Selbstbewusst, als hätten sie ein echtes Meisterwerk auf Lager, haben uns die Warhorse Studios schon jetzt die Vollversion ihres neuen Mittelalter-Rollenspiel-Epos überlassen. Und womit? Mit Recht!
Hört, hört, Gefolge: Der kühne Heinrich von Skalitz und sein Herr Hans Capon erleben schon bald ihr neues Abenteuer, und jeder gottesfürchtige Spieler ist eingeladen, ihnen zu folgen! Kingdom Come: Deliverance 2 schickt sich an, seinen gar tollen Vorgänger gebührend zu beerben, und wir haben schon jetzt den Boten mit der Vollversion des Spektakels an unseren Toren empfangen. Selbstbewusst sind sie also, die Gaukler bei Warhorse Studios.
Gleichwohl stellt sich die Frage, ob seine neueste Lustbarkeit dem Studio zu mehr Ehre gereicht, oder ob der Ausritt ins Böhmische Paradies doch eher zur Hanswurstiade verkommt. Wohlan denn, so lasset uns den letzten Ausblick wagen!
Vom Regen in die Schei...
Mich dünkt, ihr wollt mich in den Kommentaren schon als Dirnensprössling schmähen, wenn ich die Blödelei nicht alsbald sein lasse. Ja gut, okay, ich hör schon auf. Aber in den 20 Stunden, die ich bisher in Kingdom Come 2 (jetzt kaufen 45,91 € / 28,99 € ) verbracht habe, hat mich das mittelalterliche Setting ganz ohne Fantasy einfach schon wieder völlig in seinen Bann gezogen.
Der Spieleinstieg ist Warhorse richtig gut gelungen, und das klappt, obwohl der Vorgänger schon so lange her ist und das neue Spiel direkt nach dessen Ende ansetzt.
Die zentrale Beziehung ist erstmal die zwischen dem Protagonisten, Heinrich, mit dem ich mich beim letzten Mal äußerst mühsam aus der Gosse zum Ritter hochgearbeitet habe, und seinem adeligen, besten Freund Hans Capon.
Die beiden sollen in den neuen Ländereien eigentlich nur ein Friedensangebot an einen Burgherrn überbringen an dann wieder abdampfen. Weil hier aber auch noch ein an die hundert Stunden langes Rollenspiel stattfinden soll, ist das alles natürlich nicht so einfach, wie es klingt.
Weiberheld Hans und der widerwillige Heinrich versuchen, ein paar Frauen am Fluss nachzustellen, und bekommen dadurch nicht mit, wie ihr Lager von mysteriösen Kämpfern aufgerieben wird, über die hier niemand so wirklich Bescheid zu wissen scheint.
Das riecht doch direkt nach einer adeligen Verschwörung, das Nachforschen und die Mission muss ich allerdings erstmal hintenanstellen, weil Hans und Heinrich bei der resultierenden Verfolgungsjagd ordentlich Federn lassen. Schwer verletzt und all unserer wertvollen Ausrüstung beraubt, landen wir in der Hütte einer Kräuterfrau, die uns langsam wieder aufpäppelt.
Quelle: Plaion
Zu allem Überfluss wurde uns auch noch der Brief abgeluchst, der uns als Boten kennzeichnet, und wir sehen beide, gelinde gesagt, ganz schön fertig aus. Vor den Toren der Burg, in die wir den Brief bringen sollten, wird der sonst so feine Herr Capon von den Wachen erstmal mit einem Eimer Jauche begrüßt.
Ach ja, und wenig später landen wir dann auch noch am Pranger, weil sich Hans in der nächsten Schänke unbedingt noch mit der Oberschicht anlegen musste.
Es hat fast etwas von einem mittelalterlichen Hangover - also der Filmreihe -, was die beiden in den ersten Stunden durchmachen müssen, und KCD 2 ist so charmant geschrieben, vertont und inszeniert, dass es großen Spaß macht, sich den Schlamassel anzusehen.
Die Freundschaft zwischen dem einfachen Kerl, der die ganze Drecksarbeit machen muss, und dem verzogenen Adeligen, der das bei jeder Gelegenheit raushängen lässt, ist wie im Vorgänger ein echtes Glanzlicht in der Story. Die Lippensynchronisation hat Warhorse diesmal auch besser in den Griff bekommen, sodass ich die tolle deutsche Tonspur hier guten Gewissens empfehlen kann.
Mittellos und allein - Wie ein Rollenspiel anfangen muss!
Am Ende des Intros zieht Hans dann erstmal genervt davon, und das nicht nur, weil ich ihm in den Dialogen öfters mal Paroli geboten habe. Hier beginnt auch erst das eigentliche Spiel: Ich bin komplett am Ende, habe keinen müden Groschen in der Tasche, die Leute halten mich für einen Landstreicher, weil ich auch wie einer aussehe, und ich bin erstmal auf mich allein gestellt.
Mit den schweren Verletzungen im Intro erklärt das Spiel auch die Tatsache, dass ich meinen Charakter in den nächsten vielen dutzend Stunden wieder hochzüchten muss.
Quelle: Plaion
Ja, Heinrich fängt hier quasi wieder bei null an. Er kann zwar immerhin noch lesen und das Intro lässt mich über clever in Dialogen verpackte Entscheidungen ein paar Startpunkte verteilen, aber ansonsten muss ich die Kingdom-Come-Schulbank nochmal drücken. Gut, ich würd's auch gar nicht anders wollen. Die Reise vom Bordstein zur mittelalterlichen Skyline ist hier schließlich das halbe Erlebnis!
Man sollte sich nur einer Sache bewusst sein: Es ist trotz des realistischen Anspruchs und der scheinbar sehr Skill-basierten Systeme ein Rollenspiel, das vor allem über Attribute und Ausrüstung funktioniert. Kämpfen, Schleichen, Schlösserknacken, Bogenschießen - nichts davon klappt so richtig, bevor Heinrich genügend Erfahrungen gemacht oder sie sich angelesen hat und außerdem das passende Equipment trägt.
Anfangs kann das frustrierend sein, und das wohl mit Absicht, aber KCD2 gibt sich auch Mühe, den Einstieg nicht allzu überfordernd zu machen. Das Intro führt langsam an die wichtigsten Systeme heran und die Ecke der offenen Spielwelt, in der ich danach strande, ist ein recht friedliches Fleckchen, wo ich mich ohne große Gefahren erstmal ausprobieren kann.
Ich bekomme auch gleich zwei Richtungen, die ich nun einschlagen könnte: Mein Ziel ist es, auf eine Hochzeitsfeier zu gelangen, um dort den Burgherren, für den wir hier sind, und hoffentlich auch Hans zu treffen. Mir wird gesagt, dass ich entweder beim örtlichen Schmied oder beim Müller versuchen könnte, an eine Einladung zur Party zu kommen.
Weil mein Heinrich schon im ersten Teil mit dem diebischen Müller zusammengearbeitet und nachts das eine oder andere Haus leergeräumt hat, mache ich mich schnurstracks auf den Weg zur Mühle. Und siehe da: Auch Müller Kreyzl in Kingdom Come 2 hat wieder einen Sidehustle als Bandenboss am Laufen. Trotzdem muss ich erstmal Mehlsäcke schleppen, um mir sein Vertrauen zu verdienen, und das wird gnadenlos durchexerziert. KCD2 ist, wie sein Vorgänger, ein gemütliches Rollenspiel, bei dem das Pacing gerne mal zugunsten einer höheren Authentizität gebremst wird.
