Ghost of Tsushima - DLC im Test: Tolle Erweiterung oder Geldmacherei? - Der Director's Cut
Test
Vor etwa einem Monat erst erschien The Last of Us: Part 2 und nun folgt mit Ghost of Tsushima auch schon der nächste und auch letzte große Exklusivtitel der PS4-Ära. Wir haben das Open-World-Action-Adventure der Infamous-Entwickler Sucker Punch gespielt und verraten euch im Test, warum das Abenteuer um Protagonist Jin Sakai ein echtes Highlight geworden ist.
Nur etwa einen Monat nach The Last of Us: Part 2 erscheint mit Ghost of Tsushima bereits das nächste große PS4-Exklusivspiel. Das Open-World-Action-Adventure der Infamous-Entwickler Sucker Punch steht also doppelt unter Druck. Es darf im immer noch währenden Hype um das zweite The Last of Us nicht untergehen und als letztes großes First-Party-Spiel dieser Playstation-Generation erwartet man natürlich, dass der Titel qualitativ in die großen Fußstapfen vorheriger Exklusivhits wie Horizon: Zero Dawn, Spider-Man, Uncharted 4 oder God of War tritt.
Das Update zum DLC findet ihr auf Seite 3 des Artikels.
Lesetipp: Ghost of Tsushima: Einsteiger-Guide mit Tipps zum Samurai-Abenteuer
Hinzu kommt, dass es aufgrund der Covid-19-Pandemie vor dem Release keine Preview-Möglichkeiten für die Presse gab und auch potenzielle Käufer den Titel nicht auf Messen anzocken konnten. Steht das Spiel also unter einem schlechten Stern? Kann ausgerechnet das letzte große Exklusivspiel dieser Ära nicht abliefern? Haben wir euch mit diesen Zeilen skeptisch gegenüber Ghost of Tsushima (jetzt kaufen 54,90 € ) gemacht? Na hoffentlich nicht, denn der Titel trotzt allen widrigen Umständen, liefert die gewohnt hohe Sony-Qualität, ist in Sachen Setting und Gameplay jedoch erfrischend anders. Sucker Punch beschert der betagten Konsole zum Abschluss noch mal ein echtes Highlight!
Ghost of Tsushima im Test
Gegen die Horde
Quelle: PC Games
Die Mongolen sind den Japanern zahlenmäßig und kriegstechnisch überlegen.
Ghost of Tsushima spielt im Japan des Jahres 1274 und wir übernehmen die Rolle des jungen Samurai Lord Jin Sakai. Nach dem Tod seiner Eltern wurde Sakai von seinem Onkel Shimura aufgezogen, der als Fürst im Namen des Shoguns die kleine Insel Tsushima regiert. Ein lockeres Lord-Leben gibt es für unseren Protagonisten trotzdem nicht, denn die Mongolen starten ihre Invasion in Japan, und die startet ausgerechnet auf Tsushima.
Jin, sein Onkel und etwa 80 weitere tapfere Samurai stellen sich der mongolischen Streitmacht unter der Führung von Khotan Khan entgegen, obwohl sie wissen, dass sie keine Chance gegen die riesige Armee haben und die Invasion nur verlangsamen sollen, damit die Truppen mehr Zeit haben, sich auf Kyushu zu formieren. Das Spiel beginnt direkt mit der Schlacht am Strand und wir erleben ein echtes Blutbad. Die Japaner sind den Invasoren nicht nur zahlenmäßig unterlegen, die Mongolen setzen auch noch Waffen wie Hwachas oder Schwarzpulverbomben ein.
Um uns herum werden die Samurai niedergemäht und auch Jin geht irgendwann inmitten der Leichen seiner Kameraden zu Boden. Wie durch ein Wunder überlebt er jedoch seine schweren Verletzungen und wird von der Diebin Yuna gesund gepflegt. Von ihr erfährt Jin, dass die Mongolen bereits die halbe Insel eingenommen haben. Doch noch wichtiger: Khotun Khan hält Fürst Shimura gefangen. Mit dem Katana seines Vaters und der Ehre der Samurai stellt sich Jin dem Khan zum Kampf, unterliegt diesem jedoch und entkommt nur knapp mit dem Leben. Sein Onkel bleibt jedoch gefangen.
Jin sieht ein, dass er allein mit dem Ehrenkodex der Samurai gegen diese Gegner nicht bestehen kann. Er braucht Verbündete und eine neue Strategie. Doch kann er den Kodex so einfach kurzzeitig ablegen und ehrlos die Invasoren bekämpfen? Heiligt der Zweck hier die Mittel? Jin steht vor einem großen moralischen Dilemma, für uns entfaltet sich jedoch eine spannende, wendungsreiche Geschichte, die mit vielen interessanten Figuren und vor allem dem toll inszenierten Weg unseres innerlich zerrissenen Helden überzeugt.
Quelle: PC Games
Ähnlich wie die Meuchelmörder aus Assassin's Creed führt auch Jin Sakai Attentate aus dem Verborgenen aus.
Der Geist und die Dunkelheit
Sucker Punch hätte es sich einfach machen und einfach nur erzählen können, wie der Protagonist seine Heimat vor den bösen Invasoren retten will. Doch das Studio nutzt dies geschickt als Prämisse, um eine sehr persönliche Geschichte über einen Krieger zu erzählen, der nur zum Helden wird, indem er seinen Moralvorstellungen abschwört und dadurch vielleicht sogar sich selbst aufgibt. Der Weg von Jin Sakai ist spannend bis zum Schluss, was auch an den toll geschriebenen Nebencharakteren liegt, die Jin jeweils auf ihre Art beeinflussen.
Khotan Khan ist ein gerissener Kriegsherr, der vor nichts zurückschreckt und somit ein hervorragender Antagonist, der einen mit seinen Gräueltaten immerzu antreibt, die Mongolen zu zerschlagen. Fürst Shimura hingegen ist der klassische Samurai. Das Wort des Shoguns ist Gesetz und ein Samurai darf sich nur gemäß des Kodex verhalten. Gleichzeitig ist er aber auch eine Vaterfigur, die Jin liebt. Die Diebin Yuna zeigt Jin Vorgehensweisen im Kampf, die er noch nie gesehen hat und auch nicht glaubte, jemals mal selbst anwenden zu müssen. Yuna erscheint zunächst gefühlskalt, es gibt jedoch gute Gründe dafür, warum sie sich so verhält.
Quelle: PC Games
Khotan Khan ist ein gerissener, skrupelloser Kriegsherr und damit ein richtig guter Antagonist.
Wir wollen hier auch nicht zu viel verraten, denn es ist unglaublich interessant, die Nebenfiguren kennenzulernen und langsam deren Hintergründe zu erfahren. Die Charaktere sind Teil der Hauptquest, bieten jedoch auch eigene optionale Questreihen, in denen wir ihnen helfen. Der gewiefte Sake-Händler Kenji lässt sich beispielsweise immer neue Dinge einfallen, um die Mongolen zu betrügen, während der Meisterbogenschütze Ishikawa seine ehemalige Schülerin aufspüren will, die sich gegen ihn gestellt hat und nun die Mongolen in seiner Bogenkunst ausbildet.
Auch in diesen Quests wird Jins moralischer Kompass immer wieder auf die Probe gestellt. Wie in einem GTA gibt es also eine feste Gruppe aus Charakteren, die uns Quests anbieten. Manche Figuren wachsen uns dabei ans Herz, andere hingegen wecken unser Misstrauen. Von diesen Aufgaben, in denen wir mehr über die Hintergründe unserer Verbündeten erfahren, profitiert auch die Hauptgeschichte. Die Helfer bei Jins Freiheitskampf sind eben nicht einfach irgendwelche NPCs, zu denen man keine Bindung hat, sondern Charaktere mit eigenen, nachvollziehbaren Motivationen.
Quelle: PC Games
Die einzelnen Geschichten und Hintergründe der Nebencharaktere sind wirklich interessant und untermauern schön die Hauptstory.
Man bekommt aber natürlich nicht nur Quests von Verbündeten. Auf unserer Reise über die Insel treffen wir immer wieder auf Bürger, die uns, als vermeintlich letztem Samurai Tsushimas, um Hilfe anflehen. Auch diese teils recht kurzen Aufgaben erzählen sehr oft kleine Geschichten, sodass man auch motiviert ist diese eher unwichtigen Quests abzuschließen. Konzentriert man sich alleine auf die Hauptstory, ist Ghost of Tsushima wohl in etwa 20 Stunden durchgespielt, widmet man sich jedoch auch den optionalen Quests und weiteren Nebenaufgaben, kann man locker noch mal die gleiche Spielzeit draufpacken. Eher noch mehr.
Wer abseits der Kampagne Dinge erledigt, macht sich das Leben auch viel einfacher, da man überall kleine Belohnungen erhält, die man ausrüsten kann oder mit denen man sich oder seine Kampfkünste aufrüsten darf. Ohnehin gibt es auf dem Eiland so viel zu entdecken, dass man eigentlich gar nicht anders kann, als sich ablenken zu lassen und sich in der schönen abwechslungsreichen Spielwelt zu verlieren.
Quelle: PC Games
Wischen wir auf dem Touchpad nach oben, zeigt uns der Wind, in welcher Richtung unser Missionsziel liegt.
Welt der Belohnungen
Wie schon bei der Geschichte nahm sich Sucker Punch auch bei der Gestaltung der Spielwelt einige kreative Freiheiten. Während das echte Tsushima eher gleichmäßig grün ist, gibt es in der virtuellen Variante verschiedene Klimazonen, Wälder, Bergregionen oder Sümpfe. Das PS4-Tsushima ist mal verregnet, braun und matschig, mal erblüht es in den schönsten Farben. Die verschiedenen Gebiete sind optisch wunderbar abwechslungsreich, die Übergänge sind jedoch fließend, sodass sich die Spielwelt jederzeit glaubwürdig und organisch anfühlt.
Dazu trägt auch bei, dass wir zwar Wegpunkte setzen können, uns aber dann nicht auf einer Mini-Map der Weg angezeigt wird. Stattdessen lassen wir uns von der Natur leiten. Streichen wir auf dem Touchpad nach oben, fegt Wind über das Gebiet und zeigt uns so, wo wir hinreiten müssen. Nähern wir uns dem Ziel, zeigt uns ein Marker dann ganz genau, wo wir hin oder wen wir ansprechen sollen. Dieses Feature funktioniert sehr gut und fügt sich gut in die Geschichte ein, dass sich die Insel mit aller Macht gegen die Invasoren zur Wehr setzt. Überhaupt ist der Wind natürlich auch in einem historischen Kontext interessant, schließlich sorgte der Kamikaze, der göttliche Wind, damals eigentlich dafür, dass die Mongoleninvasion gestoppt wurde.
Jins Naturverbundenheit geht aber noch weiter. Die Karte der Spielwelt ist zu großen Teilen von Nebel bedeckt, der sich erst lichtet, wenn wir im jeweiligen Gebiet unterwegs sind. Allerdings machen uns kleine goldene Vögel immer wieder auf interessante Dinge in der Umgebung aufmerksam. So führen sie uns beispielsweise zu heißen Quellen, in denen wir unsere Gesundheitsleiste erweitern, oder zu Stellen, an denen wir Haikus verfassen, um neue Kopfbedeckungen zu erhalten.
Quelle: PC Games
An Bambusständen trainieren wir, um mehr Entschlossenheit zu erhalten.
Zudem gibt es noch Bambusstände, an denen wir unsere Entschlossenheit (dazu später mehr) erhöhen können, oder auch Fuchsbauten. Dort treffen wir (wer hätte das gedacht?) auf einen Fuchs, der uns zu einem Inari-Schrein führt. Beten wir davor, erhalten wir neue Plätze für Talismane. Talismane erhalten wir neben Erfahrungspunkten bei Quest-Abschlüssen und sie geben uns verschiedene Offensiv- oder Defensiv-Boni.
Eine ganz andere Form von Belohnung stellen die Bergschreine dar. Die Wege zu den heiligen Stätten wurden von den Mongolen zerstört, sodass wir uns einen neuen Weg zum Gipfel suchen muss. Dafür begeben wir uns auf spielerisch sehr simple, aber grandios aussehende Klettertouren. Beten wir am Schrein erhalten wir zwar auch einen besonderen Talisman, die eigentliche Belohnung ist aber der zumeist wunderschöne Ausblick auf die Insel.
Neben diesen schönen Dingen in der Spielwelt treffen wir jedoch auch immer wieder auf einzelne Mongolentrupps, Gefangenentransporte, Banditen oder angriffslustige Wildtiere, mit deren Pelzen wir Munitionstaschen erweitern können. Zudem gibt es natürlich noch allerhand Lager und Forts der Mongolen, die es zu erobern oder zerstören gilt. Töten wir genug Mongolenanführer in Lagern, schalten wir eine neue Kampfhaltung frei (auch dazu gleich noch mehr).
Quelle: PC Games
Durch das Baden in heißen Quellen erhöht sich leicht unsere maximale Gesundheit.
Als wäre das alles noch nicht genug an Beschäftigungen, findet man an manchen Stellen auch besonders schwierige Gegner, die einen zum Duell fordern, und es gibt mehrere Schatzsuchen im Spiel. Überall in Tsushima sind Musikanten unterwegs, die Legenden von besonderen Waffen, Rüstungen oder Kampftechniken erzählen. Setzen wir die Hinweise richtig zusammen, erhalten wir eben jene legendären Objekte, die teils ganz besondere Boni bieten.
Tsushima mag nicht die größte offene Welt sein, aber die Insel ist genial gestaltet, bietet optische Abwechslung und zahlreiche Nebenaufgaben, für die man allesamt nützliche Belohnungen erhält. Da die Aktivitäten nicht einfach nur Punkte auf der Karte sind, bekamen wir nie das Gefühl, nur eine Aufgabenliste abzuarbeiten. Vielmehr wirken sie toll in die Welt integriert und wir erfreuten uns am spürbaren Fortschritt, da unser Jin von jeder gelösten Nebenaufgabe profitierte.
Quelle: PC Games
Die Duelle im Spiel fungieren oftmals als Bosskämpfe und sind packend sowie genial inszeniert.
Der Geist geht um
Beim Questdesign ist Ghost of Tsushima nicht sonderlich innovativ, sondern bietet eher Standardkost. Am ehesten könnte man es hier mit der Assassin's-Creed-Reihe vergleichen. Meistens müssen wir in ein feindliches Gebiet eindringen, um dort Geiseln zu befreien, bestimmte Objekte zu erlangen oder ganz einfach sämtliche Gegner über den Jordan zu schicken. In manchen Missionen müssen wir unentdeckt bleiben, in den allermeisten Fällen dürfen wir uns aber aussuchen, ob wir schleichend vorgehen oder uns den Mongolen offen und ehrenhaft zum Kampf stellen.
Für beide Methoden erhalten wir im Spielverlauf immer weitere Gadgets und Fähigkeiten. So können wir beispielsweise Gegner mit Feuerwerkskörpern ablenken, sie mit Windglocken in eine bestimmte Ecke locken oder wir lernen, heimliche Attentate zu verketten. Zudem haben wir sogar zwei Bögen zur Hand, dürfen Rauch- und Haftbomben werfen oder können wie Ubisofts Meuchelmörder Sprungattentate aus erhöhter Position durchführen.
Quelle: PC Games
Mit Brandpfeilen können wir trockenes Gras entzünden, um Gegner zu verbrennen.
Besonders befriedigend ist es jedoch, wenn man die Umgebung dazu nutzt, die Mongolen um die Ecke zu bringen. Wir können beispielsweise einen Pfeil auf ein Wespennest schießen, Feuerschalen kaputtschießen, wenn Feinde darunter stehen, oder auch ganz einfach einen Brandpfeil ins trockene Gras schießen, durch das sich gerade eine Patrouille bewegt. Wir haben hier längst nicht alle Gadgets und Beseitigungsmöglichkeiten genannt. Das Spiel gibt uns immer neue Hilfsmittel an die Hand, um die Invasoren aus dem Verborgenen zu bekämpfen. Dadurch werden die zumeist recht gleichförmigen Missionen auch nie langweilig.
Das mag sich jetzt schon alles sehr nach Assassin's Creed in Japan anhören, doch es gibt auch einige Unterschiede. Ghost of Tsushima bietet nämlich nicht nur eine viel bessere Erzählung mit interessanten Charakteren, sondern auch eine viel stärkere Inszenierung. Immer wieder gibt es echte Highlight-Missionen, bei denen wir etwa eine Burg stürmen. Hier möchten wir aber wirklich nicht mehr sagen. Ghost of Tsushima bietet tatsächlich einige Überraschungen und die wollen wir euch natürlich nicht kaputtmachen.
