Far Cry 5: Far Cry 5: Im Ton vergriffen - Peter Bathges Kolumne zur Story-Schizophrenie in Ubisofts Open-World-Shooter
Kolumne 53,99 €
Redakteuer Peter Bathge hat viel Spaß mit Far Cry 5. Doch Ubisofts Open-World-Shooter besitzt eine große Schwäche: die Story. In seiner Kolumne erklärt Peter ganz ohne Spoiler, warum die einzelnden Handlungsfäden nicht nur langweilig sind, sondern sich auch gegenseitig widersprechen. Seht ihr das ähnlich oder habt ihr eine andere Meinung? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!
Far Cry 5 (jetzt kaufen / 53,99 € ) hat ein Story-Problem. Und ich rede nicht davon, dass die Geschichte um einen Kult unter der Führung des wahnsinnigen Anführers Joseph Seed belanglos ist. Das ist sie zwar und ich habe mich während der Zwischensequenzen in Ubisofts Open-World-Shooter ein ums andere Mal gelangweilt, aber das ist nicht der große Fehler im Herzen der Erzählung. Es geht mir nicht darum, dass die Charaktere (selbst die in den Vorgängern so charismatischen Bösewichter!) diesmal extrem austauschbar wirken, dass die Handlung auf absurde Zufälle vertraut und der/die komplett stumme Held(in) gleich mehrmals hintereinander von den Fieslingen gefangen genommen wird und sich anschließend befreien kann.
Nein, was mir an der Far Cry 5-Story so sauer aufstößt, ist ihr Ton. Oder sollte ich besser sagen: Töne? Denn wo man ein harmonisches Konzert der erzählerischen Noten und charaktergebundenen Melodien erwartet, wird das innere Ohr von einer Kakofonie der missklingenden Laute angefallen. Far Cry 5 wirkt wie ein Flickenteppich unterschiedlicher Plot-Ansätze, ein Durcheinander aus Story-Interpretationen, ein Tauziehen um die Deutungshoheit der Geschichte, bei der Gesellschaftskritik und Humor, politische Satire und Machtfantasie aufeinander prallen, miteinander um den Platz im Bühnenlicht ringen und sich gegenseitig in die Quere kommen.
Far Cry 5-Kolumne zur Story: Hintersinnige Realsatire? Eher nicht
Quelle: PC Games
Joseph Seed und sein Kult verleihen Far Cry 5 einen ernsten, brandaktuellen politischen Anstrich - aber das ist nur Fassade.
Man stelle sich folgende Szene vor: Im Rahmen einer Nebenquest soll ich ein junges Pärchen zur nächsten Klinik fahren; die Frau ist schwanger und der Ehemann hält ihre Hand, während ich über die Straßen Montanas kurve. Auf der Straße muss ich Kühen, Traktoren und Heuballen ausweichen, so ist das eben im hinterwäldlerischen Teil der USA. Doch die Szenerie verändert sich, plötzlich stürzt ein Flugzeug ab, mit brennenden Flügeln, rechts und links der Straße explodiert irgendetwas, aus der Fahrt zum Krankenhaus wird ein Trip durch die Hölle, amüsant kommentiert vom werdenden Vater, der während all dieses Chaos von seiner schwangeren Frau die Finger zerquetscht bekommt. Lustig, nicht?
Nur existiert dieser Auftrag nicht in einem bunt-blöden Far Cry: Blood Dragon, das nichts und niemanden ernst nimmt, schon gar nicht sich selbst. Sondern in einem Far Cry 5, das in der Hauptstory allenfalls unfreiwillig lustig ist. Denn hier wird eine Geschichte erzählt, indem mir die Entwickler einen schwülstigen Monolog nach dem anderen ins Gesicht drücken, vorgetragen von Abziehbildchen-Bösewichtern mit eindimensionaler Motivation, deren endlosem Wortschwall ich wehrlos ausgeliefert bin, kann mein stummer Avatar doch nichts entgegnen. Ich bin zum Zuhören verdammt, ein passiver Zeuge des pathetischen Blödsinns, den Ubisofts Story-Schreiber wieder einmal verzapft haben.
Die Handlung um einen Kult rund um dessen wahnsinnigen Anführer Joseph Seed im US-Bundesstaat Montana dreht sich um die Angst vor einem Atomkrieg, um religiösen Fanatismus und die bizarren Formen, welche das Misstrauen gegenüber der Regierung in Washington in Verbindung mit dem Recht auf Waffenbesitz annehmen kann. Das hanebüchene Szenario verschließt sich dabei jedweder Logik. Jetzt mal ehrlich: Man schickt wirklich nur EINEN US-Marshall, um den Kultführer festzunehmen, und dann kann man anschließend nicht einmal mit einem Flugzeug den Staat verlassen, um Hilfe zu holen?
In der Zeit vor dem Far Cry 5-Release wurde Ubisoft nicht müde, in Trailern und Pressemitteilungen die vermeintliche Brisanz des US-Szenarios seines neuen Open-World-Shooters zu betonen. Das Spiel schien mit Blick auf den Siegeszug der Alt-Right-Bewegung in den realen USA und den Wahlsieg der Republikaner mit Donald Trump als Präsidentschaftskandidaten entwickelt worden zu sein. Themen wie die Militiarisierung der US-Gesellschaft, das Schubladendenken großer Teile der Bevölkerung, die Frage der Waffenkontrolle, die Themen Kult und Religion - Ubisoft hat die Publicity rund um diese Brennpunkte im aktuellen politischen Klima genutzt, um Far Cry 5 zu bewerben. Dabei war die implizierte Botschaft: "Unser Spiel wird zu all diesen Themen etwas zu sagen haben."
Meine Erkenntnis nach dem Far Cry 5-Test und dem Durchspielen in 25 Stunden: Hat es nicht.
Quelle: PC Games
Ist Hurra-Patriotismus nun gut für die USA oder schlecht? Far Cry 5 will sich nicht festlegen.
Die Sache mit den Rinderhoden
Far Cry 5 ist kein politischer Kommentar, dafür waren die Entwickler viel zu sehr darauf bedacht, bloß keine Gesellschaftsgruppe zu verärgern. Nicht einmal die Waffen-Lobby NRA braucht sich zu echauffieren, denn der Ego-Shooter lebt von seiner Glorifizierung von Schusswaffen. Kritik an überzogenem Patriotismus? Gibt es nicht, schließlich zählt der Widerstand gegen Seed und Bande auf die Unterstützung abgedrehter Einsiedler, die Knarren und Vorräte in ihren Weltuntergangsbunkern gehortet haben. Den in den realen USA allgegenwärtigen Rassimus blendet Far Cry 5 sogar schlichtweg aus, die Hautfarbe spielt hier keine Rolle. White-Supremacy-Bewegungen werden somit ebenfalls nicht von Ubisoft getadelt.
Bizarr: Die Far Cry 5-Entwickler trauen sich nicht einmal, religiöse Fanatiker vermeintlich christlicher Prägung zu verteufeln, denn der böse Kult im Spiel ist letztlich ja nur eine Bande Schießwütiger, von denen viele durch die Wunderdroge "Bliss" zu willenlosen Zombies gemacht wurden. US-Präsident Donald Trump? Wird ein paar Mal durch die Blume ins Spiel gebracht, aber das macht aus Far Cry 5 noch kein politisches Spiel. Nein, Far Cry 5 bezieht in keinem Bereich seiner Story aktiv Stellung und ist dadurch letztlich unsäglich nichtssagend.
Quelle: PC Games
Mit dem Monster Truck im "Stars & Stripes"-Design zu patriotischer Musik Stuntrennen fahren: Der Ton von Far Cry 5 macht wilde Sprünge.
Auch weil die Autoren (und man merkt, dass keine einheitliche Vision hinter diesem Spiel steht, sondern ein vielleicht auch untereinander zerstrittenes Team von Individualisten mit unterschiedlichen Vorstellungen) von einem Moment auf den anderen extreme Schwankungen im Ton der Erzählung hinbekommen, die mich staunend vor dem Bildschirm zurücklassen. Da wird eben noch über Kannibalismus gesprochen, ich rette eine Frau aus einer Folterkammer, Charakteren wird ohne Betäubung die Haut aufgeritzt und abgeschnitten - und dann kommt ein Auftrag wie mit der eingangs beschriebenen Fahrt zur Entbindung daher, der so gar nicht zu diesem düsteren Szenario passt. Heiter, förmlich überdreht geht es dann plötzlich weiter, vor allem in den Nebenquests.
Von der beklemmenden Atmosphäre unter der Knute des Kults ist dann mit einem Mal keine Rede mehr. Stattdessen muss ich für einen wirren Forscher, dessen Äußeres verdächtig an Brent Spiners Rolle in Independence Day (Dr. Okun) erinnert, Alien-Artefakte besorgen und ihm dabei helfen, auf eine andere Dimensionsebene aufzusteigen. Dann wieder fahre ich in einem auf "Maximum Patriotism" gestylten Monster Truck über Hindernisparkours und springe durch patriotisch angemalte brennende Reifen im Blau-Weiß-Rot-Farbmuster. Okay, das geht vielleicht noch als nicht allzu subtile Verballhornung der Lieblingshobbys ländlicher US-Bürger durch. Aber was für eine Botschaft soll die Far Cry 5-Quest mit den Bullenhoden beinhalten?
Quelle: PC Games
Rinderhoden per Traktor ernten: Far Cry 5 fühlt sich manchmal an, als wäre es von zwei gegeneinander arbeitenden Autoren-Teams mit völlig unterschiedlichen Ansätzen in Sachen Atmosphäre und Ton geschrieben worden.
Auf der einen Seite will Far Cry 5 die Abgründe der Menschlichkeit ergründen, das Skript scheut nicht vor großen Begriffen wie Schuld und Sühne zurück. Und dann sind da immer wieder solche Aufträge wie der für einen Restaurantkoch, bei dem ich mich ernsthaft fragen musste, wer diesen kranken Scheiß bei Entwickler Ubisoft Montreal durchgewunken hat. Nachdem einer der drei Seed-Unterstützer den Weg allen Irdischen gegangen ist und eine der drei Regionen der Weltkarte vom schädlichen Einfluss des Kults befreit wurde, wollen die Bürger ihre neue gefundene Freiheit feiern. Zu einem solchen Volksfest gehört natürlich auch das gute, alte Barbecue. Und dafür braucht es ... Stierhoden. Ich erhalte also die ehrenvolle Aufgabe, in einem nahen Feld drei Stiere zu töten und sie um deren Kronjuwelen zu erleichtern. Grenzwertiger Humor, aber okay. Schließlich hat man in den Vorgängern ja auch schon reihenweise vom Aussterben bedrohte Tierarten abgeschlachtet, um sich ein geräumigeres Portemonnaie und zusätzliche Pistolenhalfter zu schneidern.
Ich entschließe mich also dazu, die Stiere schnell von ihrem virtuellen Leid zu erlösen, um auch diesen Auftrag abzuhaken. Doch ich habe die Rechnung ohne den Missionsdesigner gemacht, der sich beim Ausdenken dieser Quest wohl besonders clever vorkam: Ich darf die Stiere nicht einfach so abmurksen, sondern muss jeden auf eine besonders widerwärtige Art ausschalten. Der eine wird mit dem Traktor überfahren und zu Hackfleisch verarbeitet, Blutfontäne inklusive. Der nächste muss in Brand gesteckt werden, damit seine Eier schön knusprig sind. Und der letzte? Darf nur dann erschossen werden, wenn er gerade dabei ist, eine Kuh zu besteigen. Dabei spielt doch allen Ernstes der Song "Sexual Healing" von Marvin Gaye.
Soll das lustig sein? Ist Tierquälerei für die Ubisoft-Autoren ein Spaß? Und wie passt das zur restlichen Atmosphäre, zu Folter und vermeintlicher Gesellschaftskritik? Saßen die Far Cry 5-Autoren überhaupt einmal während der Entwicklung in einem Raum? Oder hat da jeder vor sich hin geschrieben, die einen beschäftigt mit den düsteren Themen rund um den Kult, der Rest in der Überzeugung, ein Satire-Spiel der Marke Saints Row zu entwickeln? Egal, das Ergebnis spricht für sich: Far Cry 5 ist ein Wirrwarr der unterschiedlichen Erzähltöne und Story-Intentionen. Es ist ein Spiel, das sich nicht entscheiden kann, was es dem Spieler zeigen und erleben lassen will, ob er Spaß haben oder sich Sorgen um den Zustand der US-Politik machen soll.
Nichts gegen dummen Spaß in einem Videospiel; ich bin der Letzte, der etwas gegen bescheuerte Ideen und skurrile Charaktere hat. Ich liebe die "Stranger & Freaks"-Missionen in GTA 5! Für Blödsinn bin ich immer zu haben, aber dann doch bitte einheitlich und nicht versteckt hinter einer Fassade der Ernsthaftigkeit. Far Cry 5 wirkt durch dieses Hin und Her in der Story und den Quests unausgewogen. Und ja: Unehrlich.
Quelle: PC Games
Schwein gehabt: Far Cry 5 verfügt glücklicherweise über ein ausgezeichnetes Gameplay. Ansonsten wäre der Shooter bei mir komplett unten durch.
Far Cry 5 und die Politik: Alles nur Täuschung
Es ist letztlich so gekommen, wie man sich das als Skeptiker vor dem Release hat ausmalen können: Die Ubisoft-Werbeabteilung hat den Wirbel in den realen USA clever ausgenutzt, um Werbung für Far Cry 5 und sein fiktives US-Szenario zu machen - ohne dass das Spiel die geweckten Erwartungen an die Story auch nur ansatzweise erfüllen könnte. Denn letztlich ist auch Far Cry 5 wieder vorrangig ein Open-World-Spielplatz, in den ihr zu Beginn mit Knarre und Karte entlassen werdet. Der Spaß entsteht beim Ansehen der Explosionen, beim Abknallen der dümmlichen KI-Gegner, beim Streifzug durch die hübschen Polygon-Wälder. Wer sich mehr erhofft hat, der hat wohl ausgeblendet, wie haarsträubend die Geschichten der Vorgänger waren, wie substanzlos ihre Anlehnung an ernste Themen wie Kolonialismus und Folter.
In dieser Hinsicht ist Far Cry 5 ein exzellenter Nachfolger: Auch wenn das Setting uns westlichen Spielern so nah und vertraut ist wie noch nie zuvor in der Serie, ist die darin erzählte Geschichte doch genauso realitätsfern wie eh und je, profillos und schnell vergessen. Eine vertane Chance? Zweifellos! Eine Überraschung? Leider nicht.
Was sagt ihr zur Far Cry 5-Kolumne und der Story? Schreibt uns eure Meinung in den Kommentaren!
