Harry Potter und der Stein der Weisen: Retro-Special zum Game-Boy-Color-RPG

Special Katharina Pache
Harry Potter und der Stein der Weisen: Retro-Special zum Game-Boy-Color-RPG
Quelle: Electronic Arts

Lumos! Wir bringen Licht ins Dunkel der Vergangenheit bei einem Blick auf Harry Potter und der Stein der Weisen für den Game Boy Color. Leiden wir unter verblendeter Erinnerung? Dieser Frage gehen wir in unserem großen Retro-Special zum 8-Bit-Rollenspiel auf den Grund.

Wir springen 20 Jahre zurück in die Vergangenheit - zumindest gedanklich, denn als bemitleidenswerte Muggel haben wir keine Möglichkeit, tatsächlich in der Zeit zu reisen. Wir schreiben das Jahr 2001, erst vor einigen Monaten lief der Auftakt der Harry-Potter-Reihe in den Lichtspielhäusern. Der erste Roman von J.K. Rowling wurde 1997, also vor vier Jahren veröffentlicht und begeistert junge und alte Leser auf der gesamten Welt. Klar also, dass an dieser offensichtlichen Lizenz zum Gelddrucken großes Interesse besteht! So auch bei Publisher Electronic Arts, der sich des ersten Teils der Serie annimmt und zahlreiche Spiele zu Der Stein der Weisen auf den Markt bringt. Dabei handelt es sich, je nach Plattform, um sehr unterschiedliche Titel von verschiedenen Studios.

In diesem Artikel aber soll es um die Fassung für den guten, alten Game Boy Color gehen, die 2001 das Licht der Welt erblickte. Übrigens: Während deutsche Leser und Zocker den Auftakt der Reihe unter dem Namen Harry Potter und der Stein der Weisen kennen, gibt es international Unterschiede. Rowlings Roman trägt im Vereinigten Königreich den Namen Harry Potter and the Philosopher's Stone, in Amerika hingegen lautet der Titel Harry Potter and the Sorcerer's Stone - bei den Spielen ist es genauso.
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Obwohl sich die Bezeichnungen unterscheiden, hinter beiden Namen versteckt sich auf dem Game Boy Color des gleiche Spiel. Und nun die wichtige Frage: War Der Stein der Weisen denn ein gutes Lizenz-Game?

Viele Namen, viele Spiele

Harry Potter und der Stein der Weisen: Retro-Special zum Game-Boy-Color-RPG (5) Quelle: PC Games Harry Potter und der Stein der Weisen: Retro-Special zum Game-Boy-Color-RPG (5) Harry Potter und der Stein der Weisen basiert explizit nicht auf dem Film, sondern auf dem Roman. Deshalb sehen die Charaktere auch nicht den Schauspielern ähnlich, sondern orientieren sich an den Beschreibungen in der literarischen Vorlage. Das bedeutet auch, dass ihr auf die ikonische Filmmelodie verzichten müsst und stattdessen relativ austauschbarer Dudelei lauscht. Außerdem erlebt ihr im Spiel die wichtigsten Momente aus dem Buch, auch solche, die im Kinostreifen weggelassen wurden. Poltergeist Peeves zum Beispiel hat es in keinen der insgesamt acht Filme geschafft, auf dem Game Boy Color aber habt ihr die "Freude", den unangenehmen Zeitgenossen kennenzulernen. Quidditch-Matches dürft ihr hier allerdings nicht austragen (in manch anderen Ausgaben des Spiel für den Rest der damaligen Plattformen aber schon). Und Vorsicht: Obwohl die Vermutung nahe liegt, handelt es sich bei der Ausgabe für den Game Boy Advance nicht um das gleiche Spiel in besserer Optik: Harry Potter und der Stein der Weisen für die Nachfolger-Nintendo-Handheld-Konsole ist ein Puzzle-Spiel, kein RPG wie auf dem GBC!

Harry Potter und der Stein der Weisen: Retro-Special zum Game-Boy-Color-RPG (6) Quelle: PC Games Harry Potter und der Stein der Weisen: Retro-Special zum Game-Boy-Color-RPG (6) Das Game-Boy-Color-Spiel stammt vom Entwicklerteam Griptonite, das auch weitere Lizenzversoftungen für Nintendo-Plattformen übernommen hat, etwa zu Der Herr der Ringe oder James Bond, und auch die Fortsetzungen des GBC-Titels kreierte. Den Anfang macht das Hosentaschenabenteuer mit dem Start von Harrys Leben als Zauberer: Er bekommt den Brief, der ihn zum Besuch der altehrwürdigen Zaubereischule Hogwarts berechtigt, anschließend kauft er gemeinsam mit Hagrid in der Winkelgasse ein - ab diesem Punkt übernehmt ihr die Kontrolle über den Helden. Präsentiert wird die Geschichte in einem Genre, das auf Nintendo-Konsolen seit jeher hervorragend funktioniert, nämlich als Rollenspiel. Die Ähnlichkeiten zu diversen japanischen RPGs, besonders aber zur schon damals extrem erfolgreichen Pokémon-Reihe, sind sicherlich kein Zufall, sondern das Resultat von einer korrekten Einschätzung der Zielgruppe auf dem Game Boy Color. Beim Durchqueren und Erforschen der magischen Welt trifft Harry immer wieder auf Gegner. Anders als in einem Pokémon, bei dem in gewissen Gebieten jederzeit Zufallsbegegnungen stattfinden können, werden potentielle Auseinandersetzungen hier mit über dem Spielfeld herumschwebenden Wolken markiert.

Harry Potter und der Stein der Weisen: Retro-Special zum Game-Boy-Color-RPG (7) Quelle: PC Games Harry Potter und der Stein der Weisen: Retro-Special zum Game-Boy-Color-RPG (7) Gelegentlich entstehen diese Wolken aber direkt über Harry, wodurch er nicht ausweichen kann und ein Kampf beginnt - unter gewissen Umständen gibt es also doch die eine oder andere Zufallsbegegnung ... Harrys Widersacher können Ratten sein oder größere Ungeheuer und Zauberwesen. Die Ansicht in Auseinandersetzungen erinnert stark an die in alten Final-Fantasy-Spielen. Zwar ist Harry oft mit seinen Freunden Ron und Hermine unterwegs, aktiv an Gefechten nimmt aber nur Harry teil, während Monster auch in Gruppen attackieren können. Der Held greift mit Zaubern an oder nutzt und Items Karten für spezielle Effekte. Allzu taktisch geht es dabei angesichts nur einer steuerbaren Spielfigur und der überschaubaren Menge an defensiver Magie nicht zu, natürlich gibt es aber diverse Stärken und Schwächen bei Gegnern, die ihr durch Experimentieren herausfinden und dann berücksichtigen solltet. Ein schönes Detail ist das Levelsystem der Zauber:

Durch den Einsatz werden sie stärker und ihr könnt verbesserte Formen einsetzen. Zwei kleine Haken gibt es dabei allerdings: Zum einen kosten die besseren Sprüche mehr Magiepunkte, zum anderen erweitern sie die unübersichtliche Liste an Zaubern, die ihr bei jeder Kampfaktion auf der Suche nach der gewünschten Magie durchforsten müsst. Die Menüs sind unattraktiv, teilweise nicht auf den ersten Blick verständlich und sie fressen Zeit - auch, wenn ihr ein bestimmtes Item einsetzen wollt, müsst ihr es zunächst in der schnöden Textliste finden und auswählen. Genre-üblich steigt auch Harry mit gesammelter Erfahrung im Level auf, außerdem legt ihr in fünf unterschiedlichen Slots diverse Ausrüstung an, etwa neue Handschuhe (das Modell der Spielfigur sieht jedoch immer gleich aus).

Magische Kartentricks

Kein übler Einstieg: Das Menü bei Spielstart versprüht Harry-Potter-Flair. Auf die kultige Titelmelodie der Filme muss man auf dem Game Boy aber verzichten. Quelle: PC Games Kein übler Einstieg: Das Menü bei Spielstart versprüht Harry-Potter-Flair. Auf die kultige Titelmelodie der Filme muss man auf dem Game Boy aber verzichten. Vermutlich von Pokémon inspiriert wurde die Kartenmechanik in Harry Potter und der Stein der Weisen. Wie in den Romanen gibt es im GBC-Spiel Sammelkarten von berühmten Zauberern. Kombiniert ihr diese oder setzt ihr sie einzeln ein, entfalten sich im Kampf nützliche - oder auch weniger nützliche - Effekte. Während der Grundgedanke gelungen ist, nutzt der Titel die Mechanik aber nicht besonders erfolgreich aus, zumal an dieser Stelle besonders für die jungen Zauberlehrlinge zu wenig erklärt wird. Beim Herumstromern durch Hogwarts findet ihr an den unmöglichsten Stellen neue Karten, die euer Deck erweitern. Stichwort Hogwarts: Die Zaubererschule ist riesig, auch auf dem Game Boy Color. Allerdings sind viele Bereiche des Prachtbaus quasi Füllmaterial - es gibt dort nichts storyrelevantes zu tun, ihr findet vielleicht ein paar Items, aber das war es schon.

Für Harry ist alles neu und aufregend in der Winkelgasse. Auch im Spiel müsst ihr eure Einkäufe – Bücher, Kessel, Zauberstab – fürs Schuljahr erledigen. Quelle: PC Games Für Harry ist alles neu und aufregend in der Winkelgasse. Auch im Spiel müsst ihr eure Einkäufe – Bücher, Kessel, Zauberstab – fürs Schuljahr erledigen. In Ermangelung einer Karte und angesichts der oft sehr vagen Hinweise des Spiels, wo es weitergeht, verläuft man sich des Öfteren in den Hallen der Schule. Während Harry Potter und der Stein der Weisen sicherlich nicht zu den schönsten GBC-Spielen gehört (dazu sind die Hintergründe oft zu unübersichtlich und hässlich), so sehen die flüssigen Animationen der Figuren doch überraschend gut aus. Einzelne Momente sind außerdem stimmungsvoll umgesetzt, etwa der Ausflug in den Wald oder der Flug mit dem Besen. Mit einer Spielzeit von etwa acht Stunden ist der Umfang ordentlich, wenn auch deutlich entfernt von einem Pokémon Silber oder Pokémon Gold, den damals aktuellen Editionen, die JRPG-Fans in etwa 30 Stunden bei Laune hielten. Wer alles im Harry-Potter-Game-Boy-Abenteuer finden und machen will, ist natürlich länger beschäftigt, allerdings besteht ein nicht zu unterschätzender Teil der Spielzeit aus dem (sehr langsamen) Herumlaufen, um Botengänge zu erledigen, dem Finden des richtigen Weges und dem Durchwühlen von Menüs auf der Suche nach dem gewünschten Zauber oder Item.

Einäugig unter den Blinden

Neben Freunden lernt Harry auch Widersacher kennen. Etwa Draco Malfoy, der zum Zauberduell auffordert, bevor beide überhaupt Hogwarts betreten haben. Quelle: PC Games Neben Freunden lernt Harry auch Widersacher kennen. Etwa Draco Malfoy, der zum Zauberduell auffordert, bevor beide überhaupt Hogwarts betreten haben. Das klingt nun alles recht harsch. Allerdings kam das Spiel trotz seiner Problemchen nicht schlecht bei der Zockergemeinde an. Eine Archivfassung der inzwischen vom Netz genommene Testübersichtsseits Gamerankings verrät, dass der Wertungsdurchschnitt bei einem ordentlichen Wert von 73 lag. Zugutehalten muss man den Entwicklern von Der Stein der Weisen außerdem, dass sie viele Kritikpunkte am Spiel in der Fortsetzung Die Kammer des Schreckens, auch für den GBC veröffentlicht, aus der Welt schafften oder es zumindest versuchten. Statt in Form von Textwüsten präsentieren sich die Menüs und Items hier durch simple und sofort verständliche Symbole, Harry muss nicht mehr alleine kämpfen und man kann sogar Quidditch spielen. Dennoch: Mit Deluxe-Lizenzspielen wie etwa der Batman-Reihe kann sich Harry nicht messen, aber die GBC-Rollenspiele sind immerhin auch keine Vollkatastrophe wie etwa Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1, das in der DS-Fassung mit einem Wertungsdurchschnitt von 56 im Vergleich zu den restlichen Ausgaben fast schon einen Hit darstellt - gerade einmal auf 37 Punkte Spielspaßwertung kommt die PC-Version im Durchschnitt.

Bevor Harry am Steg von Hogwarts anlegt, muss er mit dem Boot Monstern ausweichen. Eine ziemlich nervige Stelle und exklusiv im Spiel enthalten. Quelle: PC Games Bevor Harry am Steg von Hogwarts anlegt, muss er mit dem Boot Monstern ausweichen. Eine ziemlich nervige Stelle und exklusiv im Spiel enthalten. Klar, es gibt auch deutlich bessere Harry-Potter-Lizenzspiele, etwa die Lego-Varianten der Kinofilme. Beeindruckend bei der Betrachtung all der Videospielumsetzungen zur Geschichte des Zauberers ist allerdings die schiere Vielfalt an Genres und Stilen, die dabei abgedeckt werden. Vom Third-Person-Shooter (Die Heiligtümer des Todes) zum Puzzle-Game (Der Stein der Weisen auf dem Game Boy Advance), über Zelda-ähnliche Action-Adventures (Die Kammer des Schreckens auf dem PC), einem Quidditch-Spin-off für den PC bis zu einem Geschicklichkeitsspiel für Xbox Kinect (passenderweise Harry Potter for Kinect genannt), gibt es für so ziemlich jede Nische ein Harry-Potter-Spiel. Zuletzt wurde auf Fans des Universums das durchwachsene Mobile Game Harry Potter: Hogwarts Mystery losgelassen.

Trotz mieser Durchschnittswertungen existiert es seit drei Jahren erfolgreich, was auch an der ungebrochenen Liebe der sogenannten Potterheads für die von J.K.Rowling erdachte Welt liegt. Zwar ist die Geschichte um Harry zu Ende erzählt, mit der Filmreihe zu Phantastische Tierwesen lebt das Potterversum aber munter weiter (übrigens gibt es auch zu der Filmreihe bereits zwei Spiele). Als Switch-Besitzer und Potter-Fan ist es schwer zu verkraften, dass Hogwarts Legacy nicht für die Nintendo-Konsole erscheinen wird (so jedenfalls der aktuelle Informationsstand). Das riesige Open-World-Rollenspiel entführt euch in das Hogwarts im 19. Jahrhundert - wie spannend! Als Ersatz dafür kann das kleine Game-Boy-Color-Rollenspiel Der Stein der Weisen natürlich nicht mithalten. Aber vielleicht steht euch ja der Sinn nach ein bisschen Nostalgie?

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