Zwischen Gamergate und Woke - Der interessante Fall von Kingdom Come: Deliverance
Kolumne
Manchmal schieben wir Spiele in eine politische Ecke, ohne sie von allen Seiten zu betrachten. Wie schnell Kingdom Come: Deliverance von ganz rechts nach ganz links wanderte, beweist aber, dass es nicht immer so einfach ist.
Kingdom Come: Deliverance 2 ist echt 'ne Wucht! So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr in einem Rollenspiel - ja, selbst Baldur's Gate 3 konnte ich nur wenig abgewinnen. Dass ich in KCD2 überhaupt reingespielt habe, war eher zufällig und hat mehr mit meinem Job zu tun als damit, dass ich so ein großes Interesse am mittelalterlichen Böhmen hätte. Als großer Fantasy-Fan war das Fehlen von Drachen, Zwergen, Elfen und Magie ein ausschlaggebender Punkt für mich, vor rund sieben Jahren nicht zuzugreifen, als der erste Teil von Kingdom Come: Deliverance erschien.
Aber vor allem schreckte mich die ganze Kontroverse ab, die ich am Anfang meines Journalismusstudiums mit zwei Aushilfsjobs und wenig Energie für mediale Kulturkämpfe eher so am Rande mitbekommen habe. Trotzdem kamen auch bei mir einige der heißesten Infos an. Erstens: Der Spieldirektor Daniel Vávra trug während eines Interviews ein T-Shirt eines bekennenden Rassisten und Metal-Musikers. Und zweitens: Es schafften keine schwarzen Figuren ins Spiel. Zwei Umstände, die aber auch eine Gegenseite haben. Für Ersteres entschuldigte sich der Spieldirektor. Zweiteres begründete das Studio damit, dass es zu der Zeit einfach keine schwarzen Leute in der Gegend gegeben habe, in der Kingdom Come spielt, und man sich an die historischen Fakten halten wolle. Diese Aussage stand dann wiederum in der Kritik, weil laut einiger Internetnutzer durchaus schwarze Personen im mittelalterlichen Europa existiert hätten.
Quelle: Warhorse
Das war der Moment, als ich aus dem Diskurs ausgestiegen bin, weil er zunehmend unübersichtlich und emotional wurde. Um keine Position in einer Debatte einnehmen zu müssen, in der für mich nicht so wirklich klar war, wer nun übertreibt, was gesagt hat und welcher Historiker nun recht hat, traf ich den Beschluss, an Kingdom Come generell nicht interessiert zu sein. Jeden neuen Tweet und Artikel konnte ich von da an mit einem augenrollenden "Aha" und seufzenden "Tja" abtun und endlich das Browser-Fenster mit den pulssenkenden Meditationsübungen schließen, das ich bis dahin offen hatte.
Kein Weg an vorbei an Kingdom Come
Nun habe ich aber aus Versehen doch Gefallen an KCD gefunden und muss mich nun nachträglich mit der vor allem nervigen Kontroverse auseinandersetzen. Kunst und Künstler gehören meines Erachtens nach zusammen und eine echte Trennung erfolgt in der Regel erst, wenn der Erschaffer von seiner Kreation nicht mehr profitiert. Also zum Zeitpunkt seines Todes. Natürlich gibt es auch genügend Leute, die einen feuchten Dreck darauf geben, wer was gemacht hat. Die Argumentation dahinter: Wenn jemand tatsächlich ein Vergehen begangen hat, ist es Aufgabe des Justizsystems, die Person zu belangen, und nicht die des Konsumenten, ein persönliches Embargo auszusprechen.
Die entsprechende Frage danach, ob gesellschaftliche Verantwortung an Individuen weitergegeben werden sollte, hat am Ende kein "Richtig" oder "Falsch". Genauso wie die Frage danach, ob man Kunst und Künstler trennen kann. Wem das nicht gelingt, sollte nicht gezwungen sein, mit Medien zu interagieren, mit denen er sich schlecht fühlt. Andersherum verstehe ich auch, wenn jemand seine Lieblingsmusik weiterhört, auch wenn der Sänger sich als gesellschaftlicher Bodensatz entpuppt. Medien sind schließlich was total Persönliches und Emotionales, mit dem wir in der Regel sehr viel mehr verbinden als den Künstler - es gibt schließlich auch Leute, die überhaupt nichts über die Urheber ihrer Lieblingswerke wissen.
Ich persönlich mache das von Fall zu Fall anders und wie ich es vor mir selbst und meinem Gewissen vereinbaren kann. Mit Kingdom Come: Deliverance finde ich es aber gar nicht so einfach, ein Urteil zu fällen. Ja, der Game Director hat ein moralisch fragwürdiges Fan-Shirt getragen. Dabei ging es Herrn Vavra aber um das abgebildete Album und nicht den Künstler dahinter: Entschuldigt hat er sich und selbst erkannt, dass das keine schlaue Idee war. Und die ganze Debatte um schwarze Menschen im Mittelalter ist auch nicht so leicht, wie das manchmal so hingestellt wird.
