Nintendo Labo VR Set im Test: Pappbastelei mit Stärken - und einer großen Schwäche
Test
Der bereits vierte Nintendo-Labo-Streich ist da und bringt etwas auf die Switch, was man dort bisher noch nicht gesehen hat: Virtual Reality! Mithilfe der inzwischen etablierten Papp-Konstruktionen verschiedenster Art und Weise vergnügen wir uns hier in diversen VR-Minispielen. Aber reicht die Hardware-Power der Switch für VR überhaupt aus - und macht das Ganze Spaß?
Nintendo macht VR! Nach Robo-Anzügen, lustigen kleinen Spielereien und einem Lenkrad bringt das inzwischen vierte Nintendo-Labo-Set Virtual Reality auf die Switch-Konsole. Ja, anders als bei der Hightech-Konkurrenz geht der Mario-Konzern quasi in genau die andere Richtung und setzt seinen Einstieg in die wundersame VR-Welt mithilfe von Papp-Konstruktionen um.
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Nein, normal geht bei Nintendo offenbar nicht und das geht bei den diversen Zusatz-Bauteilen weiter, welche im Nintendo Labo (jetzt kaufen 115,55 € ): VR Set enthalten sind. Da steckt nämlich nicht nur die VR-Brille drin, welche im Grunde ein Karton mit zwei Linsen ist, in welchen das Switch-Tablet gesteckt wird. Also ungefähr so, wie man das von Google Cardboard sowie den diversen Plastik-Peripherien für Smartphones kennt. Nein, zusätzlich stecken - und nein, das denken wir uns nicht aus - ein Vogel, ein Elefant, eine Kamera, ein sogenanntes Windpedal, die zwei Mini-Gerätschaften Windrad und Schnorchel und ein Blaster im Paket. All diese Gerätschaften werden unmittelbar vors Gesicht gepappt, denn sie werden direkt an die VR-Brille angebaut.
Wer keine Lust auf dermaßen ausgeprägten Karton-Wahnsinn hat, hat aber Alternativen zum Komplettset für knapp 80 Euro. Um 40 Euro bekommt man das sogenannte Basisset, in dem nur die Brille und der Blaster enthalten sind. Die restlichen Teile lassen sich dann in zwei Erweiterungspaketen zu jeweils 20 Euro dazukaufen.
Bastellastige Vorbereitungen
Quelle: PC Games
Die Aufbauanleitungen sind charmant geschrieben und überaus hilfreich umgesetzt.
Bevor gespielt werden kann, muss man erst einmal sein Basteltalent beweisen. Labo-typisch müssen alle Teile mithilfe von Pappteilen, Gummibändern, Singalstickern und Co. erst einmal zusammengebaut werden. Die interaktiven Bauanleitungen sind wieder einmal hervorragend gelungen und gehen auf wirklich jeden Aspekt des Konstruktionsvorgangs ein. Außerdem darf man jederzeit ein extrem detailliertes digitales Modell des gerade aktuellen Projekts frei bewegen und mit dem realen Gegenstück abgleichen. Hinzu kommt der nette Humor der Anleitungstexte.
Soweit, so gut, doch der Bauprozess an sich nimmt wieder einmal jede Menge Zeit in Anspruch. Um alle im Komplettset enthaltenen Einzelteile zusammenzusetzen, benötigt man gut und gerne fünf Stunden oder mehr. Wer schon bisher viel Labo-Kram gebastelt hat, mag hier inzwischen eine gewisse Ermüdung verspüren. Aber auch bei Erstbauern könnte der Prozess nach den vergleichsweise vergnüglichen ersten Stunden seinen Reiz verlieren. Bei Eltern, welche gemeinsam mit ihren Kindern basteln, ist davon auszugehen, dass die Jungs und Mädels irgendwann das Interesse verlieren und Papa oder Mama alleine weiterbasteln müssen.
Beeindruckendes aus der Kartonagenfabrik
Quelle: PC Games
Wer will, kann sich in einem simulierten Chat bezüglich der Features aller Labo-Teile schlau machen.
Einmal zusammengebaut, fällt die wieder einmal hohe Qualität der Papp-Modelle auf. Klar, es ist nur Karton, aber sollte man nicht gerade einen hyperaktiven Jüngling mit nassen Händen und unkontrollierbarem Zerreiß-Reflex zu Hause haben, so dürften die verschiedenen Einzelteile durchaus für lange Zeit ihren Dienst tun. Die Handhabung ist zudem denkbar einfach. Die Switch selbst wandert grundsätzlich immer in die VR-Brille, die Joy-Cons je nach Papp-Peripherie in spezielle Taschen an verschiedenen Punkten an den Geräten. Bei der Kamera etwa fungieren sie als Auslöser und Mittelteil des Objektivs, beim Vogel als Schnabel und beim Elefanten als zwei Teile des Rüssels.
Von Elefanten und Vögeln
Quelle: PC Games
Diese Blume haben wir selbst mithilfe unseres Rüssels gebastelt. Dazu an dieser Stelle keine weiteren Kommentare.
Jedes Gerät wird für eine bis zwei Anwendungen genutzt. Keine davon beschäftigt einen auf lange Zeit, doch alle machen sie durchaus Laune. Mit dem Vogel erforschen wir eine kleine Insel, sammeln Obst und andere Nahrungsmittel und füttern damit über das Eiland verteilte Vögel. Geflogen wird, indem wir mit den Flügeln des Vogels flattern, was lediglich erfordert, dass wir zwei Hebel an der Seite der Brille betätigen. Um zu steuern, gucken wir uns einfach um und fliegen dann in die entsprechende Richtung. Wer will, kann zudem Windpedal und Windrad für zusätzliche Moves nutzen. Alternativ können wir den Vogel in einer Art Rundkurs-Rennen steuern, in dem wir versuchen, unseren eigenen Highscore zu unterbieten.
Quelle: PC Games
Die Toy-Con-Garage bietet nun VR-Features, ist aber nach wie vor sehr kompliziert zu bedienen.
Der Elefant hingegen wird für ein Minispiel genutzt, indem wir frei im Raum schwebende Objekte nutzen, um eine Kugel vom Start zum Ziel zu befördern. Ein wenig erinnert das an eine Rube-Goldberg-Maschine. Dazu halten wir den "Rüssel" einfach fest, drücken einen Papier-Trigger, um Sachen aufzuheben, und ordnen sie mit dieser Art virtuellem Arm frei an. Das funktioniert erstaunlich gut und dank eines ordentlichen Umfanges mit vielen Levels kann man hier durchaus ein wenig Zeit verbringen. Allerdings stört es etwas, dass der Rüssel fest am Kopf verbaut ist, denn manchmal ist der Bewegungsradius in Relation zu dem, was manche Aufgaben von uns verlangen, etwas zu gering. Vielleicht sogar noch interessanter ist die zweite Verwendungsart des Elefanten. Ähnlich wie in Sonys Dream, aber natürlich mit viel weniger Funktionen, dürfen wir dort mit verschiedenen Stiften, Farben und Materialien frei Objekte in den Raum malen, mit Effekten versehen und sie anschließend bewundern. Für kreative Geister sehr reizvoll!
Fotos und auf Feinde schießen
Quelle: PC Games
In einem der Kamera-Minispiele erforschen wir ein Unterwassergebiet und fotografieren bestimmte Objekte und Fische,
Die Kamera erlaubt es uns, uns einerseits in einem virtuellen Unterwassergebiet im Meer und andererseits in einem kleinen Haus, in dem ein knuffiges kleines Wesen wohnt, umzusehen. Die putzige Kreatur und ihr Heim kennt man bereits aus anderen Labo-Sets! Hier geht es weniger um Geschicklichkeit denn um Beobachtungsgabe. So gilt es, bestimmte Fische oder Posen des Hausbewohners zu fotografieren, geheime Schätze zu entdecken oder das Verhalten der Kreatur mit allerlei unterschiedlichen Objekten zu beeinflussen. Anspruchsvoll ist das alles nicht, aber dennoch gehören diese Minispiele mit zu den interessantesten der Sammlung. Gerade der Unterwasser-Ausflug bietet eine sehr beruhigende Atmosphäre und die Hauptaufgabe von VR, nämlich das Gefühl zu vermitteln, man befände sich in einer virtuellen Welt, kommt hier besonders gut rüber.
Das Windpedal lässt genau eine Aktion zu: Draufsteigen! Daraufhin weht uns aufgrund der Bauart des Pedals ein leichter Windstoß entgehen, was jedoch hauptsächlich für ein eher belangloses Minispiel genutzt wird, in dem wir über herannahende Bälle springen, indem wir zutreten.
Quelle: PC Games
Das Fliegen per Labo-Vogel ist simpel, macht aber Laune.
Und schlussendlich ist da noch der Blaster, mit dem wir verschiedene Level in einer Art Lightgun-Shooter absolvieren. Wir ziehen den Vorderschaft zurück, woraufhin die Waffe einrastet und drücken dann den Abzug, sodass uns die Karton-Knarre dank einiger smart verbauter Gummibänder ein sehr nettes haptisches Feedback durch den zurückschnellenden Kolben gibt. Drücken wir den Abzug, ohne vorher zu laden, können wir Gegner anvisieren und sie mit einem anschließenden geladenen Schuss ausschalten. Sogar ein paar Bosse harren in diesem Modus unser und die Steuerung ist sehr präzise - nett!
Sonst noch was?
Quelle: PC Games
Diesen kleinen Knilch kennen wir schon aus anderen Labo-Sets. Im Grunde agiert er hier als eine Art VR-Tamagochi, welches wir fotografieren müssen.
Zusätzlich warten noch einige andere Mini-Anwendungen auf uns und, wie im Falle des Vogel-Ausflugs erwähnt, lassen sich manche Geräte kombinieren, doch die genannten Spielchen sind der Fokus des Spiels. Wer sich erst einmal an die verschiedenen Aufsätze und Spielarten gewöhnen will, der hat übrigens auch Zugriff auf diverse Mini-Anwendungen, in denen man die unterschiedlichen Funktionsweisen in aller Ruhe ausprobieren kann.
Quelle: PC Games
So sieht das Bild der Switch aus, wenn sie im VR-Dock steckt. Die Auflösung ist durch die Bildschirmteilung entsprechend gering.
Weiterhin gibt es wie in den bisherigen Labo-Spielen eine umfangreiche Datenbank, in der wir die verschiedenen Geräte und die Möglichkeiten, welche sie bieten, noch genauer kennen lernen. Und wer selbst etwas erschaffen will, ist wieder einmal in der Toy-Con-Garage gut aufgehoben. Diese erlaubt es uns, nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip unterschiedlichste Verhaltensweisen der Joy-Cons in Kombination mit den Labo-Pappen selbst zu programmieren. Das ist wie schon bisher ganz schön kompliziert und eher trocken präsentiert, belohnt aber kreative Spieler, die sich darauf einlassen. Absolut unverständlich ist, dass wir unsere Kreationen weiterhin nicht online mit anderen Labo-Besitzern teilen dürfen.
Virtual Boy reloaded
Quelle: PC Games
Bevor wir uns an die verschiedenen VR-Spiele wagen, können wir die Pappteile in speziellen Ausprobier-Missionen testen.
So weit, so überraschend hochwertig für ein VR-Erlebnis, das im Grunde hauptsächlich aus Papier besteht. Die Minigames werden niemanden umhauen und noch immer ist klar, dass der Fokus auf einer jungen Zielgruppe liegt - die übrigens vom Spiel in enervierend hoher Regelmäßigkeit daran erinnert wird, dass es an der Zeit sei, eine Pause einzulegen. Der Spaßfaktor ist aber nicht zu leugnen. Technisch fällt das Spektakel zudem bei weitem nicht so furchtbar aus wie befürchtet: Klar, die Auflösung ist sehr gering, doch das fällt einem im Eifer des Gefechts nur selten allzu störend auf und prinzipiell sehen die verschiedenen Minispiele grafisch ganz nett aus.
Quelle: PC Games
Mit dem Blaster gehen wir auf Alienjagd. Wie bei allen der Karton-Minispiele ist die Bewegungserkennung erstaunlich gut gelungen.
Allerdings, ein großes Manko haben wir bis jetzt noch nicht genannt: Es ist wirklich unbeschreiblich anstrengend, Labo VR mehr als nur ein paar Minuten zu spielen. Das liegt daran, dass das Headset über keine Bänder, Striemen oder eine sonstige Vorrichtung verfügt, um sie am Kopf zu befestigen. Sogar, wenn man Labo VR völlig ohne jeden weiteren Aufsatz nutzt, muss man sich die Brille vor das Gesicht halten. Das ist nicht nur umständlich, sondern geht auch schon nach kurzer Zeit ganz schön in die Arme. Zumal natürlich immer die Gefahr besteht, dass man das Gerät fallen lässt und die darin steckende Switch dabei eventuell Schaden nimmt. Klar, sich Karton vor das Gesicht zu schnallen, ist nicht besonders bequem und der Tragekomfort mit Bändern wäre wohl auf Dauer auch eine Qual. Dieser Nicht-Kompromiss, wegen dem ja auch alle Joy-Con-Vorrichtungen direkt an der Brille befestigt werden müssen, ist aber auch nicht die Lösung.
Was die VR-Zukunft bringt
Quelle: PC Games
Das Windpedal-Minispiel gehört mit zu den simpelsten im Paket. Einfach auf das Pedal treten und springen - mehr wird hier nicht geboten.
Das wird spätestens dann zum Problem, wenn The Legend of Zelda: Breath of the Wild und Super Mario Odyssey in einigen Wochen die mit Spannung erwarteten VR-Updates erhalten. Gut, beim Virtual-Reality-Ausflug ins Pilzkönigreich sind es nur ein paar Minispiele, die uns erwarten. Breath of the Wild wird aber zur Gänze in VR spielbar sein und da wird es schon nach kürzester Zeit zur Tortur werden, sich Switch samt Joy-Cons ständig vor das Gesicht zu halten. In dem Fall ist es wohl fast vernünftiger, auf einen Dritthersteller-VR-Einsatz aus Plastik zu warten, der mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann kommen dürfte. Nur so können wir uns Nintendos Switch-Ausflug in die VR-Welt mit Blick auf längere Spielesessions vorstellen.
