Millionen investiert, doch nichts ist passiert: Abgebrochene Spieleproduktionen
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Geheime Pitch-Demos, gescheiterte Produktionen, erfolglose Ableger: Es gibt unendlich viele Gründe, warum Spiele eingestellt werden. Erfahrt in unserem Report, wieso Spieleentwicklungen scheitern und was aus Fehlversuchen erwachsen kann.
Ihr habt doch sicher auch schon mal etwas probiert und dann hat es nicht geklappt, oder? Allerdings hat euch dieses Experiment dann höchstwahrscheinlich nicht eine Million US-Dollar gekostet. Genau so erging es Warner Bros. Interactive: Vor kurzem wurde bekannt, dass der Publisher im Jahr 2008 diese riesige Summe in eine Tech-Demo zu einem möglichen Spiel im Herr-der-Ringe-Universum investiert, diese dann jedoch nie der Öffentlichkeit gezeigt hat. Als Entwickler betraute man seinerzeit die Briten von TT Games, die Macher der bekannten Lego-Abenteuer.
Insgesamt entwickelte TT Games vier spielbare Demo-Abschnitte und nutzte dafür Peter Jacksons Filmtrilogie als Vorlage. Warner Bros. Interactive hoffte, dass man mit einer überzeugenden Präsentation den mexikanischen Star-Regisseur Guillermo Del Toro (Pans Labyrinth, Shape of Water) für die Entwicklung gewinnen könnte. Die Ideen hinter diesem frühen Pitch klingen jedenfalls verlockend: Jede Spielfigur würde Gameplay-Eigenheiten erhalten. Kontrolliert ihr Ringträger Frodo, wäre das Spiel ein Stealth-Abenteuer, als Aragorn hingegen eher ein klassisches Actionspiel.
Quelle: LucasArts
Das Biker-Abenteuer Full Throttle vob LucaArts erhielt bis heute leider keine Fortsetzung. Zugegeben, wirklich gut sieht das eingestellte Full Throttle 2: Hell on Wheels in den alten Aufnahmen wirklich nicht aus.
TT-Games-Mitgründer Jon Burton erklärte auf seinem YouTube-Kanal, dass er die Prototypen sogar Peter Jackson und Guillermo Del Toro in Neuseeland präsentiert hatte und die beiden recht angetan von dem Konzept waren. Ganz anders hingegen Warner Bros. Interactive: Der Publisher wollte keine Filmumsetzung, sondern ein Spiel, das zwar Tolkiens Werke als Vorlage nimmt, jedoch ein eigenes Universum kreiert. Daraus sollte später das von Monolith Productions entwickelte Mittelerde: Mordors Schatten werden. Immerhin ein versöhnliches Ende, entpuppte sich Mordors Schatten doch als famoses Action-Adventure.
Große Namen, keine Spiele!
Der Herr-der-Ringe-Prototyp ist indes nur das letzte Kapitel einer ganzen Reihe an Produktionen, die nie offiziell das Licht der Welt erblickten und schon im Vorfeld abgebrochen wurden. Gerade Lizenzspiele entpuppen sich oft als Wagnis für Publisher und Entwickler. Bereits in früheren Reportagen berichteten wir darüber, dass beispielsweise Blizzard vor der Entwicklung von Starcraft in Verhandlungen mit George Lucas stand und es so beinahe ein Star-Wars-Echtzeitstrategiespiel aus der Feder der Warcraft-Macher gegeben hätte. Doch wo wir gerade schon beim Thema Der Herr der Ringe waren, dürfen wir im Lizenzsektor natürlich nicht das 2006 von EA Redwood Shores (später Visceral Games) angekündigte The Lord of the Rings: The White Council vergessen. Das Spiel besaß sogar eine eigene Website, auf der sich Fans erste Artworks und sogar Tagebucheinträge der Entwickler anschauen konnten.
The White Council sollte ein Open-World-Spiel werden, in dem ihr wahlweise als Mensch, Zwerg oder Hobbit Mittelerde bereist. Nach der frühen Ankündigung jedoch herrschte zunächst langes Schweigen, ehe das Spiel Anfang 2007 offiziell auf Eis gelegt wurde. Als Gründe gab Publisher Electronic Arts unter anderem einen zu langsamen Fortschritt bei den Entwicklungsarbeiten und Managementprobleme an. Ein weiteres Herr-der-Ringe-Spiel sollte es in den Folgejahren mit The Lord of the Rings: Conquest aber dennoch geben, für das allerdings die Pandemic Studios (Star Wars: Battlefront, Destroy All Humans) verantwortlich zeichneten.
Quelle: Blizzard Entertainment)
Starcraft Ghost ist sicherlich eines der bekanntesten eingestellten Spiele. Der Stealth-Shooter war in der Entwicklung bereits weit fortgeschritten, kam aber nie auf den Markt.
Doch nicht nur Tolkiens Helden wurden schon einmal abgesägt, auch Marvels Avengers mussten bereits mehrfach klein beigeben. So fiel das Xbox-360-Actionspiel The Avengers im Jahr 2011 der THQ-Pleite zum Opfer; altes Gameplay-Material wurde jüngst auf YouTube veröffentlicht. 2010 sicherte sich das Unternehmen noch die Rechte an dem bekannten Marvel-Comic. Für die Entwicklung des First-Person-Games betraute man THQ Studio Australia und Blue Tongue Entertainment. The Avengers sollte die Stärken und Charaktere des Marvel-Universums auf Basis der Secret-Invasion-Geschichte hervorheben. Als Captain America hättet ihr den Schild geschleudert, als Hulk hättet ihr alles plattgewalzt.
Jedoch geriet THQ im Jahr 2011 in finanzielle Schieflage, nachdem unter anderem die Produktion des nur mäßig erfolgreichen Ego-Shooters Homefront und der uDraw-Tablets ein Loch in die Kasse rissen. THQ musste die angesprochenen Studios schließen. Diese wiederum baten Marvel um finanzielle Unterstützung, um das Avengers-Spiel fertigstellen zu können. Doch die Disney-Tochter lehnte ab, woraufhin das Projekt eingestellt wurde. Ubisoft sicherte sich im Nachgang die Konzepte und die Story des Spiels und machte daraus das 2012 für Xbox 360 und Wii U erschienene Marvel Avengers: Battle for Earth.
Klassiker für die Tonne
Und mit diesem ersten Disney-Verweis wagen wir einen kleinen Sprung rüber zu LucasArts: Bekanntermaßen schlossen die Micky-Maus-Erfinder das Kultstudio im Jahr 2013 - und das nur ein halbes Jahr, nachdem der Medienkonzern den Entwickler geschluckt hatte. Damit einher ging das Einstellen der Arbeiten an Star Wars 1313, das auf der Spielemesse E3 im Jahr 2012 vorgestellt wurde und auf der Unreal Engine basieren sollte.
Allerdings hatte auch LucasArts noch einige Spieleleichen im Keller, die nie auf den Markt kamen. Der prominenteste und vielleicht auch kurioseste Kandidat ist sicherlich Full Throttle 2: Anfang 2000 startete LucasArts mit der Entwicklung von Full Throttle: Payback. Auch wenn Full-Throttle-Schöpfer Tim Schafer nicht mit von der Partie war, so hatte man mit Larry Ahern und Bill Tiller zwei erfahrene Männer an der Spitze der Produktion. Doch zur damaligen Zeit lief es im Unternehmen alles andere als rund, und so verließen die beiden LucasArts bereits im Jahr 2001. Für Full Throttle: Payback fand man offenbar keinen gemeinsamen Weg, deshalb stellte LucasArts die Entwicklung ein.
Quelle: Moby Games
Zu The Lord of the Rings: The White Council gab es bereits eine eigene Website mit Artworks und Entwicklertagebuch. Mehr wurde daraus jedoch nicht.
Doch die Marke Full Throttle wollte man noch nicht beerdigen. Also wagte das Team 2002 mit Full Throttle: Hell on Wheels unter der kreativen Federführung von Sean Clark (The Dig, Indiana Jones and the Fate of Atlantis u.a.) einen zweiten Anlauf. LucasArts präsentierte auf der E3 2003 sogar eine spielbare Demo, erntete dafür aber teils harsche Kritik. Gerade technisch hinkte das Adventure der Konkurrenz hinterher. Infolgedessen stellte LucasArts kurze Zeit später ein zweites Mal in kurzer Abfolge einen Full-Throttle-Nachfolger ein. Die Marke selbst verschwand jedoch mit dem Ausscheiden von LucasArts nicht von der Bildfläche: 2017 veröffentlichte Tim Schafers Indie-Studio Double Fine Productions eine gelungene Remastered-Version des Biker-Abenteuers.
Eine weitere, nie erschienene Fortsetzung verbarg sich vor unser aller Augen: Mehr als acht Jahre befand sich ein mehrminütiges Gameplay-Video zu Prince of Persia: Redemption auf YouTube, ehe jemand darauf aufmerksam wurde. Dabei soll es sich - ähnlich wie bei den eingangs erwähnten Tech-Demos zu Der Herr der Ringe - um so genannte Pitch-Demos handeln. Oft arbeiten nur kleine Teams an derartigen Prototypen und schlagen diese dann später in internen Meetings vor. Prince of Persia: Redemption wurde leider nicht weitergeführt oder gar im großen Stil angegangen. Der letzte Ableger der Action-Adventure-Serie erschien 2010 und hörte auf den Namen Prince of Persia: The Forgotten Sands.
Quelle: Moby Games
Die Demo zur Sportsimulation NBA Elite 11 erntete ausschließlich negative Kritiken. Die Konsequenz: EA Sports verschob den Titel zunächst – und stellte ihn wenig später ganz ein.
Das harte Online-Geschäft
Dank Patches und Service-Gedanken sind Spiele in der heutigen Zeit sich stetig weiter entwickelnde Programme. Es gibt unzählige Fälle, in denen eigentlich enttäuschende Titel mit Zeit, Geld und Hingabe noch zu waschechten Hits heranreiften - wie beispielsweise No Man's Sky. Allerdings tauchen auch immer wieder umgekehrte Fälle auf: Titel, die mit großen Erwartungen starten und die dann niemand mehr spielt. Und so werden oftmals erst im Verlauf der Weiterentwicklung die Arbeiten an den Projekten eingestellt.
Zu einem der bekanntesten Flops der jüngeren Vergangenheit zählt sicherlich der Arena-Shooter Lawbreakers. Kult-Entwickler Cliff Bleszinski (bekannt für die Gears-of-War- und Unreal-Reihe) übernahm die Verantwortung und wollte einen vollkommen anderen Team-Shooter kreieren. Ein ambitioniertes Vorhaben, das jedoch ziemlich in die Hose ging: Nach dem schwachen Start am 8. August 2017 schob man die Schuld zunächst auf das übermächtige PUBG, musste jedoch schnell feststellen, dass sich schlicht zu wenig Spieler für Lawbreakers interessierten. Ein Online-Shooter ohne Spieler funktioniert eben nicht! Deshalb stellte man bereits im April 2018 die Weiterentwicklung des Titels ein. Schade eigentlich.
Fast im gleichen Zeitraum ereilte das bei Epic Games in Arbeit befindliche Unreal Tournament ein ganz ähnliches Schicksal. Doch in diesem Fall sorgte der Erfolg von Fortnite für Probleme. Offiziell stellte Epic die Entwicklung an Unreal Tournament im Dezember 2018 - und damit vier Jahre nach der Pre-Alpha-Version - ein. Die damals mit der Arbeit betrauten Entwickler wurden zugunsten weiterer Updates des Battle-Royale-Primus abgezogen. Wie und ob es mit Unreal Tournament in Zukunft weitergeht, steht in den Sternen. Übrigens ist der Arena-Shooter nicht das erste Spiel, das dank Fortnite unter die Räder kam: Bereits im April 2018 erwischte es das MOBA Paragon.
Quelle: LucasArts
Star Wars 1313 sah extrem vielversprechend aus. Jedoch stellte LucasArts das Spiel 2013 ein, ehe das Studio selbst von Disney geschlossen wurde.
Weniger konsequent präsentierte sich CCP Games, die Macher hinter EVE: Online. Das isländische Unternehmen versuchte bereits mehrfach, einen Shooter in dem überaus populären Science-Fiction-Universum zu platzieren. Der letzte Versuch hörte auf den Namen Project Nova und wurde im Dezember 2018 eingestellt beziehungsweise neu gestartet . Die offizielle Verlautbarung zum endgültigen Aus dazu erfolgte schließlich im Februar 2019 via Reddit. Allerdings ist Project Nova nicht das Ende der Shooter-Ambitionen von CCP: Man möchte auf der bisherigen Basis aufbauen und einen noch besseren MMO-Shooter entwickeln. CCP London ist für die Arbeiten an dem neuen Action-Ableger verantwortlich, Informationen über den Titel gibt es allerdings noch nicht. CCP hat nämlich laut eigener Aussage aus der Vergangenheit gelernt und möchte daher erst Details veröffentlichen, wenn sie auch wirklich spruchreif sind. Wieso Fans und Kritiker trotzdem skeptisch sind? CCP scheiterte bereits mehrfach an Shooter-Projekten wie etwa Dust 514, Project Legion oder eben Nova.
Und zu guter Letzt wäre da noch Titanfall Online. Das südkoreanische Entwicklungsstudio Nexon konzipierte und entwickelte den Shooter speziell für den asiatischen Markt. Trotz erster Beta-Tests und einiger Gameplay-Aufnahmen stellten Nexon und Electronic Arts das Projekt ein. Schließlich spiele man in Südkorea ohnehin eher mit mobilen Endgeräten, hieß es seitens der Verantwortlichen. Wann und wie übrigens ein Nachfolger zu Titanfall 3 kommt, ist bislang ebenfalls unklar. Entwickler Respawn Entertainment konzentrierte sich zuletzt stark auf den Battle-Royal-Shooter Apex Legends. Da schien für Titanfall 3 kein Platz zu sein.
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=B2TlrX41aco
Das Gameplay-Video zu Prince of Persia: Redemption lagerte bereits seit acht Jahren bei YouTube, ehe die Gaming-Welt darauf aufmerksam wurde. Der Prince-of-Persia-Nachfolger kam jedoch nie über diese Demophase hinaus.
To be continued ...
Wir hätten unsere Liste zu abgebrochenen Spieleproduktionen noch endlos fortführen können, haben aber bewusst nur einige besonders spannende Beispiele herausgepickt. Auf unserem YouTube-Kanal findet ihr gleich zwei Videos, die sich mit dem Thema beschäftigen. Darin findet ihr etwa Infos zu dem abgebrochenen Aliens-Rollenspiel von Obsidian, Blizzards Starcraft Ghost oder einer geplanten Fortsetzung von Star Wars: Knights of the Old Republic.
Bedauerlich, aber wohl gerade in der heutigen Zeit nicht zu ändern: Oft ist es für Spieleentwickler offenbar sicherer, die aktuelle Erfolgswelle zu reiten, anstatt unnötige Risiken einzugehen. Das Einstellen oder Abbrechen von Produktionen wird uns jedenfalls mit Sicherheit so lange begleiten wie es Videospiele gibt. Und mit Sicherheit wird auch in Zukunft so mancher Aufreger dabei sein!
