Spec Ops: The Line im Retro-Special - Seite 2
Special
Angekündigt und beworben als späte Fortsetzung der vergessenen Spec-Ops-Reihe, wirkt Spec Ops: The Line auf den ersten Blick wie ein generischer Military-Shooter, in dem mal wieder eine Truppe einfacher Soldaten die Welt retten muss. Nach und nach enthüllt die Geschichte aber ihren rebellischen Kern und mündet in ein Finale, das auch über zehn Jahre später noch das gesamte Genre auf den Kopf stellt.
Der Scheint trügt
Zu Beginn wirkt Spec Ops nämlich wie der schablonenhafteste Military-Shooter, den man sich nur vorstellen kann. Wir beginnen die Geschichte in medias res mit einer action- und schimpfwörterreichen Helikopterverfolgungsjagd, in der wir mit einem Maschinengewehr mehrere feindliche Hubschrauber aus der Luft ballern müssen. Die Sequenz endet mit einem gewaltigen Sandsturm, einer Kollision mit einem anderen Heli und unserem anschließenden Absturz in den Sand. Nach dem Title-Drop wird dann die Handlung zur Ankunft unserer Truppe zurückgespult und chronologisch von vorne erzählt. Die Message ist klar: Hier wird uns schon einmal ein Vorgeschmack geboten auf die testosterongeladenen Actionsequenzen, die uns später im Spiel noch erwarten. Wer Call of Dutys Kampagnen kennt, sollte sich hier direkt zuhause fühlen.
Das verschüttete Dubai ist zwar ein verdammt cooles Setting für ein Videospiel, auf den ersten Blick erkennt man darin aber nur eine weitere sandige Location, in der US-Soldaten auf widerständische Turbanträger und abtrünnige Landesverräter schießen müssen. Auch unser eigenes Squad scheint nur aus Archetypen zu bestehen.
Walker ist der stoische Anführer, Lugo der witzelnde Klugscheißer und Adams der ernste Badass. Zu allem Überfluss wird Walker im Original auch noch von Standard-Heldenstimme Nolan North gesprochen, der eine absolut fantastische Performance abliefert, anfangs aber bewusst nicht aus der Masse an heroischen amerikanischen Soldaten heraussticht, für die das Genre bekannt ist.
Quelle: PC Games
Das Gameplay ist absolut funktional, aber ebenfalls nur Standardkost. Wir gehen in Deckung, schießen aus der Deckung, werfen ab und zu eine Granate. Dann wechseln wir die Deckung. Wenn alle Feinde besiegt sind, ziehen wir weiter. Zwischendurch dürfen wir mal ein paar Feinde lautlos ausschalten oder ein Geschütz bemannen, grundsätzlich bleibt der Ablauf aber gleich.
Man kann eigentlich niemandem einen Vorwurf machen, der sich nach den ersten Spielstunden in einem weiteren Off-Brand-CoD oder -Medal-of-Honor wähnt. Schon der Name des Spiels, zusammengesetzt aus dem Titel einer längst vergessenen Shooter-Reihe aus den späten 90ern und dem scheinbar aus einem Hut gezogenen Moniker "THE LINE", schreit förmlich nach einer uninspirierten Auftragsarbeit, die mal eben an ein kleines europäisches Studio abgeschoben wurde, während die eigenen Teams am nächsten GTA oder Bioshock schrauben.
Alles kommt einem irgendwie bekannt vor, weshalb wir auch instinktiv annehmen, das Ende der Geschichte bereits meilenweit voraussehen zu können: Wahrscheinlich steckt hinter allem irgendeine Verschwörung, der wir als strahlendes Beispiel amerikanischer Entschlossenheit auf den Grund gehen. Konrad ist entweder ein schurkisches Mastermind und muss am Ende von unseren Helden zur Rechenschaft gezogen werden, oder Walker liegt mit seiner Einschätzung des Mannes goldrichtig und es wird unsere Aufgabe, seinen Namen reinzuwaschen und ihn lebendig aus der Wüstenhölle herausholen - zurück in die guten alten US of A. Aber dann kommt alles anders...
Quelle: PC Games
VORSICHT: AB JETZT FOLGEN SPOILER
Je tiefer wir nach Dubai eindringen, desto mehr lernen wir über die Ereignisse vor unserer Ankunft. Nach gescheiterten Evakuierungsversuchen verlor Konrads Einheit zunehmend die Kontrolle über die Situation. Wasser- und Ressourcenknappheit führten zu einer leidenden Bevölkerung und ersten Aufständen, woraufhin der Colonel den Ausnahmezustand ausrufen ließ. Im darauffolgenden Chaos begingen die Soldaten zahlreiche Verbrechen an der Zivilbevölkerung, was zur Formierung von Rebellengruppen sowie zu Unruhen und schließlich zu einem Putschversuch innerhalb des 33. Bataillons führte.
Der Coup scheiterte und Konrads Loyalisten, die sich nun die "Damned 33rd" nennen, behielten die Hoheit in Dubai. Die überlebenden Abtrünnigen unternahmen eigene Versuche einer Evakuierung, blieben aber bis dato erfolglos. Unter den Damned 33rd befindet sich auch ein Radiomann, Konrads rechte Hand, der uns über Funk verspottet und die Loyalisten mit Informationen über unsere Handlungen versorgt. Es scheint, als sei Konrad seit seiner Nachricht in den Hintergrund gerückt und der Radiomann nun der eigentliche Befehlshaber hinter den Deserteuren.
Quelle: 2k Games
Um zu verhindern, dass Wissen über die Verbrechen der US-Soldaten nach außen dringt, schickte die Regierung CIA-Agenten nach Dubai, um die 33rd auszuschalten und ihre Spuren zu verwischen. Einige Agenten wurden bereits von den Konrad-Loyalisten gefangen genommen oder getötet. Andere unterstützen uns kurzzeitig im Kampf gegen seine Truppen. Doch selbst mit gelegentlicher Hilfe ist unser Trupp maßlos überfordert mit der Situation.
An manchen Stellen werden wir als Spieler gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel, ob wir einen flüchtenden feindlichen Soldaten erschießen wollen oder nicht. Aber egal, welche Wahl wir treffen, unsere Lage verschlimmert sich zunehmend. Wir wissen nie, wem wir vertrauen können und wem nicht, werden von sämtlichen Fraktionen beschossen und sind ständig heillos in der Unterzahl.
Trotzdem pushen Walker und seine Männer unbeirrt vorwärts in der Hoffnung, Licht ins Dunkel zu bringen, Konrad zu finden und das Schicksal der Stadt noch zum Guten wenden zu können.
Ein CIA-Agent namens Gould, der sich in Gefangenschaft der 33rd befindet, scheint Antworten zu haben und stellt bald die beste, weil mit ziemlicher Sicherheit einzige Chance dar, Dubai noch irgendwie lebendig verlassen zu können. Eine spontane Rettungsaktion missglückt jedoch und Gould erliegt vor unseren Augen seinen Verletzungen.
An seinem Körper finden wir einen Plan, auf dem eine voranliegende, extrem stark bewachte Häuserschlucht, bezeichnet als "das Tor" markiert ist. Verzweifelt und ohne weitere Anhaltspunkte, brechen wir also auf, um zu sehen, was die 33rd dort genau versteckt hält. Ein Weiterkommen scheint aufgrund des hohen Aufgebots an Soldaten jedoch vorerst unmöglich.
Bis zu diesem Punkt ist die Geschichte von Spec Ops zwar düster, aber dennoch nicht ungewöhnlich für einen Militär-Shooter. Wir sahen zwar das Leid der Bevölkerung und stießen auf Spuren von Massakern, Folter und anderem menschlichen Versagen, aber hatten trotzdem immer den Eindruck, dass wir, die Guten, doch jetzt endlich da sind und für Recht und Ordnung sorgen können. Damit ist allerdings Schluss, sobald Adams einen Mörser mit weißem Phosphor entdeckt und Walker darauf aufmerksam macht.
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