Zwischen Gamergate und Woke: Der interessante Fall von Kingdom Come: Deliverance

Kolumne Antonia Dreßler
Zwischen Gamergate und Woke: Der interessante Fall von Kingdom Come: Deliverance
Quelle: PC Games

Manchmal schieben wir Spiele in eine politische Ecke, ohne sie von allen Seiten zu betrachten. Wie schnell Kingdom Come: Deliverance von ganz rechts nach ganz links wanderte, beweist aber, dass es nicht immer so einfach ist.

In einem Anfall von "Ich will das jetzt wissen" habe ich lange recherchiert und gebe euch hier meine Recherchen zum Thema Schwarze im mittelalterlichen Böhmen weiter (und nicht einfach nur, weil ich klugscheißen will):

Gab es Schwarze im Böhmen um 1400?

Es gab zwar bereits rund um das Jahr 1400 (der Zeitraum, in dem KCD spielt) Schwarze in Europa - aber vor allem in Italien, Spanien, Portugal und Frankreich. Nur wenige schafften es bis in die Schweiz und noch einmal weniger nach Deutschland, es gibt aber keine Aufzeichnungen schwarzer Personen in Böhmen zu dieser Zeit. Was es gibt, ist ein Gemälde eines Schwarzen, das zur Zeit von Kingdom Come in Böhmen prominent in der Schlosskapelle von Karlstein zu sehen war. Zwischen 1360 und 1365 entstand ein Bild des heiligen Mauritius, der seit dem vierten Jahrhundert in großen Teilen Europas als heilig verehrt wurde. Doch obwohl Mauritius laut seiner Legende aus Ägypten kommt, waren seine Abbildungen nicht immer schwarz.

Abbild des heiligen Mauritius in der Burgkapelle von Karlstein. Quelle: Dittrich Theodorik (1365) via Wikimedia Commons Abbild des heiligen Mauritius in der Burgkapelle von Karlstein. Erst zu Zeiten der Kreuzzüge, als es immer beliebter wurde, anderen zu erklären, wie sie zu leben und zu denken haben, fing die christliche Kirche an, Mauritius mit dunkler Hautfarbe abzubilden. Das ist bemerkenswert, denn Christen wurden in der Regel immer mit heller Haut dargestellt - unabhängig, ob es sich um tatsächlich Weiße gehandelt hat. Entsprechend ging es nicht darum, den Heiligen möglichst real darzustellen, sondern zu "beweisen", dass das Christentum auch nach Afrika gehört. Da mehrere Kreuzzüge bereits in Ägypten ihr Ende nahmen, spekulieren Forscher, dass die Darstellung von Mauritius als Schwarzer für die Kirche eine Art Notwendigkeit darstellte, Gesicht zu wahren und über ihre Niederlagen hinwegzutäuschen.

Daraus könnte man nun mitnehmen, dass die Kirche schon vor 800 Jahren ein woker Haufen war, der aus rein politischen Gründen Personen schwarz gemacht hatte - allerdings gibt es da ein wichtiges Detail, das noch erwähnt gehört. Dass man Mauritius mit dunkler Haut darstellte, hatte weniger etwas mit der tatsächlichen Hautfarbe als mit Mauritius' Herkunft zu tun, die man abbilden wollte. Gang und gäbe wäre gewesen, ihn als stereotypen Ägypter mit Krummsäbel und Turban zu verewigen, doch diese Insignien standen für Muslime und besagter Heiliger war ja Christ.

Erste bekannte Abbildung des heiligen Mauritius als Schwarzer in Magdeburg. Quelle: Rabanus Flavus via Wikimedia Commons Erste bekannte Abbildung des heiligen Mauritius als Schwarzer in Magdeburg. Das ist alles deswegen relevant, weil es bedeutet, dass Hautfarbe eine ganz andere Bedeutung im Mittelalter hatte als heutzutage. Dass sie so wenig Erwähnung in alten Schriften findet, hängt wohl damit zusammen, dass Religion und Stand viel relevanter waren, als welcher Ethnie man angehörte. So gibt es beispielsweise Dokumente, die auf die Anwesenheit von äthiopischen Botschaftern in Konstanz verweisen. Die reden aber nicht von Schwarzen - sondern nur von Gesandten aus Äthiopien.

Ob es nun also wirklich Schwarze im Böhmen des 15. Jahrhunderts gab, kann man abschließend gar nicht genau sagen, weil es möglich ist, dass es einfach niemand aufgeschrieben hat. Man kann aber wohl davon ausgehen, dass sie zu dieser Zeit dort nicht wirklich zu sehen waren oder nur in großen Städten, die ggf. auf prominenten Handelsrouten gelegen haben.

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