Kopierexzesse, Piraten-Sauna, Mikrowellen-Hamster und defekte Joysticks: Erinnerungen an den C64
Special
Am 12. Dezember 2019 erscheint der The C64, der in Originalgröße designte Nachfolger der Mini-Variante des kultigen 8-Bit-Heimcomputers. Anlass genug für unseren Autor Benedikt, sich an seine seligen Zeiten mit dem C64 zu erinnern.
Wenn ich an den Commodore 64, kurz C64, denke, dann denke ich an 5,25-Zoll-Disketten, gelocht und beidseitig bespielt. Wenn sie ganz neu waren, verströmten sie diesen unvergleichlichen Kunststoffduft. Wir tauschten auf dem Schulhof C64-Spiele wie andere heutzutage Nonsens in WhatsApp oder auf Facebook; wir waren die Kings of Copy. Das war damals völlig normal. Unschuldige Zeiten. Ich hortete meinen riesigen, prall gefüllten Diskettenkasten wie einen wertvollen Schatz.Zwar war ich unwissender Nachwuchs-Nerd zuerst auf den C16 hereingefallen, der meine digitale Evolution dennoch maßgeblich beeinflusst hat. Doch als ich meine genervten Eltern endlich von der Dringlichkeit eines C64-Upgrades überzeugt und den "Brotkasten" via SperrMüll-Gebrauchtkauf erworben hatte, gab es bei mir und meinen präpubertären Freunden kein Halten mehr. Der C64 sollte in den nächsten Jahren meine Spieleleidenschaft entfachen und meine Faszination für Technik im Allgemeinen befeuern. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass ich ohne den 8-Bit-Computer nie in meinem heutigen Beruf als Spielejournalist gelandet wäre.
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Pirates! statt Schwimmbad
Wenn ich an den C64 denke, dann denke ich an die Epyx-Meisterwerke Summer Games, Winter Games, World Games und California Games und stundenlange Joystick-Rütteleskapaden. An unzählige Fußballmatches in Microprose Soccer (beziehungsweise der Hallenvariante Indoor Soccer) und Emlyn Hughes International Soccer. Und an ausschweifende Pirates!-Sessions während eines brutal heißen Sommers des Jahres 1988. Die anderen im örtlichen Schwimmbad, wir in meinem einer Sauna gleichenden Zimmer vor dem alten Telefunken-Farbröhrenfernseher, schwitzend die Karibik erobernd.
Quelle: Moby Games
Mit Maniac Mansion zeigte Lucafilm Games (später LucasArts) im Jahr 1987, wie ein modernes Grafik-Adventure auszusehen hat. Die komfortable Steuerung, die genialen Rätsel, der herrliche Humor und die schicke Präsentation begeisterten Spieler wie Kritiker.
Pirates! ist für mich ohnehin eng verknüpft mit einem guten alten Freund, mit dem ich auch heute noch regelmäßig Retrogaming-Sessions zelebriere. Er die kopierte Papierkarte in der Hand, weil er die bessere Orientierung besaß und mich als strenger Navigator stets genau instruierte, wohin ich als Nächstes mit dem Pixelschiff tuckern sollte. Ich mit dem Joystick in der Hand, weil ich die Fechtkämpfe gegen die feindlichen Kapitäne deutlich besser draufhatte.
Wenn ich an den C64 denke, dann kommen mir meine ersten Erfahrungen mit Wirtschaftssimulationen wie Kaiser, Hanse und Die Fugger in den Sinn. Oder auch mein erstes Rollenspiel überhaupt, das daran schuld ist, dass ich dem Genre bis heute verfallen bin: Ultima. Später kämpfte ich mich dann stundenlang durch die Gegnermassen des famosen AD&D-RPGs Champions of Krynn. Pool of Radiance, ebenfalls von US-Entwickler SSI, habe ich damals leider verpasst, aber immerhin vor kurzem nachgeholt. Da fällt mir ein: Auch The Bard's Tale, einer der ganz großen C64-Rollenspielklassiker, ist leider komplet an mir vorbeigegangen - ich muss es bei Gelegenheit endlich mal spielen.
Quelle: Moby Games
Pirates! aus der Feder des kanadischen Entwicklers Sid Meier revolutionierte 1987 die Spielewelt mit seinem neuartigen Open-World-Ansatz. Als Freibeuter machte man die Karibik des 16. bis 18. Jahrhunderts unsicher.
Und dann erinnere ich mich natürlich noch an Maniac Mansion. Das wahrscheinlich beste C64-Spiel überhaupt! Was hat es uns damals umgeblasen. Coole Charaktere, geniale Rätsel und eine neuartige Point'n'Click-Steuerung - schnell waren vorherige Text-Adventure-Ausflüge à la Der Kleine Hobbit vergessen. Was hatten wir Angst vor Edna, wenn sie uns dann doch wieder erwischt hatte! Und tja, auch daran muss ich denken: "Benutze Hamster in Mikrowellen-Herd." Der arme Hamster ...
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Wenn ich an den C64 denke, dann fallen mir immer mehr Spiele ein, die ich bis heute in meinem Herzen trage und mit denen ich Hunderte vergnügliche Stunden verbracht habe: Elite, Zak McKracken, Decathlon, The Great Giana Sisters, Katakis, The Last Ninja, International Karate, Wasteland, Little Computer People, Loderunner, Spherical ... Seufz. Und mir fallen auch so viele Joysticks ein, die den Geist aufgaben - vor allem diese billigen Quickshot-Teile. Bis ich mir dann endlich einen Competition Pro zusammengespart hatte, danach war Ruhe. Der hielt ewig und machte dieses schöne "Klack"-Geräusch.
Quelle: Moby Games
Little Computer People von 1985 ist der Urahn der heutigen Sims-Spiele. Ziel des Spielers war es, mit dem Computermenschen zu interagieren und beispielweise mit ihm Karten spielen zu, ihm Wasser und Essen in den Kühlschrank zu stellen oder ihn zu bitten, den Hund zu füttern.
Ich besaß im Laufe meiner intensiven 8-Bit-Phase insgesamt drei verschiedene C64-Modelle - darunter die optisch modernere Variante C64C und einen aufgemotzten Luxus-C64 mit Turbolader für das VC-1541-Floppydrive sowie - absolut unverzichtbar! - einem Final-Cartridge-3-Steckmodul Ja, es waren verdammt gute Zeiten mit dem C64 - auch, weil man damals noch viel mehr zusammen vor dem Computer spielte. Das Internet und Online-Multiplayer lagen schließlich noch in weiter Ferne.
Wenn ich an den C64 denke, dann erinnere ich mich auch an den Beginn der Pubertät, daran, wie Wein, Weib und Gesang interessanter wurden. Und ein neuer Commodore-Computer: der Amiga. Doch das ist eine andere Geschichte.
