Kolumne: Hallo Grind, Goodbye Assassin's Creed, wie ich es kenne - wieso mich Odyssey kalt gelassen hat

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Kolumne: Hallo Grind, Goodbye Assassin's Creed, wie ich es kenne - wieso mich Odyssey kalt gelassen hat
Quelle: PC Games

Assassin's Creed Odyssey ist erfolgreich, hochgelobt, umfangreich und für viele Spiel-des-Jahres-Anwärter. Nicht jedoch für mich, Odyssey entfernt sich von alldem, was ich an der Serie schätze - eine Kolumne.

Assassin's Creed - meine Assoziationen zum klangvollen Namen lauten Stealth-Spielprinzip, Parkour-Einlagen und bombastische Meuchelmissionen. All das vermisse ich jedoch in Assassin's Creed Odyssey (jetzt kaufen / 53,99 € ), und die RPG-Anleihen vermögen diese Verluste für mich nicht auszugleichen. Mit dieser Ansicht stehe ich auf verhältnismäßig einsamer Flur - das lässt mich zumindest das insgesamt überaus positive Feedback zu Odyssey vermuten. Karten auf den Tisch: Ich habe den direkten Vorgänger Assassin's Creed Origins nicht gespielt, genauso wenig wie Black Flag. Ansonsten bin ich mit der Reihe gut vertraut. Ein weiteres Detail: Mir persönlich hat das vielgescholtene Paris-Abenteuer Unity bislang am besten gefallen. Vielleicht dienen diese Fakten dem Verständnis, wieso mich Odyssey trotz seiner offensichtlichen Qualitäten nicht zu begeistern vermochte und wieso ich es kaum als neuen Ableger der bekannten Serie wiedererkenne.

Eure Meinung zum Thema interessiert mich: In der Umfrage könnt ihr mitteilen, welcher Aspekt an Assassin's Creed Odyssey euch besonders gut oder schlecht gefallen hat, wie vertraut ihr mit der Reihe seid und ob ihr auch den nächsten Teil spielen wollt. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis!

Mühsam ernährt sich der Assassine

Ich mag Rollenspiele. Eine Kombination von Stealth-Mechanik mit RPG-Elementen? Klingt interessant! Die Mechaniken in Assassin's Creed Odyssey jedoch bilden in erster Linie die Worst-of-Eigenschaften des Genres ab. Beispiel: Ich habe eine Abneigung gegen ausufernde Grinding-Abschnitte. Es langweilt mich! In Odyssey gibt es mehrere Momente, in denen der Fortschritt zu einem abrupten Halt kommt, weil die Levelanforderung der nächsten Story-Mission weit über dem aktuellen Spielerlevel liegt. Besonders pikant: Ubisoft ist sich bewusst, dass das keine schöne Sache ist, denn sonst würden keine Mikrotransaktionen angeboten, die schnelleren Fortschritt ermöglichen.

Der Bandit möchte sein "Auge" wiederhaben - doch Kassandra hat andere Pläne damit. Quelle: PC Games Humor ist Geschmackssache. Kassandra oder Alexios stecken das künstliche Auge des einäugigen Banditen in einer Zwischensequenz in den Hintern einer Ziege.  Und dann ist die Spielwelt Griechenland auch noch vollgestopft mit 08/15-Quests aus einem betagten Modell des Nebenaufgabengenerators. Klar leg' ich diesen bedeutungslosen NPC um, klar säubere ich das Banditenversteck, sammele dies und das oder rotte ein Wolfsrudel aus. Nicht, weil es mir Spaß macht, sondern weil ich halt die Erfahrungspunkte brauche, um endlich die Geschichte weiterverfolgen zu können. In The Witcher 3 und in Red Dead Redemption 2 empfinde ich jede Nebenaufgabe als potentiell verheißungsvoll. Dank der gut geschriebenen Charaktere und Geschichten um die Aufgabe drum herum machte der Fortschritt stets Spaß. In Assassin's Creed Odyssey hingegen erwarte ich nichts, und werde, frei nach Malcom Mittendrin, oft trotzdem enttäuscht. Wer lebt, wer stirbt - es könnte mir nicht egaler sein, gebt mir bitte einfach die Erfahrungspunkte, damit ich da weitermachen kann, wo ich möchte.

Die überflüssigste Nebensache des Spiels

Auch mit den Romantikoptionen fischt Ubisoft im RPG-Gewässer von Mass Effect und The Witcher 3. Nur: Die Romance-Aspekte in Assassin's Creed Odyssey werden mir zu unreif präsentiert, manchmal kommt die Schwarzblende schon vor dem Kuss. Passend zum jugendfreien "Sex" im Spiel die Dialoge: Der "Speer" des Schmiedes ist gebrochen, wenn ihr versteht, was er meint, höhö, zwinker zwinker. Aber keine Sorge, geht für ihn ein paar aphrodisierende Blumen pflücken, dann kann er wieder zustechen. Als einsamer Wolf (oder einsame Wölfin) bezirzt ihr keine Begleiter, zu denen ihr eine Bindung aufbaut, sondern meistens Randfiguren, und das mit der Subtilität eines Vorschlaghammers: Damit auch jeder erkennt, mit welcher Dialogoption ihr die Schlüpfer stürmt, sind diese mit einem Herz gekennzeichnet. Wo ich keine Fehler machen kann, da kein Erfolgserlebnis. Sofern man es als Erfolg verbuchen möchte, wenn man einen Typen rumkriegt, der zuvor mit einer Ziege im Bett war.

Sind wir schon da? Nein ...

Assassin's Creed hat sich schon immer durch sein Parkour-System ausgezeichnet. Als Assassine benutzt ihr für gewöhnlich nicht die Straßen wie der gemeine Pöbel, sondern erklimmt Dächer, Simse, Balkone und balanciert auf Wäscheleinen von Giebel zu Giebel. Die spaßige Fortbewegungsmechanik steckt zwar auch in Odyssey und wird in beim Erklimmen von Felsen, Mauern und Aussichtspunkten genutzt, aber ein Großteil der Landschaft besteht aus Feldern, Wiesen, Wäldern und Meer. Ich spiele Assassin's Creed nicht, um mit dem Pferd im Automatik-Modus von Kaff zu Kaff zu klappern! Und ja, ich könnte auch auf das Schifffahren verzichten, genau wie auf den Spartaner-Tritt im Kampfsystem, eine wohl lustig gemeinte Anspielung an den Action-Film 300, der mittlerweile zwölf Jahre auf dem Buckel hat.

Mit dem Spartanertritt befördert ihr Gegner in Abgründe oder einfach weit von euch weg. Quelle: PC Games This is Sparta! Den Spartaner-Tritt gehört zu den nützlichsten Kampf-Fähigkeiten. Für Immersion sorgt die Popkulturanspielung aber nicht gerade.  Ein weiteres klassisches Merkmal von Assassin's Creed wurde in Odyssey beschnitten: Stealth-Kills sind nicht zwangsläufig tödlich. Ich bin kein Arzt, könnte mir aber vorstellen, dass eine aufgeschnittene Kehle zur sofortigen Kampfunfähigkeit führt. Nicht so in Assassin's Creed Odyssey, in dem ihr stets damit rechnen müsst, dass euer kritischer Angriff aus dem Hinterhalt nicht ausreicht, um einem Kampf aus dem Weg zu gehen. Wenigstens kann man innerhalb des Spielverlaufs die Attentatfertigkeiten mit Hilfe des Perk-Systems verbessern. Durch das Fehlen der typischen Templer-Assassinen-Dynamik wirkt AC: Odyssey auf mich sehr viel beliebiger, was sich ja in den Nebenquests widerspiegelt: Bring den um, er hat mich schief angesehen. Lösungswege abseits von Gewalt gibt es kaum - überraschend für einen Titel, der (auch) als Rollenspiel wahrgenommen werden möchte.

Griechenland: Opfer überall

Assassin's Creed war schon immer eine Spielereihe, in der es um das Ermorden von Pixelmenschen ging. Mir liegt es fern, eine moralische Bewertung des Spielprinzips vorzunehmen - Hitman und Metal Gear Solid gehören zu meinen liebsten Serien. Aber für mich macht es einen Motivationsunterschied, ob ich einen Mörder/Folterer/Verbrecher/Terroristen umbringe, der Einfluss auf das Weltgeschehen nimmt, oder einen armen Tropf, der Auftraggeber XY eine Handvoll Oliven gemopst hat. Noch kritischer sieht übrigens "Die Zeit" diese Eigenheit von Assassin's Creed Odyssey in ihrer Rezension.

Die Höhe des Schadens lest ihr von den eingeblendeten Ziffern ab. Die Anzeige lässt sich abschalten. Quelle: PC Games Aufsteigene Schadensanzeigen sind nicht, was ich von Assassin's Creed erwarte. Erfreulich: Das Feature lässt sich ausschalten. Die Kultisten-Mechanik soll wahrscheinlich die groß angelegten Attentate der Vorgänger ersetzen. Aber spannend inszenierte Missionen sind auch dort eine Seltenheit. Kultist A hängt in einem Banditenlager rum, Kultist B in einer Höhle, und Kultist C wandert irgendwo durch die Pampa - das ist für mich kein Ersatz für Missionen, bei denen man während eines Balls den Buckingham Palace infiltriert oder sich in ein Theaterstück im Kolosseum einschleicht! Selbst der Clinch zwischen Spartanern und Athenern lässt mich völlig kalt, Kassandra und Alexios haben zu keiner der Parteien Loyalität und tanzen auf allen Hochzeiten.

Odyssey zu neuen Zielen

Ich verstehe jeden, der Freude an Odyssey hat. Das Spiel bietet tolle Features: es ist riesig, sieht gut aus, präsentiert ein unverbrauchtes Setting (das ich ebenfalls wundervoll finde), die allseits beliebten Schiffsschlachten, Söldnerkämpfe als Mini-Bosse, viele Ausrüstungsoptionen und es wagt, eine etablierte Serie Änderungen zu unterwerfen. Richtig, angefangen hat die Neuorientierung schon mit Origins, doch das liegt wie eingangs erwähnt noch auf meinem To-Play-Stapel herum. Das Stealth- und Parkour-Gameplay, schön inszenierte Attentate, eben das, was ich an der Reihe bislang schätzte, bleibt in Odyssey jedoch auf der Strecke. Um die Zukunft von Assassin's Creed muss sich Ubisoft deshalb freilich keine Sorgen machen. Odyssey hat den Nerv von sehr vielen Spielern genau getroffen. Nur eben nicht meinen.

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