Kingdom Come Test: Simulation oder Spiel - Speichersystem - Schwierigkeitsgrad - Quests
Test
Mittelalter pur: Kingdom Come: Deliverance glänzt im Test mit einer stimmigen Welt, schönen Quests, toller Optik und einer klasse Vertonung!
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Auf unseren treuen Vierbeiner wollen schon nach wenigen Minuten nicht mehr verzichten: Das Pferdchen kommt auf Tastendruck zuverlässig zu uns geklappert, steuert sich ordentlich und hat obendrein eine nützliche Satteltasche, in der wir zusätzliche Beute verstauen können. Umso merkwürdiger erscheint es, dass sämtliche NPCs in Kingdom Come - egal ob Stadtwache, Bandit oder Adeliger - zu Fuß gehen! Nur sehr selten sind uns auch mal andere Figuren im Sattel begegnet, und das waren stets durchgeskriptete Szenen, die nichts mit dem normalen Spielalltag zu tun haben. Kurzum: Ein dicker Schnitzer für die sonst so gelungene Mittelalter-Atmosphäre und der beste Beweis dafür, dass Warhorse es mit der Glaubwürdigkeit auch nicht immer so eng sieht.
Simulation oder Spiel - Wie "hardcore" ist Kingdom Come?
Um die langen Laufwege nicht ausarten zu lassen, nutzt ihr idealerweise das Schnellreisesystem: Einfach auf der liebevoll gestalteten Weltkarte einen Reisepunkt auswählen, schon setzt sich Heinrich in Bewegung. Allerdings erreicht ihr nicht automatisch euer Ziel, sondern müsst zusehen, wie sich euer Männlein gemütlich über die Karte schiebt - eine gut getarnte Ladezeit, während der die Tageszeit verstreicht, Zufallsereignisse ausgelöst werden und euer Held mit der Zeit immer müder und hungriger wird. Letzteres ist ernst zu nehmen: Ein geschwächter Held hat im Kampf wenig zu melden und stellt sich auch in Dialogen ungeschickter an! Darum müsst ihr Heinrich regelmäßig füttern und für ein paar Stunden ins Bett legen, sonst drohen satte Debuffs.
Quelle: PC Games
Erfrischend: Kingdom Come kommt ohne Fantasy-Elemente aus und setzt ganz auf sein Mittelalter-Setting.
Auch andere negative Auswirkungen müsst ihr gelegentlich kurieren, etwa wenn Heinrich nach dem Saufen einen Kater hat oder er sich beim Sturz die Haxen verstaucht. Außerdem sollte man regelmäßig Heinrichs Klamotten im Zuber waschen und verschlissene Ausrüstung reparieren, sonst reagieren NPCs angewidert, unser Charisma-Wert sinkt und damit auch unsere Chance, einen Gesprächspartner zu überzeugen. Hat man sich aber erst mal daran gewöhnt, stören diese simplen Survival-Mechaniken überhaupt nicht - denn auch wenn es ihm oft nachgesagt wird, ist Kingdom Come keine beinharte Simulation für Hardcore-Spieler! Auch wenn manche Spielelemente also zunächst komplex erscheinen, sollte man sich davon nicht einschüchtern lassen - unter der Haube steckt immer noch ein typisches Open-World-RPG.
Wer speichern will, muss saufen
Quelle: PC Games
Das Pferd lässt sich trotz Ego-Perspektive prima steuern und kommt stets zuverlässig angetrabt.
Die wohl unbequemste Designentscheidung betrifft das Speichersystem: Kingdom Come sichert den Spielstand nur dann automatisch, wenn wir eine Quest beginnen oder abschließen oder wenn wir in unserem Bett schlafen! Eine Schnellspeicher-Funktion gibt es zwar, allerdings müssen wir dafür einen sogenannten Retterschnaps trinken. Leider ist der Fusel ziemlich teuer, bis man sich mehrere Fläschchen leisten kann, vergehen einige Stunden. Deshalb muss man entweder ständig ins Bett zurückkehren oder man riskiert, einen Teil seines Spielfortschritt zu verlieren! Mit diesem Speichersystem will Warhorse dafür sorgen, dass man im Zweifelsfall mit einer verbockten Entscheidung leben muss. Das ist auch okay, solange kein Frust aufkommt. Doch genau das geschieht, als wir ahnungslos im Wald unterwegs sind und zufällig auf gut gerüstete Banditen treffen. Da ist mit einem Schwertstreich eine halbe Stunde Spielzeit futsch! Nicht mal beim Verlassen des Spiels wird automatisch gespeichert, doch immerhin: Warhorse hat angekündigt, dieses Problem in Kürze mit einem Patch anzugehen.
Ebenso unverständlich: Es gibt nur einen Schwierigkeitsgrad. Natürlich ist das eine ebenso bewusste Entscheidung der Entwickler wie das Speichersystem - Warhorse will eben, dass das Spiel so gespielt wird, wie sie es beabsichtigt haben. Damit stoßen sie allerdings einige Spieler, die lieber ein entspannteres Erlebnis wollen oder nur über wenig freie Zeit verfügen, schlichtweg vor den Kopf.
Erst mal zum Wirt!
Immerhin hat das Ganze aber einen positiven Nebeneffekt: Da wie ohnehin häufig ein Bett zum Speichern brauchen, steuern wir immer wieder verschiedenste Gasthäuser in der Spielwelt an. Dort schalten wir nicht nur einen Schlafplatz frei und kaufen Proviant, sondern tratschen auch mit den Wirten. Die haben oft nützliche Informationen für uns, zum Beispiel dass sich einige Frauen im Dorf sich angeblich mit einer Hexe eingelassen haben oder dass einige Schlägertypen für Unruhe sorgen - für uns der Hinweis, dass hier neue Quests auf uns warten! Gelegentlich sprechen uns auch NPCs von alleine an und erteilen uns einen neuen Auftrag. Nett!
Abwechslungsreiche Quests mit Höhen und Tiefen
Quelle: PC Games
In vielen Quests können wir aus mehreren Dialogentscheidungen wählen, manchmal lassen sich Konflikte sogar komplett diplomatisch lösen.
Die meisten Quests hinterließen in unserem Test einen überraschend guten Eindruck. Obwohl viele Aufgaben als simple Botengänge oder Sammelaufgaben beginnen, entwickeln sie sich später oft noch zu kleinen und großen Geschichten, die mehrere Stunden in Anspruch nehmen können. Da sollen wir etwa Mohnblumen für einen Exorzismus sammeln, Bettler für unbeliebte Jobs anheuern, einen verschollenen Pater ausfinding machen, Verwundete im Kloster heilen, ein Festmahl für Flüchtlinge organisieren, das Müllersmädchen umgarnen oder einen Schmied zur Rede stellen, der angeblich unheilvolle Zauberformeln murmelt - das Angebot ist vielfältig! Auch im Rahmen der Hauptquestreihe erleben wir Denkwürdiges, etwa das feuchtfröhliche Treffen mit einem lässigen Geistlichen oder die Suche nach ein paar Pferdemördern, die sich zur stundenlangen, motivierenden Detektivarbeit entwickelt.
Die Aufgaben bieten oft sogar mehrere Lösungswege. Beispielsweise lassen sich viele NPCs in gut geschriebenen Dialogen überzeugen oder einschüchtern, sofern wir das Talent "Redekunst" geschult haben. Oft lohnt es sich auch, andere Charaktere um Rat zu fragen: Als wir etwa mehrere Banditen stellen sollen, merken wir, dass wir den Typen nicht gewachsen sind. Nach ein paar erfolglosen Versuchen kehren wir genervt zu unserem Questgeber zurück - und stellen fest, dass wir ihn um Verstärkung bitten können, die mit den Gaunern kurzen Prozess macht. Cool! Gestört haben uns allerdings die zeitlich begrenzten Quests, für die wir zu einem fixen Zeitpunkt einen bestimmten NPC treffen sollen - wenn wir die Gelegenheit verpassen, ist die Quest nämlich gescheitert. Blöd, wenn uns ausgerechnet dann eine Gruppe Banditen unterwegs windelweich prügelt oder uns eine Wache in den Kerker wirft!
Einen Tiefpunkt erleben wir in der Hauptquest "Feuertaufe": Da müssen wir zunächst ein verstecktes Banditenlager im Wald aufspüren und uns nachts ungesehen hineinschleichen, um die Gaunerbande auszuspionieren. Bis dahin haben wir noch Spaß! Doch kurz darauf stürmen wir mit anderen KI-Begleitern das Lager und es entbrennt eine bizarr designte Schlacht, in der die Kämpfer lustlos aufeinander einhauen, während die KI sichtbare Mühe hat, die ganzen Charaktere ordentlich zu lenken. Das würdelose Spektakel mündet in einem unfairen Bosskampf, der unvorbereiteten Spielern gründlich den Spaß verderben kann. Ebenfalls unschön: In unserer langen Spielzeit haben wir kaum Folgen unserer Questentscheidungen erlebt, auch die Hauptquest verläuft weitestgehend linear. Kein Vergleich zu The Witcher 3!
