Der Kalte Krieg in Spielen: Die Angst vorm "bösen Russen"
Special
Nicht nur Call of Duty zieht euch in den Ost-West-Konflikt: Agenten, böse Russen und die Angst vor der nuklearen Apokalypse - wieso der Kalte Krieg in Computer- und Videospielen eine wechselhafte Rolle einnimmt.
"Dieser Krieg war eine Lüge. Jahre des Blutvergießens, nur um die Lunte eines geheimen Krieges zu zünden, der seit Jahrzehnten gärt", das waren die ersten Worte des Reveal-Trailers zu Call of Duty: Black Ops Cold War. Wenige Momente später sehen wir den einstigen US-Präsidenten Ronald Reagan. Er richtet sich in seiner Ansprache an die amerikanischen Mitbürger und erklärt, dass ein nuklearer Konflikt das Ende für die Menschheit wäre.
Entwickler Raven Software nutzt auch im fünften Teil der Black-Ops-Reihe die historische Zeit des Kalten Kriegs als Basis für die fiktive Kampagne seines Ego-Shooters: Schauplätze, Persönlichkeiten und Rückbezüge auf diese Zeit zum Unterfüttern des eigenen Narrativs. Diese Rechnung ging bereits vor Erscheinen des Spiels auf. Der angesprochene Ankündigungs-Trailer kratzt im offiziellen englischsprachigen YouTube-Kanal von Call of Duty inzwischen an der Marke von zehn Millionen Aufrufen. Die Verquickung von realer Geschichte und Black-Ops-Fiktion kommt offensichtlich gut an.
Was war der Kalte Krieg?
Der Kalte Krieg bezeichnet einen Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem sich der von der damaligen Sowjetunion angeführte Ostblock und die Westmächte unter den Vereinigten Staaten spinnefeind waren. Die auch in Black Ops bereits thematisierten Auseinandersetzungen wie etwa der Korea- oder der Vietnamkrieg gelten als sogenannte Stellvertreterkriege. In diesen ging es vor allem darum, die Macht des großen Gegners einzudämmen. Besonders bekannt ist der Kalte Krieg für die wenigen Male, als er "heiß" zu werden drohte - etwa während der Kubakrise im Jahr 1962. Der Kalte Krieg reichte historisch von 1947 bis 1991, prägte aber Generationen und deren Weltverständnis nachhaltig. Motive wie "der böse Russe" stecken bis heute in vielen Köpfen fest und spiegeln sich beispielsweise in den Actionfilmen der 1980er-Jahre wider.
Der Kalte Krieg diente somit im Verlauf der Videospielgeschichte nicht nur als beliebtes Setting, sondern hatte auch starken Einfluss auf die Anfangszeit des Mediums.
Quelle: ComputerHistory.org
In Spacewar! (1962) kämpften zwei Spieler mit ihren Raumschiffen gegeneinander. In Zeiten des „Space Race“ eine Anspielung auf das Klima zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.
Spiele und Politik
Eines muss an dieser Stelle klar gesagt werden: Videospiele entstanden zu Zeiten des Kalten Kriegs und verdanken ihre Ursprünge nicht umsonst dem Wettrüsten zwischen Ost und West. Das vielerorts als erstes Videospiel kategorisierte Tennis for Two wurde 1958 vom US-Physiker William Higinbotham am Brookhaven National Laboratory entwickelt. Als technische Basis dienten Higinbotham ein Analogcomputer und ein Oszilloskop, das sonst zum Messen und Darstellen elektrischer Spannung verwendet wurde. Die Anlage war mit fünf Metern so breit wie eine Schrankwand und gilt als Quasi-Vorgänger von Pong. Das System sorgte zwar für Furore, ist aber letztlich vor allem für seinen Pioniergeist bekannt.
Doch während sich Tennis for Two dem friedlichen Wettkampf hingab, geht das 1962 von Steve Russell entwickelte Spacewar! bereits in eine kriegerische Richtung. In diesem für zwei Teilnehmer spielbaren Weltraum-Shooter bekämpfen sich zwei Raumschiffe und müssen einander abschießen. Als Hardware kam damals ein PDP-1-Minicomputer am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) zum Einsatz.
Quelle: Moby Games
Besonders kritisch sah man damals etwa die dargestellte Attacke auf das russische Verteidigungsministerium, dass dem echten Staatsmuseum nachempfunden wurde.
Es war kein Zufall, dass Russell gerade diese Art von Titel programmierte. Zu dieser Zeit befanden sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion in der Anfangsphase zum Wettlauf ins All, dem sogenannten Space Race. Ein Jahr zuvor versprach US-Präsident John F. Kennedy, dass die USA "noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond" landen "und sicher zur Erde zurückbringen würden". Das Thema beschäftigte also die Menschen, und so war Spacewar! ein erstes Indiz dafür, wie stark Politik und das Weltgeschehen auch künftig Videospiele beeinflussen und verändern sollten.
Videospiele während des Kalten Kriegs
Um die Verbindung zwischen dem Kalten Krieg und Videospielen weiter zu beleuchten, müssen wir einen kleinen Zeitsprung in die frühe Boomphase des Gamings machen. Vom Ende der 70er bis Anfang der 90er lebten die Menschen noch mit dem Kalten Krieg und der möglichen Bedrohung durch einen großen Konflikt. Diese Angst manifestierte sich in den damaligen Games.
Missile Command von Atari etwa ist aus heutiger Sicht nicht viel mehr als ein simples Actionspiel, in dem man Raketen mit einem Fadenkreuz abballern muss. Letztlich digitalisierte das 1980 erschienene Arcade-Spiel aber die Konsequenzen eines "heißen Kriegs". Grafisch zeigt es lediglich die Silhouette einer Stadt vor einem schwarzen Himmel und schließlich die heranfliegenden Raketen und Bomber. Knackt ihr am Ende nicht den Highscore und rettet so nicht die Stadt, erscheint lediglich ein "The End" auf dem Bildschirm. Wenn man sich jetzt vor Augen führt, dass drei Jahre später ein Nato-Manöver beinahe in einem Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion mündete, wird einem ganz anders.
Quelle: Moby Games
Die Microprose-Simulation Red Storm Rising (1988) basierte auf dem gleichnamigen Roman von Tom Clancy. Der Spieler kontrolliert darin ein amerikanisches Atom-U-Boot. Die Aufgabe besteht darin, sowjetische Streitkräfte zurückzuschlagen und einen Raketenangriff zu verhindern.
Das 1984 für den C64 erschienene und von Access Software unter der Führung von Bruce Carver entwickelte Raid over Moscow griff das aktuelle Zeitgeschehen noch drastischer auf. In der Rolle eines US-Astronauten müsst ihr von der Sowjetunion abgefeuerte Langstreckenraketen an Bord eines Kampfjets abwehren. In späteren Missionen greift ihr das russische Verteidigungszentrum an. Als Vorlage für das Gebäude nutzte man damals das Staatliche Historische Museum Moskau. Und auch wenn ihr in der letzten Mission in einer Nuklearanlage lediglich gegen Roboter kämpft, so sorgte Raid over Moscow vielerorts für einen bitteren Beigeschmack.
Der amerikanische Held triumphiert schließlich über die feigen Russen und darf sich in einer Parade feiern lassen. In Deutschland landete Raid over Moscow 1985 auf dem Index. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) erklärte damals: "Die kriegsverherrlichende bzw. verharmlosende Tendenz dieses Computerspiels wird nicht dadurch abgemildert, dass der Spieler den Kampfauftrag verfolgt, um die westliche Heimsphäre zu retten." 2010 wurde Raid over Moscow nach 25 Jahren vom Index entfernt.
Quelle: Moby Games
Missile Command entstand laut Aussagen der Entwickler Dave Theurer und Rich Adam aus den Alpträumen von einem möglichen Atomkrieg heraus. (1)
In Finnland sorgte das Spiel sogar für einen kleinen politischen Skandal. Es gab nämlich einen offiziellen Protest seitens der Sowjetunion, das Spiel verbieten zu lassen. Schließlich sei es militärische Propaganda. Das wiederum generierte die Gegenreaktion - und Raid over Moscow wurde in Finnland zum Verkaufserfolg.
Es gab eine Reihe von Titeln, die in dieser Zeit in eine ähnliche Richtung gingen. Im Konami-Sidescroller Green Beret (1985) beispielsweise kämpft ihr euch als Elitesoldat durch scheinbare Horden russischer Soldaten. Selbst ein Spiel wie Street Fighter 2 griff 1991 noch auf diverse Klischees zurück: Capcom stellte etwa den russischen Wrestler Zangief als tumben Gesellen dar, der in einer Fabrikhalle vor jubelnden Arbeitern kämpft. Hammer und Sichel - das Symbol des Marxismus-Leninismus - sind hier nicht allzu weit entfernt. Auf Seiten der Amerikaner wiederum kämpfen mit Ken und Guile zum einen der Vorzeige-Ehemann und Vater, zum anderen der Elitesoldat. Beendet ihr das Spiel mit Zangief, taucht Michail Gorbatschow, der damalige Präsident der Sowjetunion, auf und gratuliert "seinem" Athleten zu diesem Erfolg. Danach tanzen beide den russischen Kasatschok. Mehr Klischee geht nicht!
Quelle: Moby Games
Versagt ihr in der finalen Mission von Red Storm Rising, übernimmt das Bündnis des Warschauer Pakts Europa und die Vereinigten Staaten. Die eigene Spielfigur landet als Kriegsgefangener hinter Gittern.
Der Kalte Krieg verklingt ...
Mit dem Zerfall des Ostblocks und dem Sturz der Berliner Mauer verlor der Kalte Krieg ab 1991 an Schrecken und damit auch an Reiz für die damals immer stärker aufkommende Spieleindustrie. Andere Feindbilder und reale Konflikte wie beispielsweise der Nahe Osten traten über die Jahre stärker in den Mittelpunkt; der Kalte Krieg avancierte sehr schnell zu einer verklärten Vergangenheitsvision. Sie stand für die Jahre der Geheimdienste, für Spezialagenten, krude Technologien und Charakterköpfe.
So gab es zwar immer wieder Strategiespiele, die den Kalten Krieg ernsthaft aufgriffen, wirklich populär wurde aber Command & Conquer: Alarmstufe Rot (1996) vor allem durch das schonungslose Überzeichnen des Ost-West-Konflikts. Hier reist ein Albert Einstein kurzerhand in der Zeit zurück, um Adolf Hitler zu ermorden, bevor dieser den Zweiten Weltkrieg anzetteln konnte. Das wiederum ließ jedoch die Sowjetunion erstarken, die in einem Dauerkonflikt mit den Alliierten steckte. Als die Sowjets schließlich in Europa einmarschierten, entbrannte der Krieg.
Entwickler Westwood übersteigert historische Figuren schamlos und verbindet sie mit eigenen Charakteren. So fungiert Kane, der Anführer der Bruderschaft von Nod, beispielsweise als Berater des sowjetischen Diktators Josef Stalin. Die inzwischen kultigen Zwischensequenzen strotzten vor bissigem Humor. Command & Conquer: Alarmstufe Rot und die beiden späteren Nachfolger waren eine Art Echtzeitstrategie-Satire, bei der man nicht nur das Taktik-Gameplay mochte, sondern vor allem wissen wollte, wie die schräge Geschichte weiterging. Der Kalte Krieg verbreitete hier keine Angst mehr.
Wandel der Zeit
Seit der Jahrtausendwende taucht der Kalte wieder häufiger in großen Produktionen und dabei teils in persiflierender, teils ernsthafter und teils lediglich in darstellender Form auf. Cate Archer, die smarte Hauptdarstellerin des Agenten-Shooters No One Lives Forever (2000), verschlägt es im zweiten und bis dato letzten Teil der Serie in den Kalten Krieg. Auch wenn dieser Teil längst nicht mehr so schrill und quietschig daherkommt wie noch der Vorgänger, lehnt sich No One Lives Forever 2: A Spy In Harm's Way (2002) stark an einschlägige James-Bond-Filme an. Innerhalb der Story nimmt das Abenteuer Bezug auf den Kalten Krieg: Zwischen den USA und der Sowjetunion beginnt nämlich ein Streit um den Inselstaat Khios. Die Terrororganisation H.A.R.M. gießt immer wieder Öl ins Feuer, und die Aufgabe von Unity-Agentin Archer besteht darin, die von H.A.R.M. gestartete Intrige aufzuhalten. No One Lives Forever 2 besitzt dabei weiterhin viel Humor, verwendet das Motiv des Kalten Kriegs letztlich aber zum Erhöhen der Dramatik. Das Schreckgespenst der nuklearen Apokalypse ist zwar da, besitzt jedoch aufgrund des vorherrschenden Humors nicht die Ernsthaftigkeit, die man erwarten könnte.
Anders dagegen beim 2004 veröffentlichten Metal Gear Solid 3: Snake Eater, in dem die japanische Entwickler-Ikone Hideo Kojima den Kalten Krieg nutzt, um die Hintergrundgeschichte von Naked Snake zu erzählen. Das Agenten-Setting eines Metal Gear Solid passt natürlich ausgezeichnet zum Szenario des Kalten Kriegs. Obendrein verleiht die Einbindung des realen Konflikts der teils arg überzogenen Story eine gewisse Glaubwürdigkeit.
Ganz ähnlich ging Raven Software, also das Team hinter Call of Duty: Black Ops Cold War, auch sein früheres Projekt Singularity an. Der 2010 veröffentlichte Shooter dreht sich um die geheimnisvolle russische Insel Katorga-12, auf der Zeitreiseexperimente durchgeführt wurden. Diese gingen natürlich schief, sodass die russische Regierung die dortigen Geschehnisse vertuscht. Jahrzehnte später lenkt ein von Katorga-12 ausgehender elektromagnetischer Impuls die Aufmerksamkeit des US-Geheimdiensts auf die Insel. Die Fronten sind also geklärt. Singularity greift das Setting mit teils angenehm selbstironischen Propagandafilmen und anderen Elementen auf.
Quelle: Moby Games
Der Kalte Krieg, die Sowjetunion und eine gehörige Portion Survival: Metal Gear Solid 3: Snake Eater gilt als der ungewöhnlichste Ableger der erfolgreichen Stealth-Action-Serie.
Und damit wären wir auch bei dem 2010 erschienenen und von Treyarch entwickelten Call of Duty: Black Ops angekommen. Treyarch macht aus dem Kalten Krieg einen heißen Shooter und baut reale Schauplätze wie Kuba, Vietnam oder auch die Gulags in der Sowjetunion als Schauplätze auf. Allerdings überzeichnet Call of Duty die Geschehnisse und das Szenario deutlich. Und genau das erwartet uns auch in Black Ops Cold War.
Mehr Bühne als echte Geschichte
Auffällig bleibt also die Veränderung in der Herangehensweise an das Thema "Der Kalte Krieg" in Video- und Computerspielen. In den 80ern spiegelten die dort veröffentlichten und entwickelten Titel noch sehr stark den Zeitgeist und auch die Angst vor dem Ausbruch eines dritten Weltkriegs wider.
Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks aber entspannte sich die Lage und es dauerte nicht lange, ehe man mit einem gewissen Augenzwinkern und teils sogar verklärter Nostalgie auf die Zeit zurückblickte. Später dann bedienten sich viele Spiele des Kalten Kriegs als bekannte Bühne zum Darstellen der eigenen Geschichte und ihrer Charaktere. Der Kalte Krieg prägt somit noch heute das Bild der Gaming-Landschaft - und wenn man ehrlich ist, auch noch einige Vorurteile und "Feindbilder" im eigenen Kopf.
