Bürokratie, Arbeitsrecht und Unternehmensstrukturen: Entwickler erklären, welche Hürden die Gamesbranche in Deutschland bremsen.
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Adrian Kaiser, Marketing-Experte beim Cozy-Games-Publisher Rokaplay, erläutert die Problematik: Ambitionierte Solo-Entwickler scheuen daher häufig den Schritt in die unternehmerische Selbstständigkeit und setzen stattdessen lieber auf die Unterstützung von Freelancern. Schließlich erfordert die Führung und die Organisation eines Unternehmens ganz andere Skills als das bloße Entwickeln eines Spiels als Self-Publishing-Projekt. "Ich glaube, mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass es sich nicht unbedingt lohnt, auf 40 Mitarbeitende hochzuwachsen. Dann braucht man plötzlich ganz andere Kompetenzen, die man in keiner Schule, TU oder sonst wo gelernt hat. Früher war das, glaube ich, etwas anders: Sobald man erfolgreich war, kam ein Geldgeber - und dann ist man gewachsen," beschließt Kaiser seine Argumentation.
Quelle: Rokaplay
Stardew Valley lässt grüßen: Rokaplay hat sich auf Cozy-Games wie etwa das erfolgreiche Sugardew Island spezialisiert. In diesem Spiel geht es darum, einen eigenen Hofladen zu führen.
Gleichwohl betonen beide, dass die Vorteile des Standorts - insbesondere die staatliche Games-Förderung und die guten Exportbedingungen der Branche - weiterhin deutlich überwiegen. Auf die Frage nach einem möglichen Standortwechsel aufgrund der bürokratischen Hürden und lokalen Herausforderungen lehnten sowohl Michael Schade als auch Adrian Kaiser dankend ab. "Nee, niemals. Warum auch? Wir sind in Deutschland tätig und wir haben hier Expertise. (...) Und hier ist meine Familie. Es gibt also gar keinen Grund, ins Ausland zu gehen. Klar, man könnte eine Firma in Zypern gründen, um steuerliche Vorteile zu nutzen. Aber Deutschland hat letztendlich meine Schule bezahlt, unsere Ausbildung bezahlt und uns die Straßen gebaut und so", bringt es Kaiser messerscharf auf den Punkt.
Quelle: Rokaplay
Auch Solarpunk stammt von den Cozy-Experten von Rokaplay, ist aber eher ein entspanntes Survival- und Aufbauabenteuer.
Wo bleibt das deutsche GTA?
Die Produktion eines deutschen GTA oder The Witcher halten jedoch alle unsere Experten für unrealistisch und vor allem für unwirtschaftlich. So schön es natürlich wäre, eine international vorzeigbare AAA-Großproduktion - abseits der Anno-Reihe - auf die Beine zu stellen, sind die Risiken einfach zu groß. "Ich stelle mal die unpopuläre Gegenfrage: Brauchen wir das überhaupt? Was haben wir denn davon, wenn wir auf einmal den Mega-AAA-Titel haben, der Hunderte von Millionen kostet, und wenn der nächste kein Erfolg ist, ist alles wieder kaputt", fasst Michael Schade die Situation zusammen.
Adrian Kaiser differenziert, dass derartige Großproduktionen in der Regel von jahrzehntealten Unternehmen mit entsprechenden Ressourcen und Möglichkeiten im Hintergrund entwickelt werden. Diese Strukturen gebe es in Deutschland nicht. Er sieht das jedoch nicht als Problem. Denn seiner Ansicht nach werden in Deutschland ebenso gute und erfolgreiche Spiele entwickelt - nur eben von kleinen oder mittelgroßen Teams. Er stellt etwa Titel wie Tiny Book Store von Neoludic Games oder Dome Keeper von Bippinbits heraus. Kaiser sieht das Problem nicht im Talent oder Erfolg deutscher Produktionen, sondern in der Wahrnehmung von außen. Viele hierzulande entwickelte Spiele seien überaus erfolgreich, jedoch werde über diese wenig berichtet oder geschrieben. "Nur ist es eben kein GTA, über das jeder redet. Es ist eine sehr große Nische. Und ich glaube, wir haben jetzt gerade eine riesengroße Riege an extrem erfolgreichen Indies", fasst Kaiser seine Gedanken zusammen.
Quelle: Neoludic Games
Nischig, liebenswert und erfolgreich: Das Indie-Spiel Tiny Book Shop wurde vom Kölner Studio Neoludic entwickelt und erfreut sich auf PC und Nintendo Switch großer Beliebtheit.
Fachkräftemangel, Crunch und Co.
Quelle: Kalypso Media
Daniel Dumont ist als Studioleiter und Creative Director bei Gaming Minds Studios tätig und somit federführend für die Produktion von Tropico 7 verantwortlich. Der Entwickler gilt als Spezialist für komplexe Wirtschafts- und Aufbausimulationen wie Railway Empire und Port Royale.
Die Entwicklung und Vermarktung von Computer- und Videospielen ist komplex und muss daher von gut ausgebildeten Fachkräften in Angriff genommen werden. Unsere Experten sind sich einig, dass die Ausbildungssituation in Deutschland insgesamt sehr gut ist. "Viele Hochschulen liefern gute Talente - vor allem in Coding und Grafik", erklärt etwa Daniel Dumont von Gaming Minds nüchtern.
Doch woran mangelt es dem Games-Standort Deutschland? Dumont benennt zumindest ein Problemfeld am Arbeitsmarkt: "Meiner Erfahrung nach am ehesten an erfahrenen Programmierern. Das war schon mal schlimmer, doch aktuell gibt es nicht so viele offene Stellen für Entwickler wie beispielsweise vor drei Jahren." Anika Thun sieht den Standort Deutschland daher auch als herausfordernd an: "Deutschland verfügt zweifellos über talentierte Entwickler:innen, kreative Ideen und eine engagierte Gaming-Community. Gleichzeitig müssen wir aber feststellen, dass der Standort im internationalen Vergleich aktuell nur begrenzt wettbewerbsfähig ist. Hohe Produktionskosten, Fachkräftemangel und strukturelle Herausforderungen erschweren es, Projekte langfristig wirtschaftlich umzusetzen."
Dumont, der seit 1996 in der Gamesbranche tätig ist, unterstreicht zudem die veränderte Arbeitsmentalität. "Wir haben keinen Crunch mehr. (...) Um Crunchtime zu verhindern, machen wir uns im Vorfeld genauere Gedanken über die Spielinhalte, bauen die Planung variabel und vorausschauend auf, setzen einen stärkeren Fokus auf bestimmte Features und haben so die Möglichkeit, unsere Pläne im Laufe der Entwicklung anzupassen", erläutert der Tropico-Chefentwickler. Druck sei aber dennoch vorhanden. Speziell in heißen Phasen müsse man weiterhin zügig und effizient arbeiten - allerdings innerhalb der üblichen 40-Stunden-Woche.
