Kingdom Come: Deliverance 2 feilt die richtigen Ecken des Vorgängers ab, ohne seinen Charakter zu verlieren. Herausgekommen ist ein großartiges Rollenspiel.
Da soll ich eine Witwe in einem Dorf finden, doch erwartet mich in ihrem Haus nur eine Blutlache. Was da vorgefallen ist, gilt es herauszufinden. Dann muss ich einen besoffenen Wildhüter Huckepack zu seinem Lager tragen und dabei aufpassen, dass er mir nicht in den Rücken kotzt. Jede Quest trifft dabei den richtigen Ton und bleibt stets motivierend, oder sie hängt mir zumindest so saftige Karotten vor die Nase, dass ich wie mein treues Pferd liebend gern immer weiterlaufe.
Das liegt aber auch an der tollen Inszenierung. Zwischensequenzen und Gespräche sind teilweise sehr lang. Ich habe also öfter mal das Gamepad weggelegt, gelauscht und gelegentlich eine Antwortmöglichkeit gewählt. Trotzdem wurde ich bestens unterhalten, denn die Dialoge sind großartig geschrieben. Die Entwickler verstehen es extrem gut, sowohl ernste Elemente wie die Suche nach den Mördern von Heinrichs Eltern, als auch alltägliche oder absurde Nebenquests auf natürliche Weise einzubetten. Mein Heinrich hat sich in den meisten Fällen exakt so verhalten, wie ich es erwartet habe.
Tote Augen mit tollen Sprechern
Einen ganz besonderen Shoutout muss ich aber der deutschen Synchro geben. Ich bin eigentlich ein Purist, der sich Filme, Serien und Spiele in Englisch zu Gemüte führt, wenn das die Originalsprache ist. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, wo ich die deutsche Vertonung bevorzuge, und Kingdom Come: Deliverance 2 (jetzt kaufen 45,91 € / 28,99 € ) reiht sich mühelos in diese Riege ein. Die Stimmen der wichtigsten Charaktere sind auf den Punkt besetzt, doch auch die Nebencharaktere überzeugen in den meisten Fällen.
Auch merkt man, dass die Texte umgangssprachlich und natürlich übersetzt wurden, die Sprecher ihre Texte mit dem nötigen Kontext vorgesetzt bekommen haben und trotzdem Freiheiten in der Vertonung hatten, um natürliche Gespräche zu erschaffen. Kurz gesagt: Stellt Kingdom Come 2 ruhig auf Deutsch. Ihr bekommt hier eine echte Qualitäts-Synchro.
Leider wird diese tolle Übersetzung von der Technik getrübt. Wie schon in Kingdom Come 1 machen die Gesichter außerhalb der Cutscenes Bethesda Konkurrenz. Sie sind einfach stocksteif und ausdruckslos. Da kann der NPC noch so mit den Armen fuchteln, ich kaufe ihm trotzdem nicht ab, dass er mich böse anschreit. Obendrauf kommt eine zwar etwas verbesserte, aber weiterhin mangelhafte Lippensynchronität. Das ist ärgerlich.
Doch über diese Mängel in der ansonsten tollen Inszenierung konnte ich irgendwann hinwegsehen, als ich endgültig in der Spielwelt abgetaucht bin, die die Entwickler einem hier auftischen. Als großer Gothic-Fan wurde mir bereits der erste Teil immer wieder ans Herz gelegt. Mit Kingdom Come 2 habe ich nun endgültig verstanden, warum.
Diese Spielwelt lebt
Bereisen darf man zwei große Open Worlds im virtuellen Böhmen. Am Anfang ist man noch in der eher ländlichen Region Trosky unterwegs, in deren Mitte die gleichnamige und wunderschöne Burg thront. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich erst nach zahlreichen Spielstunden in die zweite Region rund um die beeindruckende Stadt Kuttenberg entlassen und mir dort noch mal ein riesiger Spielplatz eröffnet wurde.
In der Stadt, aber auch auf dem Land, pulsiert das Leben. Zahlreiche NPCs gehen ihren geregelten und detaillierten Tagesabläufen nach und reagieren auf mich. Fuchtele ich mit einer gezogenen Waffe vor ihrer Nase herum, motzen sie mich an. Genauso sind sie auch nicht amüsiert, wenn ich mich in fremder Leute Häuser oder Taschen herumtreibe. Doch sie reagieren auch auf so alltägliche Dinge wie meine Klamotten oder wenn ich mich seit zehn Tagen nicht mehr gewaschen habe und stinke wie ein Schwein.
Quelle: Warhorse Studios
Das wirkt sich sogar auf die Skillchecks aus, die ich mit meiner Redekunst bestreite. Meine Einschüchterungsversuche sind eben überzeugender, wenn ich in blutüberströmter Rüstung vor einem stehe. Gleichzeitig habe ich bessere Chancen, jemandem zu schmeicheln, wenn ich gestriegelt und geschniegelt und in bester Ausgehkleidung auftrete.
