Pokémon vorm Abgrund: Die 10. Gen oder das Ende einer Ära?

Special Annika Menzel
Pokémon vorm Abgrund: Die 10. Gen oder das Ende einer Ära?
Quelle: Nintendo

Pokémon Karmesin und Purpur machen auch deutlich, wie die Pokémon Company mit ihrer Marke umgeht. Die nächsten Spiele müssen nun den Ruf wiederherstellen.

Da es bisher keine verlässlichen Informationen zur Switch 2 oder einer vergleichbaren Plattform gibt, steht noch in den Sternen, wann wir mit der zehnten Generation rechnen können. Karmesin und Purpur sind mittlerweile ein Jahr alt und am 14. Dezember 2023 erscheint mit Der Schatz von Zone Null: Die Indigoblaue Scheibe bereits die zweite Erweiterung, in die wir sogar schon reinspielen durften. Dementsprechend dauert es wahrscheinlich noch eine Weile, bis wir mit einer neuen Ankündigung rechnen können. Schließlich ist es aus unternehmerischer Sicht sinnvoll, möglichst viele Exemplare zu verkaufen, bevor der Wirbel um die nächsten Spiele beginnt. Eine längere Wartezeit bringt sogar Vorteile, denn nach dem technischen Desaster der neunten Generation hört die Pokémon Company hoffentlich auf das Feedback und investiert mehr Ressourcen in die Entwicklung. Die Schuld für den schlechten Zustand sehen wir nämlich nur bedingt Game Freak.

Gescheiterte Qualitätskontrolle

Wenn ihr eure Erinnerung auffrischen wollt, wie das Trauerspiel in Paldea genau aussah, werft gerne noch einmal einen Blick in unseren Test - allerdings auf eigene Gefahr. Wie genau es dazu gekommen ist, lässt sich von außen nicht nachvollziehen. Eine Vermutung liegt aber nahe: Die Pokémon Company weiß selbst am besten, wie erfolgreich das Franchise ist und versucht, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Gewinn zu machen.

Und der Plan ist aufgegangen: Karmesin und Purpur liegen mit circa 23 Millionen verkauften Exemplaren nur knapp hinter Schwert und Schild und damit auf Platz sieben der meistverkauften Spiele für die Nintendo Switch - trotz ihrer Qualität.

Nemila und die Spielfigur schauen sich die Landschaft von Paldea an Quelle: PC Games Pokémon Karmesin & Purpur Es hat sich gezeigt, dass die Spiele so oder so gekauft werden. Mit der Kaufentscheidung unterstützen die Fans zwar das profitgetriebene Vorgehen des Unternehmens, ein Boykott ist aber immer eine schwierige Entscheidung, wenn das eigene Fan-Herz an der Reihe hängt. Vermutlich ist Game Freak selbst nicht glücklich mit dem Endergebnis, schließlich haben sie in der Vergangenheit mit Editionen wie X und Y gezeigt, dass sie sehr gute Spiele entwickeln können.

Die Umstrukturierung von Pokémon zu einer offenen Spielwelt, deren Konzept zuvor im kleinen Rahmen durch die Naturzone in Schwert und Schild und später im Spin-off Pokémon-Legenden: Arceus ausgetestet wurde, dürfte an sich bereits herausfordernd gewesen sein. Wahrscheinlich saßen die Entscheidungsträger dem Studio zudem bei der Entwicklung im Nacken. Wir können nur hoffen, dass sie daraus gelernt haben.

Eine Pokémon-Generation ohne Game Freak?

Mit mehr Ressourcen, stärkerer Hardware und weniger Druck ist definitiv das Potenzial vorhanden, dass die beliebte Reihe zu besserer Qualität zurückfindet. Sollten Game Freak allerdings gänzlich mit Project Bloom beschäftigt sein und bald eine Ankündigung der nächsten Nintendo-Konsole erfolgen, wird es spannend, wie es mit Pokémon weitergeht.

Glurak hat eine terakristallisierte Form angenommen Quelle: Nintendo Pokémon Karmesin & Purpur Entweder wir müssen länger warten und werden dafür hoffentlich mit einem hochwertigeren Spiel belohnt, anstatt ein unter besonderem Zeitdruck entwickeltes Chaos vorzufinden. Oder die Pokémon Company entscheidet sich dafür, zum ersten Mal eines der Hauptspiele von einem anderen Studio entwickeln zu lassen.

Durch Game Freaks Anteile an dem Unternehmen bekämen sie dennoch ein Stück vom Kuchen aus Gold ab, könnten sich aber völlig auf die Entwicklung von Project Bloom konzentrieren. Ein anderes Studio könnte dann den nötigen frischen Wind und neue Ideen mitbringen.

Eine so ikonische Marke nach 27 Jahren an ein anderes Team abzutreten, wäre aber eine einschneidende Entscheidung. Schließlich liegen die gesamte Expertise und Erfahrung bezüglich der Pokémon-Hauptspiele in den Händen Game Freaks.

Die nächste Generation steht also vor einigen Herausforderungen. Die Spiele müssen qualitativ wieder ordentlich zulegen und dürfen nicht erneut die treuen Fans ausnutzen, um möglichst viel Geld mit wenig Mühe zu verdienen. Auch wenn sich das Franchise mittlerweile wie von selbst finanziert, ist auch so eine große Marke nicht davor geschützt, sich ihren Ruf durch schlechte Leistung zu ruinieren.

Von Kanto bis Paldea: Jede Reise hat ein Ende

Bevor das passiert, ist es im Zweifelsfall die bessere Idee, selbst einen Schlussstrich zu ziehen. Dass die Pokémon Company von sich aus entscheidet, keine neue Generation zu veröffentlichen, ist mit Blick auf den riesigen Erfolg der Spiele unrealistisch.

Aber gerade deshalb werden die nächsten Editionen wegweisend für die weitere Ausrichtung der Reihe sein. Vor allem dafür, ob sie sich noch retten kann oder dem Profitgier des Unternehmens erliegt und dadurch mit der Zeit zum Cash Grab verkommt.

Und mal ganz von der Technik abgesehen: Assassin's Creed wurde in den letzten Jahren zum Paradebeispiel dafür, was mit erfolgreichen Reihen passiert, die zig Fortsetzungen nach dem gleichen Schema produzieren. Irgendwann müssen neue Konzepte her, beispielsweise riesige, offene Welten und eine stärkere Ausrichtung zum Action-Rollenspiel wie im Falle von Origins, Odyssey und Valhalla.

Die Spielfigur sitzt auf einem Damythir und schaut sich den Sonnenuntergang von einem Hügel aus an Quelle: PC Games Pokémon-Legenden: Arceus Mit dem kürzlich erschienenen Mirage kehrt Assassin's Creed zu seinen Wurzeln zurück, weiß aber nicht so richtig zu überzeugen. Irgendwann ist einfach die Luft raus und die Zeit für etwas Neues gekommen. Pokémon bemüht sich mit der offenen Spielwelt und losen Struktur um eine ähnliche Art der Weiterentwicklung, was gänzlich gegen das ursprüngliche System der aufeinanderfolgenden Routen und Arenen geht.

Ansonsten unterscheiden sich die Generationen seit vielen Jahren, abgesehen von veränderter Grafik und neuen Regionen, größtenteils durch zusätzliche Taschenmonster und Gimmicks voneinander. Darunter fallen zum Beispiel die Terakristallisierung aus Karmesin und Purpur, die Dynamax-Formen aus Schwert und Schild, die Z-Attacken aus Sonne und Mond und die Mega-Entwicklung aus X und Y.

Für die zehnte Generation reicht ein einzelnes Feature als Verkaufsargument, das spätestens seit der Terakristallisierung ohnehin lieblos wirkt, nicht mehr aus. Die Spiele müssen die Ansätze von Karmesin und Purpur weiterentwickeln und vor allem die großen Schwächen beheben, um das Vertrauen wiederherzustellen. Ansonsten erwartet uns womöglich das Ende einer Ära, weil wir Pokémon nicht mehr mit viel Nostalgie, sondern einer an Geldgier gescheiterten Marke in Verbindung bringen.

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