Mein erstes Mal: Shadow Man - Acclaims letzter Mega-Hit
Special
Ein Horror-Action-Adventure aus dem Jahr 1999, das vornehmlich von Grafik, Technik und Atmosphäre lebte: Kann so etwas heute noch Spaß machen? Unser Autor, der Shadow Man damals verpasst hat, ist dieser Frage nachgegangen.
Auch Netties Darbietung ist mir schlicht und ergreifend zu theatralisch, während der Sprecher von Shadow Man eher genervt und gelangweilt klingt. Ich ziehe deshalb gleich zu Beginn die Reißleine und stelle die Sprachausgabe auf Englisch um, die meines Erachtens viel besser funktioniert. Sobald das eigentliche Spiel beginnt, darf ich mich erneut auf die Suche nach Nettie begeben und lerne dabei die grundlegende Steuerung kennen. Der erste Schock: Shadow Man stammt aus einer Zeit, in der man Third-Person-Titel mit einem anstatt zwei Analogsticks steuerte. So kann ich mich ähnlich wie im alten Tomb Raider vor- und rückwärts bewegen sowie mich um meine eigene Achse drehen. Will ich hingegen einen Schritt zur Seite machen, dann muss ich hierfür die sogenannte Strafe-Taste gedrückt halten.
Action-Adventure der alten Schule
Bei meiner Ankunft in Netties Hütte erhalte ich von ihr einen ungemein nützlichen Teddybären (!), der Shadow Mans verstorbenem Bruder gehörte. Mit ihm kann ich zwischen allen bereits freigeschalteten Schnellreisepunkten springen - unabhängig davon, ob sie sich in der realen Welt oder im Reich der Toten befinden. Nebenbei bemerkt handelt es sich um ein weiteres Plot-Element, das bei mir Stirnrunzeln verursacht.
Quelle: Acclaim / Medienagentur plassma
Ohne seine Schusswaffen wäre Shadow Man gegen die zahlreichen Dämonen völlig aufgeschmissen.
Direkt danach bessert sich allerdings mein Eindruck dramatisch, denn bereits das erste Gebiet im Reich der Toten ist erfreulich groß und verzweigt. Es schafft nahezu perfekt den Spagat zwischen leichtem Einstieg und knackiger Herausforderung. Auch ist es mehr als erfrischend, nicht wie bei modernen Action-Adventures an die Hand genommen zu werden. Stattdessen muss ich selbst grübeln, wohin ich mich als Nächstes begeben soll.
Wenig begeistert bin ich indes von den Gegnern und den Kämpfen allgemein - egal, ob mich schlaksige Zombie-Kreaturen umzingeln, ein dicker Fettwanst wild mit seinen Hakenarmen herumfuchtelt oder sein Kollege mit einem Sniper-Gewehr auf mich zielt. Letztlich ballere ich stupide einen Dämon nach dem anderen ab und weiche so gut es geht mit den immer gleichen Ausweichschritten aus, was sich sehr schnell sehr zäh anfühlt.
Überhaupt steigt das Gegneraufkommen mit zunehmendem Spielverlauf steil an, sodass ich irgendwann zwangsläufig meine erste Niederlage hinnehmen muss. Die Konsequenz: Der Shadow Man geht in die Knie und wird zum letzten Rücksetzpunkt strafversetzt. Von dort muss ich erneut zu meinem letzten Aufenthaltsort marschieren und stelle erstaunt fest, dass keiner der von mir bezwungenen Gegner wiederbelebt wurde. Somit reduziert sich meine Rückkehr zu einem langweiligen Spaziergang, der sich wie unnötige Zeitverschwendung anfühlt.
Quelle: Acclaim / Medienagentur plassma
Ab und an muss man einen Hindernisparcours mit diversen Fallen wie riesigen Klingen und schwingenden Hämmern überqueren.
Zum Glück gibt es in Shadow Man ein sehr komfortables Feature, das zur damaligen Zeit bei den meisten PC-Spielen bereits weitverbreitet war: Ich kann jederzeit (!) einen Spielstand speichern und laden. Dieses Feature nutze ich spätestens bei den ersten kniffligen Kletterpassagen, die mich ansonsten aufgrund der zickigen Kamera und der leicht verzögerten Sprungsteuerung in den Wahnsinn treiben würden. Es mag zwar etwas feige sein, wenn ich gefühlt nach jedem Schritt neu speichere. Aber genau so funktionieren viele Spiele aus den späten 1990er-Jahren nun einmal.
In den Bann gezogen
Während die ersten Gebiete im Reich der Toten zu trist und wie erwartet zu eintönig geraten sind, dreht Shadow Man im blutroten Asyl umso mehr auf. Dort gefallen mir vor allem das Steampunk-Ambiente, die Feuerseen und die vielen verzweigten Gänge. Zudem treibt die fantastische Ambient-Musik die Atmosphäre bis zum Anschlag, weshalb ich all die von mir bemängelten Kritikpunkte plötzlich vergesse.
