Zwischen Gamergate und Woke: Der interessante Fall von Kingdom Come: Deliverance

Kolumne Antonia Dreßler
Zwischen Gamergate und Woke: Der interessante Fall von Kingdom Come: Deliverance
Quelle: PC Games

Manchmal schieben wir Spiele in eine politische Ecke, ohne sie von allen Seiten zu betrachten. Wie schnell Kingdom Come: Deliverance von ganz rechts nach ganz links wanderte, beweist aber, dass es nicht immer so einfach ist.

Das Rabbithole Kingdom Come

Ich hoffe, ich habe mit den letzten Absätzen klargemacht, wie tief das Rabbithole war, in das ich da gefallen bin, einfach weil ich wissen wollte, ob es jetzt schwarze Personen in Böhmen um 1400 herum gab oder nicht. Bei all den Erkenntnissen und Fakten, die es über die Zeit gibt, ist vor allem eines klar: Man kann nichts zu 100 Prozent genau sagen. Es gibt kein "historisch korrekt", weil man bei vielen Dingen einfach gar nicht weiß, was historisch korrekt überhaupt bedeutet. Alle Aufzeichnungen von Menschen sind schon immer durch ihre Weltanschauung geprägt und von persönlichen Meinungen durchsetzt. Vieles können wir heute einfach nicht mehr nachlesen, weil es die Jahrhunderte nicht überdauert hat, und einiges wurde schlicht nie aufgeschrieben.

Und wenn man diese lang hergeleitete Erkenntnis nun auf Kingdom Come: Deliverance anwendet, bedeutet das, dass die Entwickler nie eine echte Chance hatten, wenn es um die Abbildung des "korrekten" Mittelalters ging. Es hätten sich so oder so Leute darüber aufgeregt, dass da Ideologie, Politik und diese oder jene Form von Rassismus mit hineingespielt hätten. Dass ein gewisser Game Director unnötig Öl ins Feuer gekippt hat, war sicherlich auch ein Teil des Auslösers und Vávras Zustimmung gewisser Gamer-Gate-Inhalte war und ist ebenfalls zu verurteilen.

Artwork von Kingdom Come: Deliverance 2 Quelle: Deep Silver Doch so rechts und schlecht, wie er damals von vielen dargestellt wurde, kann auch diese Person nicht sein. Spätestens jetzt hat sich das Blatt mit Kingdom Come: Deliverance 2 (jetzt kaufen 45,91 € / 28,99 € ) nämlich gewendet. Plötzlich ist KCD2 "woke" und Vávra ein Verräter an der Anti-Woke-Bewegung: Man kann in einem Rollenspiel mit dem Protagonisten eine gleichgeschlechtliche Beziehung eingehen? Es gibt eine Gruppe von Roma, mit deren Kultur und Sprache man sich auseinandersetzen kann? Und jetzt gibt es doch einen Schwarzen im Spiel? Das sind für einige Leute genügend Gründe, um Vávra vorzuwerfen, er hätte über die Inhalte seines Spiels gelogen und politische Dinge ins mittelalterliche Böhmen gebracht, die historisch nicht korrekt seien.

Zwischen Kunst, Politik und Politikum

Wie vor sieben Jahren verhält sich Vávra gegenüber der rechten Meute ähnlich, wie er es vor der linken getan hat: Er steht zu seinem Spiel, verweist auf die Beratung von Historikern und die Vision seines Teams. Was genau seine politische Einstellung ist? Ich weiß es nicht, aber ich bin definitiv nicht von allem Fan, was er gesagt und getan hat, vor allem als er sich auf die Seite verrückter "Gamergatler" gestellt hat. Wovon ich aber Fan bin, ist die Art und Weise, wie Vávra sich treu bleibt und sich nicht nach rechts noch nach links schieben lässt - ganz genauso wie sein Spiel.

Kingdom Come: Deliverance ist nämlich nicht unbedingt politisch, wenn man es nicht zu einem Politikum macht. Genauso muss die Frage, ob es nun Schwarze in Böhmen gab, als die Kumanen eingefallen sind, niemanden gegeneinander aufhetzen. Ich habe nicht stundenlang in Historikerforen und tschechischen Online-Artikeln gewühlt, weil ich recht haben wollte, sondern weil mich interessiert hat, was denn nun stimmt. Und das ist doch das Wundervolle an einem Spiel wie KCD: Das es Fragen aufwirft und jeder sie so für sich behandeln und beantworten kann, wie er möchte - ganz ohne sich wegen eines Videospiels an die Gurgel zu gehen.

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