Ghost of Tsushima: Das PS4-exklusive Samurai-Abenteuer im Test

Test Christian Dörre
Ghost of Tsushima: Das PS4-exklusive Samurai-Abenteuer im Test
Quelle: Sony

Vor etwa einem Monat erst erschien The Last of Us: Part 2 und nun folgt mit Ghost of Tsushima auch schon der nächste und auch letzte große Exklusivtitel der PS4-Ära. Wir haben das Open-World-Action-Adventure der Infamous-Entwickler Sucker Punch gespielt und verraten euch im Test, warum das Abenteuer um Protagonist Jin Sakai ein echtes Highlight geworden ist.

Die Wege des Samurai

Neben der Inszenierung setzt sich Ghost of Tsushima aber vor allem durch sein grandioses, voll auf die Führung des Katana ausgelegtes Kampfsystem von anderen Genrevertretern ab. Wir erhalten keine neuen Waffen, die uns verstärken. Stattdessen lernen wir, mit dem Katana immer besser umzugehen. Das müssen wir auch, denn mit Button-Mashing kommt man nur zu Beginn des Spiels zurecht. Ghost of Tsushima ist niemals zu schwer oder gar unfair, aber schon auf dem mittleren der drei auswählbaren Schwierigkeitsgrade hat man in den Kämpfen nur eine Chance, wenn man konzentriert zur Sache geht, die eigenen Fähigkeiten geschickt einsetzt und die jeweiligen Schwächen der Gegner ausnutzt.

Mit gezielten starken Schlägen durchbrechen wir die Deckung der Mongolenkrieger. Vor allem gegen Schildkämpfer müssen wir so agieren. Quelle: PC Games Mit gezielten starken Schlägen durchbrechen wir die Deckung der Mongolenkrieger. Vor allem gegen Schildkämpfer müssen wir so agieren. Wir verfügen über schnelle Hiebe und stärkere Schläge, die Deckungen durchbrechen können, aber auch langsamer sind. Zudem führen wir mit der Kreistaste einen Ausweichschritt aus, um unblockbaren oder unparierbaren Schlägen auszuweichen, die mit einem rot oder blau aufleuchtenden Kreuz angekündigt werden. Halten wir L1 gedrückt, blocken wir Attacken. Drücken wir L1 jedoch genau im Moment des Angriffs, parieren wir diesen und können sofort selbst angreifen. Mit R1 setzen wir zudem ausgerüstete Objekte schnell ein. So werfen wir beispielsweise eine Rauchbombe, um uns ungesehen aus dem Staub zu machen, wenn uns zu viele Gegner umzingelt haben, oder wir nutzen Kunai, um schwer gepanzerte oder mit Schilden ausgerüstete Gegner zum Straucheln zu bringen.

Das alles ist die zunächst recht simpel wirkende Basis. Die Kämpfe sind jedoch fordernd, da wir uns auf die Gegner sowie deren Waffen und Angriffsmuster einstellen müssen. Neben verschiedenen Fernkämpfern gibt es vier Gegnerklassen: Schwertkämpfer, Speerkämpfer, Gegner mit Schild und Barbaren. Für jede Klasse gibt es einen bestimmten Kampfstil. Anfangs besitzen wir nur den für Schwert schwingende Gegner am besten geeigneten, weitere Stile schalten wir frei, indem wir Mongolenanführer beobachten und töten.

Ein rotes oder blau aufblitzendes X weisen uns darauf hin, dass wir die Attacke des Gegners nicht blocken oder parieren können. Quelle: PC Games Ein rotes oder blau aufblitzendes X weisen uns darauf hin, dass wir die Attacke des Gegners nicht blocken oder parieren können. Jederzeit können wir zwischen den verschiedenen Kampfhaltungen wählen, indem wir R2 halten und dann den Stil mit der zugewiesenen Aktionstaste bestätigen. Das geht schnell und ist bitter nötig, da wir zumeist gegen viele Feinde unterschiedlicher Klassen zugleich antreten. Die Fieslinge sind zudem auch noch ziemlich gewitzt. Zwar greift uns immer nur ein Gegner direkt an, doch wenn wir diesen dann attackieren, versuchen uns die anderen Feinde in die Seite oder den Rücken zu fallen. Wie ein Samurai isolieren wir also einzelne Gegner, um sie dann im Kampf Mann gegen Mann zu fällen.

Wer jetzt denkt, dass es insgesamt nur vier Gegnerarten gibt, liegt jedoch falsch. Jede Klasse hat mehrere Kämpfertypen mit verschiedenen Stärken, Schwächen und Angriffsmustern. Bis zum Ende der Story werden wir immer wieder mit neuen Gegnern konfrontiert, auf die wir uns einstellen müssen. Die Kämpfe bleiben dadurch durchweg frisch, fordernd und verdammt spaßig. Je weiter wir kommen, je mehr Fähigkeiten wir freischalten, desto mehr fühlen wir uns selbst wie ein Samurai. Das Kampfsystem bietet genügend Tiefe, um sich stetig zu verbessern und umso motivierter sind wir natürlich, uns in das nächste Gefecht mit den Mongolen zu stürzen. Kaum etwas ist befriedigender als sich ohne einen Kratzer abzubekommen durch eine Gruppe Gegner zu schneiden.
Fordern wir Mongolen heraus und beweisen gutes Timing, töten wir die Feinde mit nur einem Streich. Quelle: PC Games Fordern wir Mongolen heraus und beweisen gutes Timing, töten wir die Feinde mit nur einem Streich.

Der entschlossene Krieger

Ein weiterer Punkt, der die Kämpfe fordernd macht, ist der Verzicht auf Medi-Kits oder gar Selbstheilung. Jin Sakai heilt sich durch seine eigene Entschlossenheit. Über unserem Lebensbalken in der linken unteren Ecke befinden sich gelbe Kreise, die unsere Entschlossenheit zeigen. Werden wir im Kampf verwundet, drücken wir auf dem Digi-Kreuz nach unten und heilen uns. Ist die Entschlossenheit aufgebraucht, können wir uns aber natürlich nicht mehr heilen.

Glücklicherweise füllen sich die Entschlossenheitskugeln, indem wir Gegner töten oder erfolgreich verschiedene Fähigkeiten einsetzen. Besonders gelungene Herausforderungen verleihen uns viel Entschlossenheit. Mit Herausforderungen meinen wir hier jedoch keine Quests oder sonstige Aktivitäten, sondern das ehrenhafte Herausfordern zum Kampf. Stoßen wir auf Gegner, können wir natürlich versuchen, sie zu umgehen oder sie direkt angreifen, doch ein ehrenwerter Samurai macht auf sich aufmerksam, indem er auf dem Digi-Kreuz nach oben drückt. Genau so steht es im Kodex.

Nun stellt sich uns ein einzelner Kontrahent aus der Feindesgruppe entgegen und wir halten die Dreiecktaste. Lassen wir diese genau in dem Moment los, in dem der Gegner uns angreift, töten wir den Fiesling mit nur einem Streich und gewinnen Entschlossenheit. Sollten wir jedoch zu früh die Taste loslassen, was von den Mongolen mit Antäuschungen provoziert wird, dann verlieren wir auf einen Schlag fast unsere gesamte Lebensenergie. Man muss also abwägen, ob man dieses Risiko eingeht.

Im Laufe des Abenteuers schalten wir verschiedene Rüstungen frei, die wir auch in mehreren Stufen verbessern können. Quelle: PC Games Im Laufe des Abenteuers schalten wir verschiedene Rüstungen frei, die wir auch in mehreren Stufen verbessern können. Erweiterte und gefüllte Entschlossenheit zahlt sich jedoch aus, denn später benutzt man diese nicht nur, um sich zu heilen, sondern auch um erlernte Spezialattacken einzusetzen. Diese sind besonders in den Duellen wichtig, die oftmals als Bosskämpfe fungieren. Auch hier sieht man, dass Ghost of Tsushima nicht darauf ausgelegt ist, nur durch die Story zu rushen. Das Spiel belohnt einen, wenn man Nebenaufgaben erledigt, wie eben das Meistern eines Bambusstands, um mehr Entschlossenheitskugeln zu erhalten.

Ansonsten erhält man diese nur durch Stufenaufstiege, schließlich kommt kein modernes Action-Adventure mehr ohne RPG-Elemente aus. Wir dürfen zwar selbst keine sich auf die Handlung auswirkenden Entscheidungen treffen, doch es gibt allerhand Skill-Trees, in denen wir Talentpunkte einsetzen dürfen. Mit dem Abschließen von Quests erhöhen wir unsere Legende und jede Legendenstufe ist auf einzelne Talentpunkte aufgeteilt. TP dürfen wir auf Manöver wie Ausweichen oder Parieren, aber auch auf die einzelnen Kampfstile oder Gadgets anwenden. Erweitert sich schließlich unsere Legende, erhalten wir zusätzliche Gesundheit und Entschlossenheit.

Zudem dürfen wir unseren Samurai auch in verschiedene Rüstungen mit unterschiedlichen Boni stecken. Wer gerne schleicht, nimmt beispielsweise die Ronin-Rüstung, da die Gegner einen damit nicht so schnell sehen. Wer lieber die direkte Konfrontation sucht, entscheidet sich hingegen für schwere Samurai-Rüstung. Mit gesammelten Vorräten und Materialien können wir außerdem Bögen, Tanto, Katana, verschiedene Gadgets und auch unsere Rüstungen in mehreren Stufen verbessern.
Im Kurosawa-Modus erlebt man das Spiel mit einem speziellen Filter, der an die Filme des Regisseurs erinnern soll. Quelle: PC Games Im Kurosawa-Modus erlebt man das Spiel mit einem speziellen Filter, der an die Filme des Regisseurs erinnern soll.

Technik und Kritikpunkte

Story, Charaktere, Inszenierung und Gameplay von Ghost of Tsushima sind allesamt klasse und dazu bietet das Spiel auch noch genügend Content, um lange zu unterhalten. Da trifft es sich gut, dass sich der Titel auch technisch keine Blöße gibt. An den Pflanzen, Bäumen und vor allem an den Felswänden erkennt man immer wieder mal platte oder etwas matschige Texturen. Das sind aber auch nur kleine Makel, denn im Großen und Ganzen sieht das Spiel echt super aus. Die Lichteffekte sind wunderschön, die Charaktermodelle sind detailliert und die Farbenvielfalt der Spielwelt ist einfach herrlich.

In engen Räumen postiert sich die Kamera teilweise sehr ungünstig und muss manuell nachjustiert werden. Quelle: PC Games In engen Räumen postiert sich die Kamera teilweise sehr ungünstig und muss manuell nachjustiert werden. Sehr schön sind auch Details wie Schlamm oder Blut, die an unserer Rüstung kleben bleiben. Aber auch die geschmeidigen Animationen im Kampf sind eine echte Augenweide. Dabei läuft das Spiel selbst bei hohem Gegneraufkommen stets flüssig. Sowohl die deutsche als auch die englische und japanische Tonspur sind zudem gut gelungen und die Stimmen passen zu den meisten Charakteren.

Ein bisschen Kritik hat aber auch Ghost of Tsushima verdient. Der angepriesene Kurosawa-Modus ist nicht mehr als nur ein (cool aussehender) Filter. Ja, Cineasten werden kurz Spaß daran haben, das Spiel mit dem Look der Filme des japanischen Regisseurs zu versehen, aber eigentlich ist der Filter eher nervig, da man so Missionsmarker oftmals nicht erkennt und auf der Map nicht direkt zwischen Haupt- und Nebenmissionen unterscheiden kann.

Ebenfalls fielen uns immer wieder mal kleinere KI-Aussetzer auf. So kam es durchaus mal vor, dass ein Verbündeter an einer Laterne kurzzeitig festhing oder uns den Weg versperrte und wir ihn irgendwie wegschubsen mussten. Auch die Gegner-KI strauchelt schon mal ein wenig. So geben sie die Suche nach uns immer etwas schnell auf und im Kampf kam es auch mal vor, dass ein Feind vor und zurücklief, sich aber nicht entscheiden konnte, ob er uns nun angreift oder nicht. Das kam jedoch äußerst selten vor.

Etwas nerviger war da eher die Kamera, die sich in engen Räumen gerne mal hinter Objekten versteckte und dann mitten im Gefecht manuell justiert werden musste. Zudem bringen die vielen Fähigkeiten unseres Protagonisten eben auch eine Überbelegung der Steuerung mit sich. Selbst das Touchpad hat ganze fünf Funktionen. Drücken wir drauf, gelangen wir in den fokussierten Modus, in dem wir Gegner durch Objekte hindurch rot markiert sehen können. Wischen wir nach links, spielen wir Flöte, nach unten wischen führt zu einer Verbeugung, rechts zieht man das Katana oder steckt es weg und oben lässt man den Wind den richtigen Weg anzeigen.

Uns passierte es dadurch leider manchmal, dass wir beim Schleichen aus Versehen auf das Touchpad kamen und uns mitten in einem feindlichen Lager vor niemandem verbeugten. Das war lustig, riss uns aber auch etwas aus der Atmosphäre. Ihr merkt aber schon, die genannten Kritikpunkte sind eher kleine Macken und keine schwerwiegenden Fehler, die einem den Spielspaß versauen. Ghost of Tsushima ist in allen Belangen ein sehr gutes Spiel, das sich vor den anderen Exklusiv-Blockbustern nicht verstecken braucht und damit einen würdigen First-Party-Abschied für die PS4 darstellt.

Meinung & Wertung

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