Die brutalen Rundenkämpfe in Norse punkten mit guten Ideen. Der Siedlungsbau fällt dagegen dürftig aus.
XCOM und die wilden Wikinger
Alle Gefechte laufen nach dem gleichen, rundenbasierten Muster ab und sind ein wenig von XCOM inspiriert. Jeder Charakter verfügt über Aktionspunkte, die man in Bewegung, Angriffe, Spezialmanöver oder defensive Haltungen investiert. Weil das allein aber arg ausgelutscht wäre, gibt's auch ein paar coole Extras, zum Beispiel können Schildträger ihre Gegner ein Feld zurückstoßen. Prallen die Feinde dann aufeinander oder in ein Hindernis, verlieren sie dadurch einen Lebenspunkt oder werden verwundbar. Auch die Umgebung muss man beachten, auf schlammigem Boden können alle Kämpfer beispielsweise ausrutschen, während Bogenschützen natürlich auf höhere Ebenen klettern sollten, dadurch verbessert sich ihre Trefferchance.
Deckung spielt dagegen nur seine sehr geringe Rolle, wichtiger ist eine kluge Positionierung. Manche Charaktere stärken ihre Kameraden mit defensiven Buffs, andere können Bonusangriffe bei ihnen auslösen. Interessant ist auch die Möglichkeit, einen Feind in einen Nahkampf zu verwickeln, dadurch hindert man ihn an der Flucht und macht ihn gleichzeitig verwundbar für Angriffe von der Seite. Manche Gegner hinterlassen auch Äxte, Steine oder Speere, die man dann als einmalige Sonderaktion auf Feinde schleudern kann - nicht zu unterschätzen!
Da jede Figur individuelle passive Boni hat, sollte man sich unbedingt mit ihren Werten auseinandersetzen, um all ihre Stärken auszuspielen. Manche Charaktere können sich zum Beispiel vor Angriffen schützen, andere heilen Lebenskraft bei kritischen Treffern oder füllen ihre Aktionspunkte wieder auf. Berserker stürmen über das halbe Schlachtfeld oder springen über Hindernisse hinweg.
Quelle: PC Games
Auf den ersten Blick wirkt die Benutzeroberfläche klar und aufgeräumt. Nach einer Weile bemerkt man aber einige Schwächen.
Und wer richtig plant und ein bisschen Glück hat, kann mehrere Angriffe zu ganzen Tötungsserien verketten, was besonders bei Bogenschützen richtig reinhaut. Viele Kills werden in dramatischen Animationen inszeniert, in denen Äxte, Pfeile, Klingen und Speere brutal ihr Ziel finden. Die derben Finisher fallen zwar sehr befriedigend aus, zeigen aber leider viele Schwächen im Detail: Immer wieder erkennt man da Animationen, die sichtbar ins Leere gehen, teilweise werden mit leeren Händen unsichtbare Waffen gekreuzt - da fehlt es eindeutig noch an Politur.
Es gibt noch andere Kinderkrankheiten, die tiefer greifen. Viele davon hängen mit der Benutzeroberfläche zusammen. Zwar hat man die meisten Infos ganz gut im Blick, doch von der Klarheit eines XCOM, Showgunners oder Hard West 2 ist Norse noch ein ganzes Stück entfernt. Reichweiten von Widersachern lassen sich zum Beispiel oft nur erraten. Häufig sind die Gegner zuerst am Zug und verpassen unserer Truppe empfindliche Treffer, noch bevor wir etwas dagegen tun können. Und auch manche Zahlen wie Charakterwerte und kritische Trefferchancen lassen sich nicht immer eindeutig ablesen. Hinzu kommen banale Bugs, die dann auch mal zu Fehleingaben führen oder die nicht korrekt anzeigen, wie viele Aktionspunkte als Nächstes verbraucht werden.
Quelle: PC Games
Vorne die Verteidiger, hinten Speerträger und Bogenschützen. Es gibt keine Magie in Norse.
Sicher: Nichts davon ist für sich genommen schlimm genug, um den Spaß ernsthaft zu ruinieren. Aber gerade in einem Genre, in dem es schon zig andere Spiele deutlich besser hinbekommen, müssen die Basics bei der Bedienung einfach sitzen. Das wird uns besonders in späteren Missionen bewusst, die im tiefsten Winter spielen. Auch hier nutzt das HUD weiße bis hellgraue Anzeigen. Dass die sich auf Schnee aber kaum abheben, dürfte wohl jedem einleuchten. Wie kann den Entwickler sowas nicht auffallen?
Siedlungsbau
Zwischen den Missionen kehrt Gunnars Kampftruppe in ihr Dorf zurück, das ihr regelmäßig ausbauen und erweitern müsst, um an neue Rohstoffe zu gelangen. Fischerhütten liefern zum Beispiel Nahrungsmittel, Holzarbeiter sorgen für Baumaterial und Näherinnen stellen Fasern her. Den Kram benötigt ihr beispielsweise, um neue Ausrüstung für eure Kämpfer herzustellen.
Doch den Großteil müsst ihr in weitere Gebäude-Upgrades investieren, die ihr aus einer schmucklosen Liste auswählt. Die meisten Gebäude und Verbesserungen werden mit der Zeit automatisch freigeschaltet, da ist also kaum Planung nötig, und wirklich gehaltvolle Entscheidungen gibt es auch nicht. Der Aufbau der Siedlung beschränkt sich darauf, ein paar Rohstoffe zu jonglieren und dann auf einem Kartenbildschirm so lange Spielzüge zu beenden, bis das Gebäude fertig ist.
Quelle: PC Games
Unser kleines Dorf wächst und gedeiht. Leider ist das Bauen auf eine simple Liste beschränkt.
Auf der Karte könnt ihr auch andere Siedlungen auswählen und dort ein paar Rohstoffe gegen Geld oder Ausrüstungsgegenstände tauschen. Alles Weitere regelt das Spiel für euch, indem es wichtige Story-Ereignisse automatisch auslöst. Dynamische KI-Gegner gibt es auch nicht. Das macht das Meta-Game leider ziemlich langweilig und repetitiv. Die Entwickler versprechen zwar gehaltvolle Entscheidungen im Spielverlauf, doch in unserer Spielzeit haben wir nichts davon gesehen. Es gab nur eine einzige (!) Nebenquest, in der man zwischen zwei Parteien wählen muss, doch Folgen hat das überhaupt nicht. Ansonsten: Keine Romanzen, keine optionalen Bündnisse, kein Verrat, keine Überraschungen.
Zwischen den Cutscenes gibt es auch keinerlei Story, die der Rede wert wäre: Jeden Tag geben ein paar Dorfbewohner nur ein paar Textfenster von sich, die aber null Relevanz für das Gameplay haben und die sich teilweise sogar wiederholen. Auch hier verschenken die Entwickler massenhaft Potenzial.
