auf die Videospielszene als Ganzes, zumal es nicht das einzige Element ist, das fragwürdige Praktiken in der Branche aufs Korn nimmt.

Die Entwickler verkaufen beispielsweise einen 2-Euro-DLC, der lediglich den Abspann mit den Credits enthält. Freundlicherweise bieten sie auch ein kostenloses Add-on mit "von Menschen erstellten Inhalten" an - offensichtlich eine Spitze gegen KI-Generierung. Was mir Toilettenfigürchen, die zu bewaffneten Konflikten bereit sind, mitteilen sollen, darf meinetwegen das Geheimnis der Entwickler bleiben.

Die Entwickler weisen zudem darauf hin, dass die Gesamtspielzeit weniger als zwei Stunden beträgt, wodurch die "Erstattung auf Steam leichtgemacht" wird. Mir drängt sich der Verdacht auf, als wollte Pixelatto mit Boring weniger Geld verdienen, sondern mehr eine Botschaft senden.

Zwei Weihnachtsbäume Quelle: Pixelatto

Unbequeme Gedanken

Die Implikationen lassen mich schwer schlucken. Boring schenkt mir, gewürzt mit sarkastischen Kommentaren, ein paar hässliche Cliparts von goldenen Pokalen, Steam-Errungenschaften für gefühlt jeden zweiten Tastendruck und reihenweise plumpe Texteinblendungen, die mir versichern, wie toll und clever ich doch sei.

Der Labyrinth-Level streckt seine Spielzeit künstlich und offensichtlich, indem es mich absichtlich verlangsamt. Kurz fühle ich mich vergackeiert, dann grinse ich und denke: genau so sind Spiele oft! Nur subtiler, und dadurch leider auch gefährlicher.

Ich will natürlich mein Lieblings-Hobby nicht prinzipiell schlechtreden, es bringt mir Freude und ein phänomenales Einkommen. Dennoch liegen Spaß und problematisches Verhalten nahe beieinander. Dass "Gaming Disorder", in Unterscheidung zu Glücksspielsucht, in der aktuellen ICD-11 von der Weltgesundheitsorganisation als eigenständige Erkrankung klassifiziert wird, verdeutlicht den Ernst des Themas. Seit 2022 könnte ich die Behandlung von Videospielsucht bei meiner Krankenkasse abrechnen lassen.

Ein Adler Quelle: Pixelatto Damit kommen wir wieder bei der Selbstreflexion an. Würde ich nun dieses (oder jedes andere) Spiel durchspielen wollen, nur weil ich alle 45 Level sehen müsste, ich ohne die Komplettierung nicht davon ablassen könnte, Grind um des Grinds Willen betriebe, dann fände ich das bedenklich.

Das gilt genauso für Spiele, die hochwertig produziert sind. Ich war eine Zeit lang mindestens gefährdet, bis ich jüngst meine Freude an der Mäßigung entdeckt habe.

Boring, ein provokatives Scherzspiel, finde ich erwähnenswert, weil manchmal die harscheste, bissigste Kritik an fragwürdigen Praktiken eben aus der Branche selbst kommt. Dennoch würde ich Spielerinnen und Spielern ohne Hang zu Selbstgeißelung eher von Boring abraten. Selbsterkenntnis gibt's auch nervenschonender und weniger pubertierend memelastig. Zum Schluss eine gute Nachricht für deutsche User: Das Spiel wird hierzulande auf Steam überhaupt nicht angeboten.

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