Nordische Mythologie in Spielen: Wie Wikinger die Gaming-Welt aufmischen (Archiv)
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Achtung, die Wikinger kommen! Der kühle Norden avancierte zuletzt zu einem der beliebtesten Settings für Computer- und Videospiele. Wir werfen einen Blick auf diesen Trend, ergründen die Entwicklung und beleuchten die interessantesten Spiele mit Wikinger-Thematik.
Lange Bärte, große Schwerter und ein martialisches Auftreten - all das verbinden wir mit Wikingern. In den vergangenen Jahren erlebten Nordmänner und Schildmaiden ein erstaunliches Comeback. Egal, ob in Videospielen oder Serien, sie rückten immer stärker in den Mainstream. Und so löste das nordische Mittelalter zuletzt etwa zeitgenössische Schauplätze oder Endzeitszenarien als favorisiertes Setting ab. Lesetipp: Einsteiger-Guide mit 10 Grundlagen-Tipps zu Assassin's Creed Valhalla.
Noch in diesem Jahr wagt sich allen voran Ubisofts Open-World-Serie Assassin's Creed in die Welt der Wikinger: Nachdem wir zuletzt Ägypten und Griechenland bereisen durften, geht's in Assassin's Creed: Valhalla Ende 2020 in den kalten Norden. Und damit ist Ubisoft nicht allein: Der Norden und seine Mythen und Sagen entwickelte sich in den vergangenen Jahren zu einem der Hotspots für Computer- und Videospiele. Aber wieso eigentlich?[
Fiktion oder Geschichte?
Bevor wir im Thema weiter voranschreiten, attestieren wir: Norden ist nicht gleich Norden. Schließlich setzen viele Spiele unterschiedliche Schwerpunkte und befassen sich mal stärker mit der nordischen Mythologie und mal mit der überlieferten Geschichte dieser Zeit. Nehmen wir etwa das 2018 veröffentlichte God of War für die PS4: Nachdem der einstige Kriegsgott Kratos bereits die Herrscher des Olymps einen Kopf kürzer gemacht hatte, benötigte die Actionspielserie einen Ortswechsel. Wieso also nicht die nordische Mythologie? Sie bietet starke Charaktere sowie einen reichhaltigen Fundus an Sagengestalten und Gottheiten.
Quelle: PC Games
In Assassin's Creed: Valhalla baut ihr auch euer eigenes Heimatdorf wieder auf. Dieses Spielelement könnte für noch mehr Tiefe und Langzeitmotivation sorgen.
Die Geschichts- und Kulturwissenschaftlerin Dr. Elizabeth Ashman-Rowe arbeitete als Beraterin für Ninja Theorys Hellblade: Senua's Sacrifice (2017). Im Interview erklärte sie gegenüber The Indie Game Website: "Die Götter in der nordischen Mythologie sind nicht unsterblich und werden gemeinsam mit der Zerstörung der Erde untergehen. Das macht sie menschlicher und dadurch sympathischer." Ashman-Rowe glaubt zudem, dass das Setting für viele Spieler interessant geworden sei, weil es eine Art von Realitätsflucht vor dem aktuellen Zeitgeschehen erlaubt. Wer täglich im Alltag mit Krieg und Gewalt konfrontiert wird, der sucht in Spielen vielleicht lieber einen abstrakteren Schauplatz wie die nordische Mythologie.
Allerdings tauchen Wikinger auch in realistischen oder gar historischen Kontexten in Videospielen auf. Im Aufbaustrategiespiel Northgard aus dem Jahr 2017 beispielsweise seid ihr Stammesführer eures eigenen Klans, baut das Dorf aus und erweitert dessen Einflussbereich. Diesen Aspekt des Zusammenlebens thematisiert übrigens auch das kommende Assassin's Creed: Valhalla. Hier werdet ihr nämlich auch eure eigene Siedlung errichten und erweitern können. In A Total War Saga: Thrones of Britannia (2018) steigt ihr gar in den Krieg zwischen Wikingern und Briten ein. Dieser Konflikt fand seinen Ursprung im Jahr 878, in dem die Söhne des Wikingeranführers Ragnar Lodbrok den Tod ihres Vaters rächen wollen. Das Echtzeitstrategiespiel setzt somit einen ähnlichen Startpunkt wie Ubisofts kommendes Open-World-Abenteuer.
Quelle: PC Games
Ein spannendes und historisch korrektes Detail bezieht sich in Assassin's Creed: Valhalla auf Beleidigungsduelle – fast wie im Adventure-Klassiker The Secret Monkey Island. Hier müsst ihr auf die euch entgegengeworfenen Sprüche die passende Antwort haben.
Wie stark sich Assassin's Creed: Valhalla tatsächlich von der Mythologie abhebt, wird sich noch zeigen. Auf der einen Seite betonte Narrative Director Darby McDevitt gegenüber Gamespot, dass Mythen und Sagen im neuen Assassin's Creed keine größere Rolle einnehmen würden. Zugleich scheint die Beowulf-Legende Teil des Season-Passes des Action-Rollenspiels zu werden. Es sieht also alles danach aus, als würde sich Ubisoft das Beste aus beiden Welten herauspicken, um seine Spiel-Story zu erzählen.
Text-Adventure, verlorene Wikinger und Aufbauhelden
Wikinger besitzen eine lange Historie in Videospielen. 1984 etwa erschien das von Level 9 Computing entwickelte Text-Adventure The Saga of Erik the Viking, das lose auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Terry Jones basierte. Und bevor jemand nachfragt: Mit dem 1989 veröffentlichten Film Erik der Wikinger mit Tim Robbins in der Hauptrolle hatte die Geschichte des Spiels ebenfalls nichts zu tun. In dem Buchstaben-Abenteuer musste der gute Erik seine entführte Familie finden und zu diesem Zweck Kameraden anheuern, Waffen finden und ein Schiff klarmachen.
Quelle: PC Games
Entwickler Ninja Theory lehnte sich in Hellblade: Senua's Sacrifice eher locker an die keltische Mythologie an. Trotzdem erinnern Setting und Motive stark an die nordische Sagenwelt.
1993 erschien schließlich mit The Lost Vikings ein Geschicklichkeits- und Rätselspiel, ohne dessen Erfolg es so große Marken wie Warcraft oder Diablo vielleicht nie gegeben hätte. The Lost Vikings war nämlich eines der frühen Werke von Silicon & Synapse - eine Firma, die wir heute als Blizzard Entertainment kennen. Bis heute besitzt das Abenteuer eine treue Anhängerschaft, glänzte es doch mit überraschend intelligentem Knobel-Gameplay und einem charmanten Comic-Look. Einen erzählerischen Anspruch besaß The Lost Vikings hingegen kaum; die Macher nutzten die Wikinger eher als Sympathieträger für einen humorigen Plot. Eure Aufgabe bestand nämlich darin, mit den Wikingern Erik, Baleog und Olaf die Dorfbewohner zu retten, die kurz zuvor von Außerirdischen gefangen wurden. Sehr schön schon damals: Die drei Helden besaßen unterschiedliche Fähigkeiten und mussten entsprechend zusammenarbeiten, um die Missionen zu meistern.
Quelle: PC Games
In Viking: Battle For Asgard von 2008 legt ihr euch mit den Göttern höchstpersönlich an. Sonderlich tiefgründig war das Actionspiel nicht, es überzeugte aber dennoch aufgrund seines launigen Kampfsystems.
Andere Titel mit Wikinger-Ambitionen in der Anfangszeit der Video- und Computerspiele sind etwa das Rundenstrategie-Frühwerk Viking Raiders (1984), das Action-Rollenspiel Heimdall (1991) oder der Strategietitel Hammer of the Gods (1994). Um die Jahrtausendwende herum entdeckten schließlich Entwickler von Aufbaustrategiespielen den Reiz des Nordens: Den Anfang machte 2000 Cultures, gefolgt vom 2001 veröffentlichten Die Siedler 4, bei dem neben Römern und Maya auch die Wikinger als spielbare Fraktion anwählbar waren. Für die Neuauflage Die Siedler 2: Die nächste Generation erschien 2007 noch das Add-on Wikinger.
Ein ähnliches Konzept verfolgte das britische Studio Creative Assembly bei seinem Strategie-Brocken Medieval: Total War: Man brachte 2003 die Erweiterung Medievil: Total War - Viking Invasion heraus und erweiterte das Originalspiel um zusätzliche Einheiten, neue Möglichkeiten und vor allem einen frischen Schauplatz.
Quelle: PC Games
Dieser Eisriese ist ganz offensichtlich nicht zu Späßen aufgelegt. Als verstorbene Wikingerin Thora müsst ihr im Action-Abenteuer Jotun diesen Brocken aus dem Weg räumen, um euren Weg nach Walhalla fortzusetzen.
Meucheln wie die Nordmänner
Doch so populär Strategie- und Aufbauspiele auch sein mögen, zumeist reduzierten Videospiele nordische Sagen und ihre Krieger auf das Wesentliche: die Kämpfe. Bis heute beispielsweise schwärmen Fans vom Action-Adventure Rune aus dem Jahr 2000. Das von Human Head Studios entwickelte 3D-Spiel erzählt eine blutige Rachegeschichte um den jungen Wikinger Ragnar, der sogar Unterstützung von Göttervater Odin erhält. Rune stach damals durch sein stimmiges Kampfsystem hervor, mit dessen Hilfe wir uns durch Monster, Kobolde und andere Sagenfiguren geprügelt haben.
In eine ganz ähnliche Kerbe schlug das 2008 von Sega veröffentlichte Actionspiel Viking: Battle For Asgard. Als Wikinger Skarin begehrt ihr hier gegen die Götter Asgards auf. Während die Geschichte kein Sagenklischee auslässt, erinnert das Gameplay stark an die frühen God-of-War-Teile: Ihr metzelt euch mit dem breitschultrigen Nordmann durch wahre Heerscharen von Gegnern. Sonderlich anspruchsvoll ist Viking: Battle For Asgard nicht, erweist sich aber als ein durchaus gefälliges Hack & Slay. Ganz anders dagegen Bethesdas Rollenspiel-Epos The Elder Scrolls 5: Skyrim (2011), das viele Elemente und Ideen aus nordischen Sagen aufweist. Das beginnt bei der grundsätzlichen Präsentation der Spielwelt Himmelsrand und reicht bis hin zum Waffen- und Ausrüstungsdesign. Auch Kreaturen wie die im Spiel so wichtigen Drachen finden sich in der nordischen Mythologie.
Quelle: PC Games
The Banner Saga bedeutete für Entwickler Stoic Studio den Durchbruch. Das Spiel punktete nicht allein mit den rundenbasierten Kämpfen, sondern vor allem auch mit der dichten Atmosphäre und den tollen Zwischensequenzen.
Interessanterweise machen auch die Action-Klassiker Max Payne (2001) und Max Payne 2: The Fall of Max Payne (2003) diverse Anspielungen auf die nordische Mythologie. Die im ersten Teil auftauchende Droge hört etwa auf den Namen "Valkyr" und entsprang dem Regierungsprojekt "Valhalla", in das auch der US-Senator Alfred Woden involviert war. Woden ist der altenglische Name für Göttervater Odin (oder Wodan). Auch wenn im Falle von Max Payne Zeit und Schauplatz überhaupt nicht zur nordischen Mythologie passen wollen, so verleiht sie dem Spiel doch zusätzliche Tiefe. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Final-Fantasy-Serie, die ebenfalls Orte und Figuren aufgreift. So heißt etwa die Stadt in Final Fantasy 7 (Remake) Midgar - als Anspielung auf die Welt der Menschen in der nordischen Mythologie.
Nordischer Hype
In den vergangenen Jahren wurde der hohe Norden zur neuen Hochburg für Video- und Computerspiele. Hellblade: Senua's Sacrifice etwa dreht sich zwar in erster Linie um das Abdriften in den Wahnsinn und damit um die drastische Darstellung psychologischer Probleme. Vordergründig aber kontrolliert ihr die Keltin Senua durch ein nordisches Szenario, das in diesem Fall aber eher als Spielbrett für besagte Thematik dient.
Quelle: PC Games
Das Text-Adventure The Saga of Eric The Viking ist eines der frühen Spiele, die die Wikinger-Thematik aufgriffen. Wie in Text-Abenteuern üblich, stellte euch das Programm einfache Fragen, deren Antworten euch durch die Geschichte führten.
Ähnlich emotional, wenn auch deutlich robuster, präsentierte Entwickler SIE Santa Monica Studio den 2018 veröffentlichte Action-Reboot God of War, in dem sich der gealterte Held Kratos unter anderem mit Baldur herumschlägt und die prophezeite Ragnarök (Weltuntergang) abwenden muss. Und wo wir schon bei Actionspielen sind, da dürfen wir an dieser Stelle auch nicht Ubisofts Kampfsimulation For Honor (2017) vergessen, in der ihr ebenfalls Wikinger zu Felde führen könnt. Doch nicht nur große Studios greifen den Norden immer wieder auf, auch im Indie-Bereich gewinnt er stetig an Popularität. Am besten geschieht das zweifellos im taktischen Rollenspiel The Banner Saga (2014) und dessen Nachfolgern. Ähnlich wie die Der-Herr-der-Ringe-Bücher ist das Setting stark von der nordischen Mythologie inspiriert und baut mit Hilfe der toll gezeichneten Zwischensequenzen eine dichte Atmosphäre auf.
Quelle: PC Games
Auf den ersten Blick hatte der Action-Klassiker Max Payne nicht viel mit nordischen Sagen gemein. Allerdings tauchten überraschend viele Begriffe aus diesem Bereich auf und verliehen der Geschichte so Tiefe und Wiedererkennungswert.
Gleiches gilt für das wunderschön animierte Action-Adventure Jotun vom kanadischen Studio Thunder Lotus Games, in dem ihr als verstorbene Schildmaid Thora die Götter beeindrucken müsst, um Eintritt in Walhalla - laut der nordischen Mythologie der Ruheort der in einer Schlacht gefallenen Kämpfer - zu erlangen.
Auch Hollywood schaut hin
Dass nordische Mythen und Wikinger inzwischen derart im Mainstream angekommen sind, ist natürlich auch ein Verdienst der Filmindustrie. Serien wie Vikings oder The Last Kingdom locken die Massen ebenso an wie Fantasy-Dauerbrenner Game of Thrones, das bei der Darstellung seiner Völker ebenfalls Inspiration aus dem Norden bezieht. Und sicherlich hat auch der große Erfolg von Marvel-Filmen wie The Avengers und Thor einiges mit dem Vorstoß der Wikinger zu tun. Odins Sohn ist eine der prägenden Gestalten der Comic-Verfilmungen und weckte somit das Interesse an der nordischen Sagenwelt.
Für die nahe Zukunft jedenfalls planen die virtuellen Wikinger mit Titeln wie Hellblade 2: Senua's Saga oder dem bereits eingangs erwähnten Assassin's Creed: Valhalla die nächste Kaperfahrt. Der Norden bleibt uns also noch eine Weile als Spieleschauplatz erhalten und dürfte auch für zukünftige Abenteuer eine Reise wert sein.
