Selbstbewusst, als hätten sie ein echtes Meisterwerk auf Lager, haben uns die Warhorse Studios schon jetzt die Vollversion ihres neuen Mittelalter-Rollenspiel-Epos überlassen. Und womit? Mit Recht!
Bohemian Paradise
Apropos authentisch: Die Spielwelt sprüht nicht nur so vor Leben und Interaktionsmöglichkeiten, sie ist auch wieder ausgesprochen malerisch anzusehen. Da wäre Urlaub durchaus vorstellbar, vielleicht sogar eine Zeitreise! Die große Grafikrevolution findet im neuen Königreich zwar nicht statt, aber es ist alles noch eine Ecke hübscher und detaillierter als im Vorgänger.
Die CryEngine glänzt immer noch mit ihrer natürlichen Beleuchtung, extrem dichter Vegetation und realistischer Landschaftszeichnung. Soll heißen: Kingdom Come 2 kann sich echt sehenlassen. Auch, wenn so manches Defizit aus dem Vorgänger nicht so gut ausgebügelt wurde, wie ich es mir gewünscht hätte.
Damit meine ich vor allem die Gesichter der Figuren, denn die sind immer noch recht steif und nicht sonderlich ausdrucksstark. Zudem laufen offenbar jede Menge eineiige Zwillinge in Böhmen herum. Immerhin wurden aber Animationen und Kleidungsphysik verbessert.
Das sehr ähnliche Technikgerüst bedeutet auch, dass das Spiel auf moderner Hardware sehr viel besser läuft als sein Vorgänger auf den damals aktuellen Systemen. Ein richtiges Technikfazit muss ich euch noch schuldig bleiben, weil ich in 20 Stunden noch keine richtig großen Städte oder viele Setpieces gesehen habe.
Aber die Eindrücke, die ich auf zwei verschieden starken PCs und einem Steam Deck sammeln konnte, sind sehr positiv. Es zeichnet sich bereits ab, dass viele NPCs auf einem Haufen wieder anspruchsvoll für die Hardware sind, aber nicht einmal auf dem Steam Deck ist die Performance dadurch bisher in unspielbare Bereiche gerutscht. Deswegen bin ich optimistisch, dass das Spiel auf vielen Systemen gut laufen wird.
Die Konsolen geben ebenfalls ein tolles Bild ab, die Kollegen, die dort testen, sehen allerdings noch ein paar mehr kleinere Glitches und Nachladestotterer als ich in meiner PC-Version.
Quelle: Plaion
Nun war Kingdom Come schon immer ein sehr hübsches Spiel, aber Warhorse hat sich beim ersten Teil keinen Gefallen damit getan, ihn in einem offensichtlich unfertigen Zustand zu veröffentlichen. Jetzt sieht die Lage zum Glück deutlich besser aus - hier und da gibt's mal Clipping-Fehler oder auf den Konsolen sehr vereinzelt Elemente, die nicht richtig geladen werden.
Mir fällt außerdem zunehmend auf, dass in den Untertiteln oft andere Formulierungen verwendet werden als von den Sprechern, was idealerweise bis zum Release noch behoben werden sollte. Aber ansonsten macht KCD2 für ein Werk dieser Größe einen überraschend sauberen Eindruck.
Hardcore Henry
Gröbere Bugs sind uns in der Redaktion bisher nicht untergekommen, und das ist hier doppelt wichtig, weil das Spiel wieder auf ein spezielles Speichersystem setzt. Es braucht einen besonderen Trank, der entweder teuer gekauft oder selbst gebraut werden kann, um einen Spielstand zu sichern.
Außerdem wird beim Schlafen im eigenen Bett, beim Erledigen vieler Questziele oder bei der Rückkehr ins Hauptmenü gespeichert. Wenn ich etwas plane, das gefährlich werden könnte, muss ich mich also vorbereiten, damit ich nach einem Scheitern nicht viele Minuten zurückgesetzt werde. Das wird nicht jedem schmecken, denn komfortabel geht anders. Aber schnell und komfortabel will das Spiel eben auch nicht sein.
Heinrich muss essen, er sollte sich und seine Kleidung regelmäßig waschen, um mehr Charisma auszustrahlen, seine Rüstungen reparieren und seine Waffen schleifen, er muss seine Wunden verbinden und möchte gerne in halbwegs gemütlichen Betten schlafen, und das am besten täglich. Für vieles davon gibt es liebevolle Animationen - Heinrich blinzelt zum Beispiel sogar, wenn er sich am Trog eine Handvoll Wasser ins Gesicht wirft.
Für das meiste gibt es leicht zu verstehende Anzeichen, und die Survival-Aspekte bringen mich nie wirklich in die Bredouille, aber ich muss eben doch auf mich aufpassen und mich immer wieder mit der Spielwelt auseinandersetzen, was die Immersion enorm bereichert.
Verbrechen lohnt sich
Ohnehin muss ich hier im Vergleich zu anderen Rollenspielen auf sehr viele Dinge achten, vor allem, weil sich der Heinrich, den ich spiele, seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit dem guten, alten Fünffingerrabatt verdient. Da reicht es nicht, sich nur auf eine Sichtbarkeitsanzeige zu verlassen, wenn ich ins Haus eines unbescholtenen Bürgers einbreche.
Meine Kleidung muss unauffällig und dunkel sein und sollte möglichst wenig klimpern, das Kettenhemd mit der Plattenrüstung drüber fällt also weg. Weil sich bis zu drei Kleidungsslots anlegen und bei Bedarf wechseln lassen, bin ich da aber stets flexibel.
Außerdem muss ich das Schlösserknacken üben, bevor ich so leise mit dem Dietrich sein kann, dass ich damit niemanden aufwecke. Am besten schlafen die Leute nämlich, denn wenn sie wach sind und ich auch nur in der Nähe bin, sobald sie den Diebstahl bemerken, dann können sie schlussfolgern, dass ich der Übeltäter bin.
Den Kram in der gleichen Stadt zu verkaufen, aus der er stammt, ist auch keine gute Idee. Ich muss irgendwo hin, wo niemand die Besitzer kennt, oder lange genug warten, bis das Verbrechen "verjährt" ist, bevor ich mich damit zeigen kann.
Dann gibt's da noch zufällige Kontrollen durch Wachen, wenn mein Ruf schlecht ist, die Pflicht, nachts eine Fackel zu tragen, die Möglichkeit, Tränke und Gifte ins Essen der Leute zu mischen, oder - eins meiner Lieblingsfeatures - Wachhunde mit Fleisch abzulenken, damit sie nicht bellen und ihre Herrchen aufwecken.
