Resident Evil 8 Village: Wenn sich die Reihe nicht für einen Weg entscheidet, geht sie unter!
Kolumne
Mit Resident Evil Village ist der neueste Teil der Horrorserie erschienen. Obwohl das Spiel viel Spaß macht und ohne Frage hochwertig produziert ist, beschleicht Redakteur Carlo Siebenhüner das Gefühl, dass Capcom zu viel wollte. In seiner Kolumne dröselt er auf, warum sich die Reihe entscheiden muss, was sie will. Sonst steht uns zukünftig nur noch zusammengestückelter Einheitsbrei bevor. Auch als Video verfügbar!
Resident Evil. Das ist ein Name, der so fest mit der Spiele- und Horrorwelt verbunden ist wie kaum eine andere Marke. Schließlich besteht die Reihe schon seit einem Vierteljahrhundert. Ja, dieses Jahr feiert Capcom bereits das 25-jährige Jubiläum. Seit ungefähr diesem Zeitraum kenne ich die Reihe auch schon. Damals habe ich meinem Bruder noch zugeschaut, wie er es gespielt hat, weil ich natürlich noch viel zu jung für die Spiele war.
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Mittlerweile ist Klein Carlo zu Groß Carlo geworden und auch die Resi-Reihe ist gewachsen. Spiele, Filme, Serien, Comics und vieles mehr gehört mittlerweile zum Universum. Mit Resident Evil Village (jetzt kaufen ) ist jetzt der neueste Teil der Hauptreihe erschienen. Ich durfte ihn schon vor Release spielen und ich hatte viel Spaß, wie ihn auch unser Test bescheinigt. Doch obwohl ich gut unterhalten wurde, finde ich, dass sich Resident Evil selten so zerrissen angefühlt hat wie in Village, stets im inneren Konflikt, was für ein Spiel es denn sein will. Deswegen muss sich Resident Evil endlich entscheiden, was es sein will.
Sonst sehe ich keine strahlende Zukunft.
Am Anfang war ein Herrenhaus
Damit ihr meine Meinung besser nachvollziehen könnt, muss ich kurz ausholen und zurückschauen auf die Serie. Damit das nicht ausartet, nur ein grober Blick über die nummerierte Hauptreihe. Die ist damals in einem klaren Design gestartet. Ihr steuert euren Charakter durch ein Herrenhaus, das von Zombies besetzt ist und versucht, herauszufinden, was hier eigentlich los ist. Die Kamera ist dabei ein Markenzeichen, denn sie ist statisch und wechselt nur zu anderen Kameraperspektiven, wenn ihr den Raum wechselt oder die Treppe nach unten geht.
Quelle: Games Aktuell
Starre Kamera und langsame Zombies. Damit ist Resident Evil gestartet und hat damit einen nerv bei Spielern getroffen.
Die ersten paar Resident-Evil-Spiele spielten dabei mit Kamerawinkeln, um Spieler zusätzlich zu piesacken. Wenn die Perspektive gerade so stand, dass man den anschlurfenden Zombie noch gar nicht sah, sorgte das nochmal für Panik. Resident Evil 1 war für damalige Verhältnisse ziemlich gruselig und damit auch ein durchschlagender Erfolg. Teil 2 lief in eine ähnliche Richtung. Mit dem Racoon City Police Departement hatte man wieder ein verschachteltes, altes Gebäude zum Erkunden und Zombies, mit denen man sich anlegte. Das Erfolgskonzept setzte sich also fort und Capcom lieferte erneut ein herausragendes Spiel ab.
Ab Resident Evil 3 machten sich Abnutzungserscheinungen breit, dennoch wurde auch dieser Teil zu einem Erfolg. Trotzdem stürzte die Reihe in eine erste Sinnkrise und es musste etwas Neues her!
Die fatale Abkehr vom Horror
Quelle: Capcom
Resident Evil 4 überzeugte mit neuen Ideen, wie der Third Person und dem actionreicheren Gameplay. Das soll die Reihe nachhaltig verändern.
Für Resident Evil 4 stellte Capcom sein bewährtes Konzept auf den Kopf. Ihr seid mit Leon S. Kennedy in einem verlassenen Dorf am Ende der Welt unterwegs und dessen Bewohner sind nicht nur hirnlose Zombies, sondern denken auch mit. Die wichtigsten Punkte sind aber: Ihr erlebt weniger Grusel, sondern eher Action und ihr steuert Leon in der Third-Person-Ansicht durch die Spielwelt.
Was danach kam, ist Geschichte. Resi 4 schlug ein wie eine Bombe. Es verkaufte sich blendend und katapultierte die Reihe in neue Höhen. Dieses Momentum nutzten auch Resident Evil 5 und Resident Evil 6 und setzten auf das gleiche Konzept. In diesen Jahren verkam die Serie aber immer weiter vom gruseligen Schocker zum Zombieklatscher. Damit war Resi in der nächsten großen Sinnkrise.
Resident Evil entdeckt das ICH
Also: wieder eine starke Überarbeitung und wieder ein Befreiungsschlag. Resident Evil 7 war der nächste Soft-Reboot für die Reihe. Die Kamera wurde in die Ego-Perspektive versetzt und die Serie machte einen gewaltigen Sprung zurück zum Horror. Mit dem Haus der Bakers gab es einen kleinen, begrenzten Spielraum, die Inszenierung machte einen großen Schritt nach vorn. Doch die Action-Fans, die sich an die Third-Person und die Zombiemassen gewöhnt hatten und damit ja auch teilweise aufgewachsen waren - die fielen hinten runter und hatten das Nachsehen.
Damit kommen wir zum Hauptproblem der Serie und dem Grund, der mich zu dieser Kolumne angeregt hat: Die Zerrissenheit, die in dieser Serie mittlerweile steckt.
Quelle: Carlo Siebenhüner
Resident Evil 8 Village: Die Reihe muss sich entscheiden! (5)
Über den Autor
Zum Glück haben die Jugendschützer und die Eltern von Carlo Siebenhüner damals nicht so hingeschaut, sonst hätte er wohl nie so früh Berührungspunkte mit Resident Evil gehabt. Obwohl er spieletechnisch mittlerweile eher in lebensbejaenderen Gefilden zwischen Flight Simulator, Anno und Gothic unterwegs ist, bleibt Resident Evil immer auf dem Schirm - mit all den positiven und negativen Dingen, die seit nunmehr 25 Jahren an der Serie kleben. Mit Resident Evil Village hatte er zwar seinen Spaß, aber ihn beschleicht immer mehr das Gefühl, dass die Reihe in eine Sackgasse läuft, aus der nur ein radikaler Schritt hilft. Wollt ihr ihm dafür mal richtig die Meinung geigen, dann macht das unter seinen Videos auf dem Youtubechannel von pcgames.de (Ja, er liest die Kommentare (meistens)) oder besucht ihn montags und freitags auf seinem Twitch-Kanal "exploration_happiness".
Wie zerrissen kann eine Spieleserie sein?
Quelle: PC Games
Ähnlich ratlos ließ mich Resident Evil Village zurück mit der Frage, welche Art Spiel es sein will.
Denn die Resident-Evil-Fanbase besteht mittlerweile grob aus zwei Fraktionen. Der Horrorfraktion, die sich mehr Grusel, mehr Erschrecken und mehr Angst wünscht, und jener der Action-Liebhaber, die sich mehr Ballern, mehr Krach-Bumm, mehr Zombies wünschen, denn auch das ist Resident Evil mittlerweile. Zwischen diesen beiden Fraktionen fährt Resident Evil Village fröhlich Schlangenlinien hin und her und das merkt man als Spieler ständig. Resident Evil 7 hatte diese Stellen auch, aber dort war es eher auf die zwei Spielhälften aufgeteilt. Der Anfang ist richtig gruselig und gegen Ende kommt die Action ins Spiel.
Resident Evil Village versucht das stärker zu durchmischen und man kann dem Spiel dabei zuschauen, wie es versucht, die zwei Fraktionen zusammenzubringen "Oh, es war gerade mal etwas gruseliger? Hier hast du erst einmal acht Gegner auf einmal!"
"Jetzt haben wir genug geballert, dann geht's wieder ab in die dunkle Gruft." Damit macht man niemanden so wirklich glücklich.
Ich bin beispielsweise jemand, der die gruseligen Momente im Spiel abgefeiert hat. Es war ein grandioses Erlebnis, als ich durchs Schloss geschlichen bin und mich vor Riesenlady Dimtrescu versteckt habe. Ich war komplett angespannt und dann spawnte das Spiel mir eine der Vampirtöchter in den Rücken, die ich in dem Moment VÖLLIG vergessen hatte. Da hätte ich vor Schreck fast das Gamepad weggeschmissen. Der Punkt ist: Wenn mich das Spiel so gepackt hat und mich nervlich fertig machen will, reißt es mich umso mehr wieder heraus, wenn dann wieder zehn Gegner auf mich zu laufen.
Genau andersrum muss es den Action-Fans gehen, die in solchen Terrormomenten mit vielen Gegnern zur Hochform anlaufen und dann genervt mit den Augen rollen, wenn das Spiel einem plötzlich seine Ausrüstung wegnimmt und schon fast zu Outlast mutiert - ohne Waffen, im Dunkeln, allein und die einzige Möglichkeit ist, wegrennen.
Wird Resident Evil das Assassin's Creed der Horrorspiele?
Quelle: PC Games
Etwas schwerfällig mit viel Ballast. Ist der Duke ein Bildnis der Resident Evil - Reihe in ihrem aktuellen Zustand?
Damit stellt sich Resident Evil selbst ein Bein. Durch die langen Jahre der Reihe, in der man ständig die Altlasten der Vergangenheit mitschleppte oder die Fans auf einen bestimmten Spielstil hin erzogen hat, bleibt da kaum Raum für Möglichkeiten. Resident Evil will alle glücklich machen, die sich irgendwie vorstellen könnten, mal ein gruseliges Spiel zu spielen. Nur macht es damit am Ende nichts richtig herausragend.
Bei dem Gedanken haben bei mir alle Alarmglocken geläutet, denn es gibt eine Reihe, die ebenfalls in dieses Schema abgerutscht ist: Assassins Creed.
Die Serie hat auch schon viele Jahre hinter sich und viele Transformationen mitgemacht und findet sich aktuell im Zwiespalt zwischen Leuten, die eher ein Open-World-Rollenspiel wollen, und Leuten, die sich ein Action-Adventure in einer großen Stadt wünschen.
Auch Assassin's Creed will irgendwie alle glücklich machen ist zwar weiterhin hochwertig produziert und unterhaltsam, aber man merkt als Spieler trotzdem, dass es nichts Herausragendes gibt, was im Kopf bleibt.
Ich fände es fatal, wenn auch Resident Evil durch seine Langlebigkeit am Ende in genau diese Falle tritt und alle Spielerwünsche unter einen Hut bringen will, damit man möglichst viele Käufer anspricht. Dabei gibt man seine Identität auf und wird zum sturen Wellenreiter auf angesagten Gameplayideen.
Mehr als die Summe seiner Teile
Wie löst man aber dieses Dilemma? Wie gibt man einem Resident Evil 9 eine gesunde Identität? Die einfachste Möglichkeit wäre natürlich eine Fokussierung auf eine Sache. Eine endgültige Entscheidung, ob man jetzt eine Schießbude mit Horror-Anstrich sein will oder den Fans das Fürchten lehrt. Das ist natürlich ein Problem, da man mit dieser Lösung jeweils eine ganze Fanbase verprellt.
Ich persönlich kann mir aber eine ganz andere Lösung vorstellen: Eine Teilung. Resident Evil hat bereits einen ganzen Haufen Spin-offs, da wäre es doch kein Problem, einfach eine zweite Hauptreihe zu starten. Ein "Szenario B", wenn man so will. Diese zwei Arten von Spielen veröffentlicht man jeweils abwechselnd und im Rahmen dieser können sich die beiden Ansätze viel stärker entfalten. Auf der einen Seite der gruselige Horrorschocker, der einem Albträume verschafft, und auf der anderen Seite der Shooter, in dem man Zombiehorden wegklatscht.
Vielleicht gründet man sogar zwei Teams, die sich jeweils um ihre Hauptreihe kümmern. So ähnlich macht es Capcom nämlich schon mit seinen Multiplayer-Ablegern wie Resistance und Re:Verse. Die Multiplayer-Parts werden abgekoppelt veröffentlicht und sogar teilweise separat entwickelt. Sie verbrauchen also keine Ressourcen des Hauptentwicklerteams.
Wie der nächste Resident-Evil-Ableger aussehen wird, das weiß am Ende natürlich nur Capcom. Dass Resident Evil 9 kommt, ist aber ziemlich sicher, dafür ist Resident Evil Village zu gut produziert und unterhaltsam - trotz aller Kritik. Nur: Ob es dann noch mit einer eigenen Identität daherkommt oder einfach nur "irgendwas mit Grusel" wird, das ist meiner Meinung nach nicht in Stein gemeißelt.
