Gamesbranche Deutschland: Fachkräfte, KI und Zukunft

Special Olaf Bleich Benedikt Plass-Fleßenkämper
Gamesbranche Deutschland: Fachkräfte, KI und Zukunft
Quelle: Ubisoft

Fachkräftemangel, Kooperationen und KI: Wie sich die deutsche Gamesbranche für die Zukunft aufstellt.

Auch Michael Schade erklärt im Interview, dass die Unternehmensführung stärker auf die Mitarbeitenden eingehe und sie etwa häufiger darüber informiere, wie gut oder auch schlecht die aktuellen Projekte laufen. "Bei uns gibt es den sogenannten Ever-Lunch. Da trifft sich das Team, isst zusammen, und dann zeige ich in einem Business-Roundup, was in den letzten Monaten passiert ist. Wie geht es uns beispielsweise finanziell? Natürlich ist das nicht für jeden etwas. Nicht jeder möchte so deutlich mit ins Boot geholt werden. Aber unser Team schätzt das sehr. So können sie nachvollziehen, warum wir in die eine Richtung gehen, mehr oder weniger Geld ausgeben müssen. Auch dadurch bekommst du ein stärkeres unternehmerisches Denken ins Team", fasst Schade seinen Diskurs über seine Personalpolitik zusammen. Harte Hierarchien gehören zumindest hier endgültig der Vergangenheit an.

Railway Empire 2 von Gaming Minds Studios bekam im Rahmen der deutschen Games-Förderung mehrere Millionen Euro Unterstützung. Das Aufbauspiel gilt somit als prominentes Beispiel dafür, wie staatliche Mittel mittelgroße Produktionen am Standort Deutschland absichern. Quelle: Kalypso Meida Railway Empire 2 von Gaming Minds Studios bekam im Rahmen der deutschen Games-Förderung mehrere Millionen Euro Unterstützung. Das Aufbauspiel gilt somit als prominentes Beispiel dafür, wie staatliche Mittel mittelgroße Produktionen am Standort Deutschland absichern.

Mehr Kooperationen, mehr Zusammenhalt

Anika Thun erklärt im Gespräch, dass deutsche Teams "stärker international denken und ihre Spiele gezielt über den deutschen Markt hinaus positionieren" müssten. Denn so wichtig der deutsche Markt auch sei, nachhaltiges Wachstum entstehe "vor allem durch globale Sichtbarkeit und international konkurrenzfähige Marken". Für Thun ist das Herkunftsland Deutschland nicht entscheidend. Ein "Made in Germany"-Siegel mache etwa für Games keinen Sinn. Viel wichtiger sei es, sich global aufzustellen und mit qualitativ hochwertigen Produkten zu überzeugen.

Adrian Kaiser beleuchtet im Interview die logistischen Herausforderungen, die durch den Standort Deutschland entstehen. Im Vergleich zu etwa Großbritannien, wo sich die Entwicklerszene stark um London herum ballt, sei diese hierzulande über viele Städte und Regionen verteilt. "Dementsprechend ist es schwierig, Hubs (Anm. d. Red.: Kommunikationszentren) zu entwickeln. Trotzdem haben wir durch das Internet die Möglichkeit, zusammenzuarbeiten, ohne dass wir nebeneinandersitzen. Ich bin nicht der Typ Mensch, der immer sagt, wir brauchen dies oder das, damit es mir besser geht. Wir haben alles! Alles, was wir brauchen, ist da draußen. Wir haben Steam und wir haben Unity. Du brauchst nur die beiden Dinge, um eigentlich unendlich viel Cash zu machen."

Auch wenn Kaiser die Sache pragmatisch sieht, erkennt Michael Schade von Rockfish Games Verbesserungspotenzial, insbesondere in Bezug auf Kommunikation und Kooperationen. Aufgrund der globalen Marktsituation sei das "Kooperieren mit anderen Studios wichtiger denn je". Denn es sei "wirklich wahnsinnig schwierig, alles selbst zu machen". Aus Schades Erfahrung heraus ist das auch eine Frage der Mentalität. Seiner Ansicht nach seien unter anderem Teams aus nordischen und osteuropäischen Ländern offener. Für ihn gehe es dabei nicht allein um die direkte Zusammenarbeit an laufenden Projekten, sondern auch um das Teilen von Wissen und Informationen.

Mit Everspace 2 landete Rockfish Games einen internationalen Erfolg: Der Open-World-Weltraum-Shooter erschien im April 2023 in Version 1.0 und etablierte sich schnell als eines der erfolgreichsten deutschen Space-Actionspiele der vergangenen Jahre. Quelle: Rockfish Games Mit Everspace 2 landete Rockfish Games einen internationalen Erfolg: Der Open-World-Weltraum-Shooter erschien im April 2023 in Version 1.0 und etablierte sich schnell als eines der erfolgreichsten deutschen Space-Actionspiele der vergangenen Jahre.

KI: Eine Chance für die Spieleindustrie?

Eine Bedrohung der Branche und vor allem ihrer Jobs durch künstliche Intelligenz sehen die Experten allerdings nicht. Adrian Kaiser erklärt, dass diese Entwicklung beobachtet werde und er Veränderungen in der Spieleentwicklung erwarte. Wie diese ausfallen werden, sei zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht klar. Er spekuliert, dass es durch die Integration von KI etwa möglich wäre, in Rollenspielen weitaus direkter mit NPCs zu interagieren. "Wir benötigen die Technik nicht, um KI-Arts zu produzieren", unterstreicht Kaiser im Gespräch. Vielmehr gehe es speziell für kleinere Teams darum, KI sinnvoll in die Arbeitsabläufe einzubinden, um diese effizienter zu gestalten. Adrian Kaiser betrachtet KI als Hilfsmittel: "Ich kann mir von der KI Ideen generieren lassen. Und wenn mir ein Ansatz gefällt, gebe ich diesen an einen Illustrator und der macht daraus etwas richtig Gutes."

Michael Schade von Rockfish Games stimmt in diesem Punkt zu. Für ihn stellt KI eine gute Basis dar, um dahin zu kommen, wo man hinmöchte. "Gerade Indies und mittelgroße Studios haben durch den Design-Prozess für Placeholder am Anfang einen Riesenvorteil gegenüber großen Studios mit Hunderten von Mitarbeitenden. Diese wollen ja auch beschäftigt werden." Für den Rockfish-Mitgründer bleibt der Mensch der entscheidende Faktor im Entstehungsprozess. Erfahrung, eine fundierte Ausbildung und die Fähigkeit, Urteile zu fällen, könne auch die KI nicht ersetzen. Schade plädiert dafür, dass die Branche und auch die Community künstliche Intelligenz nicht als Gefahr, sondern in erster Linie als Chance begreifen sollten.

Gamesförderung in Deutschland: Warum Deutschland trotzdem kein AAA-Land ist (1) Quelle: Skystone Games Gamesförderung in Deutschland: Warum Deutschland trotzdem kein AAA-Land ist (1)

Alles in Butter?

Zugegeben: Dieser Bericht liest sich zwar weitaus positiver als unser Report von 2023, einen Grund zur Entwarnung gibt es jedoch nicht. So baute Ubisoft etwa noch im Mai 2025 europaweit Stellen ab. 65 Mitarbeitende der Zweigstelle in Düsseldorf waren davon betroffen. Im November 2025 eröffnete die Games-Agentur Freaks 4U Gaming ein Insolvenzverfahren.

Unterm Strich zeigt sich jedoch: Der Games-Standort Deutschland ist deutlich robuster, als es noch vor wenigen Jahren schien. Die staatliche Förderung sorgt zwar für Rückenwind und mehr Planungssicherheit, strukturelle Herausforderungen wie die internationale Wettbewerbsfähigkeit, der Fachkräftemangel und die hohen Produktionskosten bestehen jedoch weiterhin.

Gleichzeitig deutet vieles auf einen Strategiewechsel hin. Anstatt dem riskanten Traum vom deutschen AAA-Blockbuster hinterherzujagen, setzen viele Entwicklerstudios bewusst auf ihre Stärken: spezialisierte Genres, mittelgroße oder sogar kleine Produktionen sowie erfolgreiche Indie-Nischen. In diesem Segment entstehen Spiele, die sich international zehn- oder sogar hunderttausendfach verkaufen - auch wenn sie selten die ganz großen Schlagzeilen dominieren.

Ob Deutschland langfristig zur Weltspitze aufschließen kann, wird weniger von einzelnen Prestigeprojekten abhängen als von verlässlichen Rahmenbedingungen, internationaler Vernetzung und der Fähigkeit der Studios, ihre Nischen konsequent global auszurichten. Der Aufwärtstrend ist da - jetzt entscheidet sich, wie nachhaltig er wirklich ist.

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