Session im Early-Access-Check: Der spielgewordene Traum aller Street-Skater
Special
Mit Tony Hawk's Pro Skater 5 aus dem Jahr 2015 liegt das letzte große Skating-Spiel nun schon eine Weile zurück. Und zum Leidwesen aller Fans, war es dann auch noch ziemlich mies. Nun kommt mit Session ein neuer Trendsport-Titel in den Early Access auf Steam. Wird die Indie-Produktion die erhoffte Erlösung? Wir haben uns mal aufs Brett geschwungen und es selbst ausprobiert.
Ich sitze mit dem Controller in der Hand auf dem Boden meines Kinderzimmers. Aus den miserablen Lautsprechern meines Röhrenfernsehers dröhnt laut und blechern "Blood Brothers" von Papa Roach. Und auf dem flimmernden Bildschirm fliegt ein verwaschener Pixel-Rodney-Mullen durch die Halfpipes von Venice Beach - das sind Bilder, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich an Skating-Spiele denke. Diese Erinnerungen sind allerdings schon über 10 Jahre alt und ähnlich angestaubt wie das Genre selbst. Der letzte große Vertreter erschien 2015 mit Tony Hawk's Pro Skater 5, das im Test gnadenlos durchfiel und weithin als eines der schlechtesten Spiele der 2010er betrachtet wird.
Nun könnte allerdings wieder etwas Wind in die virtuelle Skaterszene kommen. Mit Session (jetzt kaufen 19,98 € ), dem Erstlingswerk des kanadischen Indie-Entwicklers Crea-ture Studios, betritt nämlich ein neues Gesicht die Bühne. Das wurde per Kickstarter finanziert, während der Xbox-PK auf der E3 2018 erstmals der breiten Masse präsentiert und ist nun, nachdem es lange still um das Spiel war, am 17. September im Early Access auf Steam erschienen. Stellt sich die Frage: Erwartet uns hier ein inoffizielles Skate 4 oder doch eine Bruchlandung im Tony-Hawk-Stil?
Kratzer und Schürfwunden
Was man Session auf jeden Fall zugutehalten kann, ist, dass es den amerikanischen Trendsport so realistisch darstellt wie kaum ein anderes Spiel. Wer glaubt, hier nach kürzester Zeit die Halfpipes und Rails der Stadt zu dominieren, der muss sich auf eine ziemliche Ernüchterung gefasst machen. Die Entwickler haben sich pures, rohes Skateboarding auf die Fahnen geschrieben - ohne Händchenhalten, ohne Multiplikatoren oder Turbos, ohne fesche Effekte. Hier gibt's einfach nur euch, euer Board und den Asphalt. Das ist ziemlich minimalistisch, aber auch sackschwer. Deshalb warnt euch Session bereits im Tutorial vor, dass ihr Geduld und Durchhaltevermögen mitbringen solltet.
Quelle: crea-ture Studios
Bis ihr mit eurem Board grazil durch die Luft gleitet, dauert es einige Zeit. Die Steuerung von Session ist nämlich etwas ungewöhnlich.
Warum? Weil der Indie-Titel in den ersten Minuten schon mal etwas einschüchternd wirken. Das ist besonders auf die komplexe Steuerung zurückzuführen. Die hebt sich nämlich merklich von den bekannten Mustern der Genregrößen Skate oder Tony Hawk's Pro Skater ab. Ihr steuert nicht eure gesamte Spielfigur, sondern deren Beine: Linker Stick, linkes Bein. Rechter Stick, rechtes Bein. So müsst ihr quasi die Bewegung eines echten Skaters emulieren. Wollt ihr also einen Ollie ausführen, gilt es, erst in die Hocke zu gehen und das Gewicht nach hinten zu verlagern und dann das Brett vorne vom Boden abzustoßen. Das fühlt sich erstmal ungewohnt an und braucht auch etwas Einarbeitungszeit. Frischlinge sollten sich also darauf einstellen, öfters mal Bekanntschaft mit dem Asphalt zu machen. Zumal eure Spielfigur schon sehr sensibel ist und selbst bei Berührung mit dem Bordstein in feinster Ragdoll-Manier über den Boden kugelt.
Die Schwerkraft ausgetrickst
Wer allerdings hartnäckig dran bleibt, hat irgendwann den Dreh raus - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn habt ihr es geschafft, unfallfrei auf dem Board zu bleiben, könnt ihr durch Drehen der Analogsticks auch noch Tricks ausführen. Momentan sind das hauptsächlich Flip-Tricks, deren Zahl noch etwas überschaubar wirkt. Dadurch, dass ihr die zirka 15 Standard-Moves aber auch noch in verschiedenen Variationen ausführen könnt, bietet euch Session einiges an Entfaltungsmöglichkeiten.
Die Königsklasse stellt dann schließlich das Grinden dar. Hier kommt's nicht nur darauf an, genug Geschwindigkeit und Höhe zu erreichen, sondern auch die Rail perfekt zu treffen. Gar nicht mal so einfach, wenn ihr mit Hilfe der Schultertasten nur euer Gewicht nach rechts und links verlagert. Das macht das Spielerlebnis zwar realitätsnaher allerdings auch echt unpräzise. So springt ihr gerne mal an Objekten vorbei. Im (übrigens sehr hässlichen) Menü im Camcorder-Retro-Look könnt ihr zwar noch diverse Hilfsmechaniken einstellen oder nochmal die Tastenbelegungen checken. Session bleibt insgesamt aber stets anspruchsvoll und verlangt, dass ihr euch das meiste selbst aneignet.
Quelle: crea-ture Studios
Bevor ihr auf ein Geländer oder eine Kante springt, könnt ihr euren Körper mit Hilfe der Schultertasten ausrichten. Je nachdem, in welcher Position ihr dann auf eurem Zielobjekt landet, führt ihr einen anderen Grind aus.
Hübsches aber leeres NYC
So fordernd der Titel aber auch sein mag, er gibt euch im Gegenzug auch etwas zurück. Da wäre etwa die weitläufige, an New York City angelehnte Spielwelt, die ihr frei erkunden dürft - bei Tag und bei Nacht. Dank der Unreal Engine 4, 1080p und unbegrenzter Framerate erwartet euch dabei stets ein hübsches Bild, auch wenn hier und da noch ein paar Glitches, Grafik-Bugs und Pop-Ins zu entdecken sind. Die Umgebungen zeigen sich abwechslungsreich und laden zum Erkunden auf vier Rollen ein. Ob nun ein Park mit Bänken und Brunnen oder ein Bürogebäude mit Geländern und Treppen - überall stehen euch Skating-Optionen zur Verfügung. Und wenn euch die noch nicht reichen, könnt ihr sogar noch eigenhändig Objekte platzieren, um etwa mittels Rampe über ein Auto zu springen.
Quelle: crea-ture Studios
Die Spielwelt von Session sieht dank Unreal Engine 4 richtig gut aus. Leider lässt sie auf Dauer sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten vermissen.
Nichtsdestotrotz wirkt die Welt von Session zeitweise etwas leer und leblos. Es finden sich keine NPCs und auch sonst keine dynamischen Level-Elemente. Ebenso müsst ihr auf ein übergreifendes Ziel oder Missionen verzichten. Neben dem reinen Spaß am Fahren, dem Genießen der gelungenen Soundkulisse inklusive Hip-Hop-Soundtrack und dem Choreographieren netter Trick-Sequenzen mit Hilfe frei setzbarer Wegpunkte gibt es kaum etwas zu tun. Nur ein paar tägliche und wöchentliche Herausforderungen sollen euch noch motiviert halten. Wenn ihr etwa einen Manual über eine bestimmte Distanz macht, winkt euch dafür eine Geldbelohnung.
Hoffnung für die Zukunft
Dumm nur, dass ihr damit nichts anfangen könnt. Die in eurem Apartment verfügbare Anpassung von Board und Charakter erfolgt nämlich gänzlich kostenlos. Zudem fällt dabei leider auf, dass die Charaktermodelle nicht ganz gelungen sind. Die Figuren sehen manchmal wie Schaufensterpuppen und ihre Bewegungen - trotz Motion-Capture - etwas hölzern aus. Darüber hinaus haben neue Reifen oder Achsen keine Auswirkungen aufs Gameplay. Immerhin steht in eurer Wohnung noch ein PC, an dem ihr Replays und Highlights zusammenschneiden könnt. Das tröstet aber nur bedingt.
Ist Session nun also die heiß erwartete, neue Skating-Hoffnung? Im momentanen Early-Access-Stadium wohl leider eher nicht. Der Titel steckt sichtlich noch in den Kinderschuhen und braucht noch einiges an Feinschliff. Euer Avatar springt etwa auch noch nicht hoch genug oder bewegt sich teils zu langsam, um Steigungen zu überwinden. Die Steuerung funktioniert zudem nur mit dem Gamepad und lässt sich da nicht mal anpassen. Dessen ungeachtet ist das vorhandene Fundament von Session aber mehr als solide. Wir sind also guter Dinge, dass aus der Indie-Produktion durchaus noch was werden kann.
Meinung
Quelle: crea-ture Studios
Für die Zukunft haben die Entwickler von Crea-ture Studios noch einige Pläne. Wir sind also zuversichtlich, dass aus Session noch etwas richtig Gutes werden könnte.
