Verwirrte deutsche Gaming-Politik: Wir wollen mehr Entwickler, aber bitte keine Videospiele

Kolumne Antonia Dreßler
Verwirrte deutsche Gaming-Politik: Wir wollen mehr Entwickler, aber bitte keine Videospiele
Quelle: Erstellt mit KI (Adobe Firefly)

Der Gaming-Standort in Deutschland soll ausgebaut werden, aber wie man das macht, ist leider niemandem so ganz klar, vor allem der Bundesregierung nicht.

Freitag, der 05. Juli 2024, kurz vorm Wochenende veröffentlicht das Bundesministerium für Finanzen eine neue Wachstumsinitiative: für neue wirtschaftliche Dynamik für Deutschland. Erst einmal ganz schön, denn je nachdem, wen man fragt, sind Investitionen genau das, was wir in Deutschland brauchen!

Neben der Stärkung der E-Mobilität und Baukostensenkungen für Wohnungen findet man auch zwei kleinere Absätze in dem Papier, die sich mit digitalen Themen auseinandersetzen: Filmproduktion und Deutschland als Games-Standort. Na gut, eigentlich ist es nur ein Absatz und das Thema Gaming hat nicht mehr als drei Zeilen in dem 31 Seiten langen Dokument erhalten - aber in Deutschland ist man ja bekanntlich vorsichtig, wenn es um Neuland geht und Videospiele sind schließlich erst in den 70ern aufgekommen.

Inhalt der Zeilen ist die Überarbeitung der bestehenden Games-Förderung und die Einführung einer zusätzlichen Förderzulage von Bund und Ländern gemeinsam, um sich im internationalen Wettbewerb besser aufzustellen.

Weniger Steuern für Entwickler

Darüber hat sich vor allem der Game-Verband sehr freudig gezeigt, der von einer "dringend benötigten steuerlichen Games-Förderung" spricht, da man nur so gegen Standorte wie Montreal oder Quebec mithalten könne, die seit etlichen Jahren massive Steuervorteile für Spielentwickler einräumen. Schon vor fünf Jahren veröffentlichte der Verband eine Studie, die zeigt, dass Deutschland anderen Ländern hinterherhinke. Unsere aktive Förderung muss beantragt werden, während andere Länder automatische Steuergutschriften vorsehen - das ist einfacher und letztlich auch viel vorhersehbarer als hierzulande.

So sieht das wohl auch die Regierung und habe sich laut Game "noch nie so eindeutig" für eine Games-Förderung ausgesprochen und geschlossen agiert. Ist das also der Startschuss, auf den die Branche gewartet hat?

Nein. Denn offenbar war das alles nicht so ernst gemeint. Immerhin kaum vier Tage später verkündet das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), dass das Games-Referat nicht mehr eigenständig existiert, sondern mit dem Referat für Kultur- und Kreativwirtschaft verschmolzen wird.

Das ungeliebte Kind: Gaming

Das bedeutet ganz konkret: weniger Aufmerksamkeit für Gaming in Deutschland und, dass Videospiele als nicht so wichtig angesehen werden, als dass sie eine spezielle Abteilung verdienten. Der Game-Verband spricht dafür Kritik aus, immerhin haben andere Bereiche durchaus eigenständige Referate, wie Musik, Film, Literatur, Theater oder auch Mikroelektronik. Warum ausgerechnet Gaming von besonderen "Synergien" profitieren soll, wie eine Sprecherin des BMWK laut des Background Tagesspiegel sagte, erschließt sich ohne eine echte Begründung niemandem.

Die Angelegenheit wäre weniger der Rede wert, wenn das Geld trotzdem fließen würde, aber auch an den bestehenden Förderungen hakt es aktuell. Der Topf für die Computerspieleförderung war noch 2023 mit 70 Millionen Euro gefüllt - 2024 waren es nur noch 50 Millionen. Gleichzeitig ist die Antragstellung aber seit Mai 2023 ausgesetzt, denn die Gelder sind alle schon längst verteilt - erst ab Januar 2025 wird es wieder möglich sein, eine Förderung in Deutschland zu beantragen.

Wo bleibt die versprochene Förderung?

Um Entwickler trotzdem zu unterstützen, wurde deshalb ein 33 Millionen schwerer Sondertopf eingeplant, der bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) liegt, Claudia Roth. Laut ihrer Aussage laufen aber noch die Abstimmungen über die Ausgestaltung der entsprechenden Sonder-Förderung. De facto ist auf der Website der BKM aber nichts zu Videospielen zu finden - weder allgemein noch in Bezug auf die Förderung - und bis jetzt gibt es kein Lebenszeichen zum versprochenen Geld.

Dabei ist auch in Deutschland inzwischen eigentlich bekannt, dass Videospiele eine nicht zu unterschätzende Wirtschaftskraft sind und auch als Kulturgut Relevanz innehaben. So hat das Digitalministerium in Bayern nach wie vor ein eigenes Games-Referat und gerade erst über eine halbe Million Euro in "die Gamerei" gesteckt, einem Gaming-Zentrum, mit mietbaren Büroflächen und Platz für Coworking, Playtests und eSport-Trainings.

Verstaubte Ansichten

Offensichtlich ist, dass man sich in politischen Kreisen nicht wirklich einig ist, wie wichtig Spiele nun für Deutschland sind. Doch anscheinend nicht so sehr, wie man sich das im Branchenverband und der Industrie wünscht. Dieses Übersehen stammt definitiv nicht davon, dass Gaming nicht lukrativ wäre, denn die Branche macht weiterhin starke Umsätze, auch wenn (und vielleicht weil) überall Stellen abgebaut werden. Über die wahren Gründe lässt sich leider nur spekulieren. Sind Videospiele 2024 immer noch verpönt? Sitzt vielleicht die Killerspieldebatte noch so tief, dass man bei Gaming einfach nicht von Kultur reden kann?

Egal, was es auch ist, es ist keine Entschuldigung dafür, den Karren vor die Wand zu fahren, Deutschland als Spielestandort vor die Hunde gehen zu lassen und wie in den letzten Tagen derart gemischte Signale als politische Spitze von sich geben, dass sicherlich kein größeres Studio bald bei uns einen Geschäftszweig zu öffnen versucht.

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